Urbane Zentren
Schrumpfende Städte in Lettland

„Riga SPOT 1024“ von Cnes - Spot Image -
„Riga SPOT 1024“ von Cnes - Spot Image - | CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons

Lettland hat eine Fläche von 64.000 km² bei 2,1 Millionen Einwohnern. Von diesen leben 69 Prozent in urbanen Zentren. Das Niveau der Verstädterung hat sich über die letzten Jahrzehnte trotz einschneidender Veränderungen der Einwohnerzahl und des Bevölkerungswachstums stabilisiert.

Lettlands Stadtgefüge

Die Siedlungsstruktur in Lettland weist ein paar Besonderheiten auf:
  • Die Metropolregion Riga beheimatet knapp die Hälfte der Landesbevölkerung.
  • Die zweitgrößte Stadt, Daugavpils, ist an der Einwohnerzahl gemessen sieben Mal kleiner als Riga.
  • Eine große Anzahl kleiner Städte (54 Stück) hat weniger als 10.000 Einwohner.
In Lettland besteht ein monozentrisches urbanes System mit Riga als dominantem Mittelpunkt. Um die Stadt herum dehnt sich ein weitläufiger Ballungsraum mit ca. 1,1 Millionen Einwohnern aus. Das bedeutet, fast die Hälfte der Landesbevölkerung konzentriert sich auf ungefähr 15 Prozent des Staatsgebiets. Riga spielt, wenn es um Städte geht, in einer anderen Liga. Sie ist die größte Stadt der baltischen Staaten und gleichzeitig auf europäischem Niveau eine wichtige Metropole im Ostseeraum. Riga übernimmt umfangreiche wirtschaftliche, kulturelle, politische, administrative und wissenschaftliche, sowie Bildungs- und Forschungsaufgaben. Darüber hinaus bietet die Stadt verschiedenste, mitunter hoch spezialisierte Dienstleistungen. Die unausgeglichene Siedlungsstruktur hat sich im Lauf der Geschichte entwickelt und wurde durch die exzessive industrielle Erschließung Rigas und der Umgebung in der Nachkriegszeit verschärft.

Die meisten kleinen Städte sind lokale Dienstleistungszentren für die ländlichen Gebiete; ihre zentrale Aufgabe besteht in der Bereitstellung kultureller, Bildungs- und Gesundheitsleistungen. Das ist typisch für die urbane Struktur Lettlands. Die Kleinstädte dieser Kategorie zählen in der Regel nicht mehr als 5.000 Einwohner, über 40 Städte verteilt beheimaten sie 6,5 Prozent der städtischen Bevölkerung Lettlands. Sie sind über das ganze Land verteilt, mit einer größeren Ballung im Norden Lettlands. Insgesamt nehmen Städte nur 1,1 Prozent des Staatsgebiets in Anspruch, während 51 Prozent der Gesamtbevölkerung Lettlands hier leben. Darüber hinaus sind 70 Prozent aller Arbeitgeber und Wirtschaftsunternehmen hier angesiedelt. Die Steuereinnahmen dieser Stadtgemeinden machen einen Anteil von 61 Prozent aller kommunalen Steuereinnahmen des Landes aus.

Migrationsströme

Die Einwohnerzahl all derer, die zu Beginn des Jahres 1991 in diesen Städten und Kleinstädten Lettlands lebten, beträgt rund 1,7 Millionen, zu Beginn des Jahres 2014 rund 1,2 Millionen. Bis 1989 speiste sich der Bevölkerungswachstum hauptsächlich aus dem Zuzug aus anderen Sowjetrepubliken. Nur annähernd ein Drittel des Bevölkerungsanstiegs ging auf natürliches Wachstum zurück. Seit der Unabhängigkeit Lettlands sind sowohl die Migrationsströme als auch die Geburtenrate drastisch zurückgegangen. Zwischen den Jahren 1991 und 2014 hat sich die Gesamteinwohnerzahl der Städte und Kleinstädte um 500.000 oder 24 Prozent verringert. Das vergangene Jahrzehnt hat dabei einen rasanteren Rückgang gesehen, als die Zeit zwischen 1991 und dem Beginn des Jahres 2000.

Einige Städte haben heute auch mehr Einwohner als Anfang des Jahres 1991. Trotzdem hat ein Großteil an Bewohnern verloren, zwölf Städte sogar bis zu 30 Prozent ihrer Einwohnerschaft des Jahres 1991. Um die 70 Prozent des Bevölkerungsrückgangs in den Städten kann binnenländischer und internationaler Migration zugeschrieben werden. Internationale Abwanderung hat die Städte Lettlands bis zum heutigen Zeitpunkt mehr als 200.000 ihrer Bewohner seit 1991 gekostet. Über 50 Prozent dieser Abwanderung ins Ausland betraf dabei die Stadt Riga. Aufgrund binnenländischer und internationaler Migration ging die Einwohnerzahl aller Städte Lettlands zwischen 1991 und 2013 zurück. Einzig die Stadt Jurmala konnte einen Gewinn an Einwohnern mit ständigem Wohnsitz verbuchen, dank ihrer attraktiven Umgebung und der günstigen Lage unweit der Hauptstadt Riga.

Der Gesamtumfang binnenländischer Migration ist deutlich zurückgegangen, von einem Hoch im Jahr 1990 zu einem Tief im Jahr 2003. Die Abwanderung hingegen verzeichnete einen starken Anstieg nach dem Eintritt Lettlands in die Europäische Union und erreichte einen Umfang von ungefähr 20.000 Personen im Jahr, zwei Drittel davon Stadtbewohner. Den ehemaligen Zuzug in die Städte hat seit 1990 die Umsiedlung in ländliche Gebiete abgelöst, insbesondere von den urbanen Zentren in die umliegenden Kommunen. Während die Wanderungsbilanz für den Großraum Riga positiv aussieht, besonders für zentrumsnahe Gemeinden, hat die Stadt Riga 25 Prozent ihrer Einwohner verloren.

Trotz der Bevölkerungsverluste seit 1990 bleibt Riga eine Stadt mit starker Konjunktur. Der beträchtliche Wandel der staatlichen Wirtschaftsstruktur kann dadurch erklärt werden, dass der Bedarf an konzentrierter Arbeitskraft heute nicht mehr annähernd so groß ist wie zu Zeiten sowjetischer Über-Industrialisierung. Andererseits erzeugen die große Auswahl an Arbeitsplätzen und die Entwicklung neuer und dynamischer Wirtschaftszweige eine größere Nachfrage nach qualifiziertem Fachpersonal und könnten somit eine Zunahme der Wanderungsströme anschieben.

Die Rezession: 2007 – 2012

Im Jahr 2011 fiel die Einwohnerzahl der Hauptstadt – zum ersten Mal seit den 1960er Jahren – unter die 700.000er Marke. Insgesamt hat die Zahl der Stadtbewohner in den fünf Jahren zwischen 2007 und 2012 beträchtlich abgenommen, einer Zeit, in der Lettland eine schwere Wirtschaftskrise erlebte. In den neun größten Städten schrumpfte die Bevölkerung um ca. 40.000 Menschen oder 3,5 Prozent. Der Bevölkerungsrückgang in den Städten erfolgte rapider im Vergleich zum durchschnittlichen Bevölkerungsrückgang in Lettland (-3%).

Das Verhältnis zwischen Stadt und Stadtregion

Statistische Daten geben Auskunft über die Veränderung der Einwohnerzahlen innerhalb der politischen Bezirke. Bedauerlicherweise spiegeln diese nur zum Teil den Prozess aus der Perspektive der Stadtentwicklung wider. Mit dem innerstädtischen Bevölkerungsverlust und dem Umzug der Einwohner in die Vorstädte und umliegenden Gemeinden findet eigentlich eine Umgestaltung der räumlichen Stadtstruktur statt. Aus Sicht funktionierender urbaner Räume ist der Bevölkerungsverlust nicht so bedeutend. Dieser Vorgang lässt sich am besten am Beispiel Rigas und der Metropolregion Riga verdeutlichen.

Seit den frühen Neunziger Jahren hat sich die Einwohnerzahl der historischen Innenstadt Rigas um 50 Prozent reduziert. In der gleichen Zeit ist die Bevölkerung des Großraums Riga um 50 bis 70 Prozent gewachsen. Die Statistik legt offen, dass das Zentrum Einwohner verliert, während der Großraum Riga einen Bevölkerungszuwachs verzeichnet. Dieses Verhältnis konterkariert die Entwicklung einer kompakten, effektiven Stadt, da die Einwohner dieser Gebiete in hohem Maße abhängig von den Entwicklungen in Riga sind, während es in einigen Fällen an öffentlichen Verkehrsmitteln, sozialer Infrastruktur, Instandhaltung und technischer Infrastruktur mangelt. Dennoch ist sehr offensichtlich, dass die Einwohner mit dem Lebensstandard in der Stadt unzufrieden sind und sie daher verlassen.

Wandel und Entwicklung

Lettlands urbane Zentren, insbesondere die größten Städte, haben polyfunktionelle ökonomische Strukturen entwickelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Wirtschaftspolitik treibender Motor für die Stadtentwicklung. Die Sowjetunion baute in diesen Städten Fabriken und die wirtschaftlichen Verbindungen waren eng mit den sowjetischen Rohstoff- und Absatzmärkten verknüpft. Gleichzeitig entwickelten sich Wirtschaftszweige auf Grundlage lokaler Rohstoffe und der Verarbeitung von Landwirtschafts- und Fischereierzeugnissen. Das sowjetische System baute neue Städte, die im Rahmen der staatlichen Zentralplanung in spezifische Richtungen spezialisiert waren. Es versteht sich von selbst, dass sich Lettlands Wirtschaft seit den 1990er Jahren entscheidend gewandelt hat. Sie wurde durch den strukturellen Wandel beeinflusst, der den Staat in recht kurzer Zeit von der Plan- zur Marktwirtschaft führte. Die Privatisierung staatlichen Eigentums ist im Wesentlichen abgeschlossen und ein Großteil der Einwohner geht einer Beschäftigung in der Privatwirtschaft nach, die für 66 Prozent der Bruttowertschöpfung verantwortlich zeichnet. Wie in vielen anderen Ländern, fand ein bedeutender Strukturwandel der Gesamtwirtschaft statt, aus der der Dienstleistungssektor als führender hervorging. Die wirtschaftliche Entwicklung hat allerdings nicht ganz Lettland gleichermaßen beeinflusst. Die stärksten Wachstumsraten sind in der Hauptstadtregion zu verzeichnen (Riga und der Großraum Riga vereinen fast 60 Prozent der ausländischen Investitionen auf sich), und in denjenigen Landesteilen, die traditionell enge Verbindungen zu Export-orientierten Wirtschaftszweigen und Transitleistungen haben.

Diese Veränderungen sind sowohl in der Beschäftigungsstruktur als auch in den allgemeinen funktionalen Strukturen von Städten zu Tage getreten. Die Industrie spielt eine geringere Rolle, neue Wirtschaftszweige sind entstanden – beispielsweise in den Bereichen Informationstechnologie und Immobilienwirtschaft. Daraus hervor geht der Bedarf die verschiedenen Arten der Raumnutzung und die in den Städten etablierte Flächennutzung zu überdenken. Dies zeigt sich in der Entstehung von Handels- und Servicezentren in städtischen Peripherien und der Gestaltung von „green fields“ rund um Hauptverkehrswege.