Wechselvolles Jahr 2013
Neue Gesichter und Räume für die Musik

Die Lettgallische Botschaft GORS
Die Lettgallische Botschaft GORS | Foto © Indrikis Sturmanis

Das Jahr 2013 brachte viele strukturelle Änderungen für die lettische Klassikszene mit sich. Wichtige Posten an der Spitze traditioneller Musikinstitutionen wurden neu besetzt und neue Räume für die klassische Musik geschaffen – als Neubau, Wiedereröffnung und temporäre Zwischennutzungen.

Das Jahr 2013 ist in die lettische Musikgeschichte durch Personalwechsel an der Spitze der zwei großen nationalen Musikinstitutionen eingegangen. Für die Lettische Nationaloper (LNO) kam dieser Wechsel fast unerwartet, für das Lettische Nationale Symphonieorchester war er fast zu erwarten gewesen.

Kulturpolitische Konflikte

Schon einige Zeit war bekannt, dass die Kulturministerin mit der Tätigkeit der LNO, weniger hinsichtlich des Spielplans, als vielmehr wegen des Finanzplans unzufrieden war. Im Zentrum des Konflikts standen zwei äußerst emotionale Personen, die sich nicht einigen konnten: die Kulturministerin Žaneta Jaunzeme-Grende (im Amt in den Jahren 2011 bis 2013) und der Direktor der LNO Andrejs Žagars (an der Spitze der Oper in den Jahren von 1996 bis 2013). Dies hier ist nicht der Platz für eine tiefergehende Analyse der Umschwünge in den Beziehungen dieser beiden schillernden Persönlichkeiten, oder ihrer Leistungen. Vielmehr soll festgestellt werden, dass es der riesengroße Verdienst von Andrejs Žagars war, die LNO aus der Stagnation der 90er Jahre zu neuem Leben erweckt zu haben.

Auch die Ministerin hatte gute Ideen wie man die Kunst erfolgreich mit der Wirtschaft zusammenführen kann und man muss anerkennen, dass sie den so notwendigen Dialog zwischen dem Ministerium und nicht-staatlichen Organisationen in Gang gesetzt hat. Doch im Falle der Oper war der Konflikt faktisch unlösbar geworden und bei dem Zusammenprall dieser zwei Persönlichkeiten, denen es an Kommunikationsfähigkeit mangelte, verloren schließlich beide: Ja, Žagars wurde des Direktorenpostens der LNO enthoben, doch auch Jaunzeme-Grende wurde vom Ministerpräsidenten wegen ihres Unvermögens, sich mit den Kulturvertretern zu arrangieren, zum Rücktritt gezwungen. Im November 2013 wurde der populäre Komponist Zigmars Liepiņš, der sich in einem wiederholten Auswahlverfahren durchgesetzt hatte, zum Direktor der LNO berufen.

Seit dem Jahr 2013 hat auch das Lettische Nationale Symphonieorchester einen neuen künstlerischen Leiter und Chefdirigenten: Andris Poga. Nach seinem Sieg im Svetlanova-Wettbewerb in Montpellier wurde Poga zum Leiter des Pariser Orchesters und Assistenten von Paavo Järvi ernannt. Er war auch für zwei Spielzeiten Assistentdirigent am Bostoner Symphonieorchester. Pogas internationale Karriere verläuft ohne scharfe Sprünge gleichmäßig bergauf, er bekam Engagements bei hochklassigen Orchestern in Frankreich, den USA und Japan und im lettischen Kontext hat Andris Poga ohne Zweifel als professionell hochwertiger Symphoniedirigent zu gelten. Vielleicht sind von ihm keine glänzenden Überraschungen zu erwarten, doch seine Darbietungen sind qualitativ hervorragend, sein Musikstil ist architektonisch stark und modern. Wie sich die Zusammenarbeit Pogas mit dem LNSO, das bei der Auswahl seiner Helden wählerisch ist, entwickelt, wird die Zeit zeigen, doch wurden schon in den ersten Monaten der Kooperation beachtliche künstlerische Höhen erreicht.

Neue Gebäude für die Musik

Konzertsaal Cesis Konzertsaal Cesis | Foto: Bruno Kabucis, 2014 Eines der größten Ereignisse in Lettland des Jahres 2013 war zweifellos die Eröffnung der „Lettgallischen Botschaft GORS“ in Rēzekne im Zentrum Lettgallens. In diesem multifunktionalen Gebäude befindet sich der erste wirklich akustisch hochwertige Konzertsaal unseres Landes und ich kann das Gefühl, das mich beim erstmaligen Hören der Proben zur Eröffnung des Konzertsaales ergriff, nicht einmal annährend beschreiben. Man betritt den Saal, der architektonisch unprätentiös, doch sympathisch ausgestattet ist. Der Maestro hebt den Taktstock und was von der Bühne aus erklingt, ist etwas, das man bis jetzt nur außerhalb Lettlands zu hören bekam. Nichts Übernatürliches – in einfach guter und angemessener Akustik erklingt klar und majestätisch das Dvoraksche Te Deum, die schöne Krönung des Eröffnungskonzerts der „Gora“.

Im Mai 2014 wurde in Vidzeme der Konzertsaal „Cēsis“ eröffnet – das grundlegend renovierte ehemalige „Haus der Kultur“. Im Jahr 2015 wird der Konzertsaal „Großer Bernstein“ in Liepāja seine Türen öffnen. In Riga tut sich immer noch nichts. Eines ist klar: solange die Stadtführung diesbezüglich keine Ambitionen entwickelt werden auch keinen Neubauten entstehen. Wie in Paris. Tatsächlich wird die neue Philharmonie in der französischen Hauptstadt nun doch endlich fertig – die Eröffnung ist für den Januar 2015 geplant.

Alternative Räume in der Hauptstadt

In Riga dagegen sucht die Musik inzwischen nach Alternativen. Der Jugendchor „Kamēr...“ gab in den verlassenen Räumen der ehemaligen Tabakfabrik eine unvergesslich schöne Aufführung unter dem Titel „Svētā vēja dziedājumi“. Die exotische Musik von John Luther Adams harmonierte wunderbar mit den prachtvollen Stimmen der Choristen, wie auch die gesamte Inszenierung der Opernregie-Studentin der Hans Eisler-Musikhochschule Margo Zālīte mit dem roten Sonnenuntergang hinter den Fabrikfenstern. Im Lettischen Museum für Eisenbahngeschichte fanden Porträts des im Februar 2013 verstorbenen Dichterriesen Imants Ziedonis Platz. Der Lettische Radiochor brachte dort originell sanft arrangierte Lieder der lettischen Musiklegende Imants Kalniņš zu Texten von Ziedonis zur Aufführung. In dem kleinen Konzertsaal „Spīķeri“ hören sich moderne klassische und elektroakustische Musikprojekte immer gut an und eines von ihnen war das sorgsam abgestimmte chorale Stück I Exist As I Am des jungen Komponisten Krists Auznieks, das vom Chor des Lettischen Radio auf dem Konzert Greed aufgeführt wurde. Das Stück wurde im Frühling 2014 auf dem von der UNESCO veranstalteten Kompositions-Wettbewerb ROSTRUM im Wettbewerb junger Komponisten mit dem zweiten Platz ausgezeichnet.

Doch Klavierklänge in einer großen Kirche, das ist schon ungewöhnlich. Sofort fallen einem dabei die von Vestards Šimkus gespielten Klavierstücke des deutschen Multitalents Hans Otte im Rahmen des meditativen Programms „Wiederschein“ des lettischen Radiochors ein. Auch das klare Solo von Raimonds Pauls, der die Musik von Gija Kančeli interpretierte, bleibt als Schmuckstück des großzügigen Programms des Chors „Lettland“ in angenehmer Erinnerung.

Festivals fernab der Großstadt

Außerhalb Rigas verdienen nicht nur die großen Musikfestivals in Sigulda, Liepāja oder Dzintari Beachtung, sondern auch beispielsweise eine Perle wie das Kammermusik-Festival „Sansusī“ in Susējas, das im Sommer 2013 erstmalig stattfand und den Ehrgeiz hat zum lettischen Woodstock zu werden. Oder auch das Musikfestival in Salacgrīva, das vom ersten Geiger der „Moskauer Virtuosen“, Aleksejs Lundins, ausgerichtet wird. Aus einer kleinen Einzelinitiative hat sich dieses Festival zu einem beachtlichen Musikereignis mit qualitativen Meisterklassen und einem ernsthaften Konzertprogramm entwickelt. Im Sommer 2014 trat dort einer der originellsten Musik-Denker, der legendäre Pianist Christian Zacharias, auf. Ein besonderes Ereignis für Lettland, wo sich Kulturereignisse oft auf die Hauptstadt konzentrieren; bei seinem ersten Besuch im Land spielte Zacharias nicht in Riga, sondern in Salacgrīva.