Traditionelle lettische Musik
Unakademische Akkorde

Zarbugans
Zarbugans | © Mūsdienu mūzikas centrs, 2013

Auch aus dem Bereich der traditionellen Musik klingen immer wieder neue Töne. Laima Jansone, Andris Grunte und Artis Orubs sind nur einige Namen junger Musizierender, die eine lebendige, musikalisch ganz und gar zeitgenössische Szene prägen.

Auch außerhalb der klassischen Musik hat sich einiges getan im Jahr 2013 – genauer gesagt im Bereich der lettischen traditionellen Musik. Die Rede ist von der Kokle-Spielerin Laima Jansone (sie spielt mit der traditionellen Kokle, nicht mit der im 20. Jahrhundert erfundenen Konzert-Kokle). Ihre Karriere als Solistin begann schon vor einigen Jahren. Laima ist eine der ersten Absolventinnen des relativ jungen Studiengangs Ethnomusikologie der Lettischen Musikakademie Jāzeps Vītols (JVLMA), im Rahmen dessen sowohl Theorie als auch – und das in größerem Maße – praktisches Musizieren gelehrt wird. Schon bald stellte sich heraus, dass Laima eine ganz eigene Vorstellung davon hat, wie man die Kokle zum Tanzen bringen kann. Die Improvisationen der jungen Musikerin begeistern weniger durch ihre thematische Struktur, als durch ihre funkensprühende Vielgestaltigkeit und die Reaktionen des Publikums sind überall dort, wo Laima auftritt, stürmisch. Laima Jansone ist auch die erste Musikerin, die eingeladen wurde auf der prestigeträchtigen internationalen Musikmesse WOMEX ein Solokonzert zu geben. Ihr Auftritt mit dem Programm „Sidrabs“, das in Zusammenarbeit mit dem Videoregisseur Olafs Okonovs entstand, fand im Herbst 2011 in Kopenhagen statt.

Rau wie Eichenrinde und kräftig wie Heidekraut-Bier

Für viele war es wohl eine große Überraschung, als 2013 das gemeinsame Album „Zarbugans“ von Laima Jansone, dem Schlaginstrumentalisten Artis Orubs und dem Kontrabassisten Andris Grunte erschien. Das war nun mit der musikalischen Perle „Sidrabs“ nicht mehr vergleichbar: Hier war alles morastig wie die Frühlingserde, rau wie Eichenrinde und kräftig wie lettgallisches Heidekraut-Bier. Die musikalische Zusammenstellung funktionierte folgendermaßen: Laima Jansone spielt auf verschiedenen Kokles, akustischen und elektroakustischen. Artis Orubs sitzt als Multiinstrumentalist vor einem Haufen verschiedenster Instrumente, darunter auch ein selbst erfundener „Zarbugans“. Andris Grunte zeigt auf seine olympische Art einen unerschöpflichen Einfallsreichtum am Bass. Der Eindruck der Darbietung ist faszinierend und die kreative Kraft der gemeinsam erschaffenen Musik wird von der Tatsache unterstrichen, dass das Konzert jedes Mal anders klingt – so stark wird improvisiert. Doch eines ändert sich nie: In allen Kompositionen, so vielgestaltig diese auch sein mögen, spürt man einen lettischen Kern. Dieses Projekt hat vielerorts Anerkennung gefunden, auch auf den Lettischen Kulturtagen in Frankfurt im Herbst 2013.

Von Ethno-Rock bis Folk-Pop

Artis Orubs hat sich in den letzten Jahren zu einem der bewundernswertesten jungen Musiker entwickelt. Nach seiner Ausbildung am Amsterdamer Konservatorium kehrte er nach Lettland zurück und begann überall zu spielen; ohne Übertreibung. Jazz, Blues, Ethno-Rock und Folk-Pop (was immer auch das sein mag), oder einfach Pop – Artis Orubs steckt voller Musik und ohne seine Teilnahme (und auch ohne den oben schon genannten Bassisten Andris Grunte) wäre ein weiteres hervorragendes Projekt des Jahres 2013 nicht vorstellbar gewesen: die „Unausgesprochenen Worte“ der Jazzsängerin Inga Bērziņa. Inga wählte ein Dutzend der früher beliebten, inzwischen fast vergessenen sogenannten lettischen Estraden-Lieder aus und arrangierte sie in moderner Jazzstimmung neu, in intensiver und kreativer Zusammenarbeit mit der Pianistin Madara Kalniņa. Die bekanntesten Songschreiber dieses Albums sind Raimonds Pauls und Uldis Stabulnieks.

Noch eine empfehlenswerte CD, da in ihr die Originalessenz lettischer Musik zu finden ist: das Album „Sauli sēju“ der Volksmusik-Interpretin Biruta Ozoliņa und DJ Monsta (Uldis Cīrulis) mit seinen Geigen-, Cello- und Kontrabassklängen. Birutas Wurzeln liegen in Lettgallen, ihre Lebenserfahrung hat sie in Riga gesammelt und die durchlebte helle Freude, aber auch große Not, klingen in jedem ihrer Atemzüge mit. Biruta singt auf Lettisch und Lettgallisch. In einem Augenblick ist sie eine moderne Dame, die mit ihrem Take-Away-Lunch über das Kopfsteinpflaster der Rigaer Altstadt läuft, und im nächsten eine ursprüngliche Frau, die sich irgendwo in einem dieser fernen lettgallischen Seen den Mund wäscht, alle Kräuter beim Namen nennen und jeden Vogelgesang imitieren kann.