E-Estland
Überall, nur nicht in der Literatur

Illustration: Liene Ķipēna
Illustration: Liene Ķipēna

Ausgerechnet Estland, das europäische Vorzeigeland in Sachen Digitalisierung, tut sich beim Thema E-Book schwer. Der Literaturexperte Peeter Helme hat sich Gedanken darüber gemacht, woran das liegen könnte.

Das E-Book sollte sich eigentlich sehr gut in das so populäre Image Estlands als elektronisches Land, als E-Estland, einreihen. Trotzdem lag der Anteil der E-Books am estnischen Büchermarkt noch zum Ende des vergangenen Jahres bei 0,1 Prozent, also einem Tausendstel. Warum ist das so?

Am schnellsten hat sich das elektronische Verlagswesen in den USA entwickelt, wo elektronische Bücher etwas mehr als ein Fünftel (Richard Anderson. E-book revolution: Breaking through in the digital age) des Marktes ausmachen, in einigen Bereichen sogar noch mehr. In Europa können aber selbst die vorbildlichsten E-Book-Länder – Großbritannien und Frankreich – nicht mit vergleichbaren Zahlen aufwarten. Im ersten betrug der Anteil von E-Books am gesamten Buchmarkt im Jahr 2012 14,3 Prozent (Richard Anderson. E-book revolution: Breaking through in the digital age), im zweiten aber wird von nur 5 Prozent (E-raamatute hulk Eesti raamatuturul kasvab jõudsalt (ERR Uudised)) gesprochen. Für Deutschland sind die Angaben widersprüchlich; für 2012 kursieren sowohl 2 (Chalid El-Heliebi. Deutschland: eBook Marktanteil hat sich verdoppelt) als auch 9,5 Prozent (Dagmar Giersberg. „Das E-Book erobert das Schlafzimmer“ – Steffen Meier im Gespräch). Könnte der dahinsiechende estnische E-Book-Markt in absehbarer Zeit einen ähnlichen Sprung machen?

Offensichtlich wohl nicht. Auch wenn der estnische Kultusminister Rein Lang davon so sehr zu träumen scheint, dass er versucht ist, seine Träume für Wirklichkeit zu halten. Noch zum Jahreswechsel behauptete der Minister, jedes fünfte in Estland verkaufte Buch sei ein E-Book, womit er sich sehr schnell bei Presse und Verlegern lächerlich machte und seine Worte zurücknehmen musste. Etwas über den Unterschied zwischen gelesenen und verkauften Büchern zusammenstotternd, hinterließ der Minister einen ziemlich dürftigen Eindruck und erinnerte an das gute alte „Yes Premierminister“.

Teure E-Reader für wenige E-Books

Doch alles hat zwei Seiten – in den Medien wurde die Diskussion über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der E-Books aufgegriffen und an den großartigen Einzug elektronischer Lektüre in Estland vor einigen Jahren erinnert. An die Zeit, als beide großen Buchhandelsketten E-Reader auf den Markt brachten und Firmen entstanden, die den entstehenden E-Book-Markt sofort als ‚Digitalisierer‘ vorhandener Werke oder aber als neuartige Verleger neuer Werke in Beschlag nehmen wollten.

Bevor man vom Marktanteil der E-Books in Estland von 0,2 bis 0,3 Prozent spricht (Askur Alas. Minister Lang paisutas e-raamatute turgu. – Eesti Ekspress 10. 1. 2013), ist die Tatsache zu erwähnen, die in einem Interview auch der Sprecher des Arbeitskreises Elektronisches Publizieren im Börsenverein des Deutschen Buchhandels Steffen Meier nennt: „Der E-Book-Markt ist ein Hardware-Markt: Um ein E-Book zu rezipieren, brauche ich ein Endgerät.“ (Dagmar Giersberg. „Das E-Book erobert das Schlafzimmer“ – Steffen Meier im Gespräch) Bei der Größe der estnischen Gehälter sind auch die billigeren Reader für 100 Euro relativ teuer. Berücksichtigt man daneben auch noch die Gesamtgröße des estnischen Buchmarkts, erklärt sich, warum sich viele Menschen auch aus anderen als aus wirtschaftlichen Gründen nicht beeilen welche zu kaufen. Die letzten erhältlichen Angaben stammen aus dem Jahre 2011, als in Estland 3716 Bücher mit einer Gesamtauflage von 4431000 Exemplaren verlegt wurden. Das bedeutet, davon müssten sieben bis elf Stück E-Books gewesen sein. Das könnte wohl ungefähr stimmen.

Das Verlegen von E-Books in einer so kleinen Sprachgemeinschaft, wie es Estland mit seiner eine Millionen estnischsprachiger Einwohner ist, ist kostspielig. Auch die übliche Verlagsweise zahlt sich unter solchen Bedingungen nicht immer aus. Leute, die sich für Fachliteratur interessieren oder die eifrigeren Leser, die mit der übrigen Welt Schritt halten wollen, sind oftmals nicht bereit abzuwarten, bis der eine oder andere Bestseller ins Estnische übersetzt wird, und lesen diese oft in einer anderen Sprache, meistens auf Englisch. Hier findet sich offenbar auch der größere Teil der E-Book-Leser, die ungefähr 3 Prozent der erwachsenen estnischen Bevölkerung ausmachen, also etwas weniger als vierzigtausend Menschen.

E-Book vs. Papierbuch – die leidige Frage der Mehrwertsteuer

Illustration: Liene Ķipēna Illustration: Liene Ķipēna Genaugenommen kommt man, wenn man über das Verlagswesen spricht – in Form von E-Books oder nicht – nicht umhin, auch über die Besteuerung zu sprechen. Kurz gesagt wird die weitere Verbreitung von E-Books im sich ansonsten so gern als elektronischen Wegbereiter sehenden Estland durch die Mehrwertsteuer beeinträchtigt, die für E-Books mehr als doppelt so hoch ist wie für Papierbücher – 20 gegenüber neun Prozent. Berücksichtigt man die winzige Größe unseres Marktes, so wird dadurch das Verlegen von E-Books vollkommen unsinnig. Bedenkt man dann noch, dass das Verlegen von Literatur in Estland kräftig über eine öffentlich-rechtliche Stiftung namens Kulturkapital gefördert wird, die sich aus der Alkohol- und Tabaksteuer finanziert, wird es auch für den Hersteller bzw. Verleger sinnlos, den Weg der elektronischen Veröffentlichung zu wählen, wenn die Steuergelder sowieso einen Teil der mit der Publikation verbundenen Risiken abdecken. Das Ergebnis sind dann kuriose Situationen der Art, dass ein Buchladen zu lange in den Regalen herumstehende Papierbücher zu Sonderpreisen von einigen wenigen Euro verkauft, während der Preis für ein E-Book von niemandem gesenkt wird und man dafür nach wie vor sieben bis acht Euro verlangt.

Zudem werden E-Books in Estland nach dem gleichen Prinzip verliehen wie Papierbücher – ein Buch an eine Person, denn die Lizenz gilt nur für ein Buch auf einmal. Eine absurde Situation, da man ein E-Book technisch gesehen gleichzeitig an hundert oder tausend Interessenten ausleihen könnte.

Offensichtlich ist die Situation folgende: Solange der Preis für ein E-Book nicht deutlich niedriger liegt als der für ein Papierbuch – momentan sind es manchmal 20 bis 30 Prozent – wird sich auf dem estnischen E-Book-Markt nichts ändern. Damit sich der Preis ändert, müssten aber E-Books von ihrer Besteuerung her als Bücher angesehen werden und zudem müsste das anachronistische Leihsystem verschwinden, welches dazu führt, dass Verleger ihre Bücher im Normalfall nicht in elektronischer Form an Bibliotheken abgeben. Was dann noch bliebe, wäre der relativ hohe Preis der elektronischen Reader, zumindest aber verschwänden die anderen Hindernisse, die es der estnischen Literatur nicht erlauben zu einer E-Literatur zu werden. Bisher bleibt das E-Book eher eine Randerscheinung, die nur für wirkliche Nerds von Interesse ist, oder aber für eine vielreisende und an E-Book-Reader gewöhnte Minderheit.