Aktivitäten der lettischen UNESCO-Kommission
Nachhaltigkeit im Fokus

Abschlussveranstaltung von „Wir zeichnen einen Kalender!” am 01.10.2013 im Zentrum für Wissensdurst “Blaue Wunder”
Abschlussveranstaltung von „Wir zeichnen einen Kalender!” am 01.10.2013 im Zentrum für Wissensdurst “Blaue Wunder” | © Lielvārds

Einer der bedeutendsten Bildungstrends im 21. Jahrhundert ist das Bemühen um Nachhaltigkeit. Darunter verstehen wir den Erwerb von Wissen und Lebensstilen, die eine ausgeglichene Entwicklung von Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft gewährleisten. Kultur gilt als nachhaltiges Fundament der Gesellschaft. In kulturellen Codes und Symbolen erfassen wir gesellschaftliche Werte und bedeutende Praktiken, über die wir erzählen und die wir uns einander heute und von Generation zu Generation beibringen.

Lehren und lernen sind unabdingbare Voraussetzung nachhaltiger Kultur, davon konnte ich mich zuletzt in Deutschland überzeugen, als ich an einem vom Goethe-Institut organisierten Erfahrungsaustausch im Rahmen einer Besucherreise zum Thema „Kulturelle Bildung” teilnahm. In verschiedenen Institutionen kultureller Bildung in Berlin und Dresden lernten wir Menschen kennen, die Kunst und Kultur lehren und studieren, sie leben und sich durch sie weiterentwickeln. Die Haupterkenntnis war diese: Der Weg zu Kunst und Kultur kann ungemein vielfältig sein – sei es, dass man Jugendliche ins Museum „lockt”, indem man sie auffordert Skulpturenschatten zu fotografieren, sei es die Suche nach „Inseln” und das Geschichtenerzählen, während man auf der Spree durch ein Berliner Industriegelände rudert. Das Ziel der Bildungsprogramme der deutschen Kulturinstitutionen ist es, Interesse an Kultur als Erbe der Menschheit und gleichzeitig als moderne Ausdrucksform zu wecken, Kunst und Kreativität im Alltag zu suchen und zu finden, Kultur möglichst breiten Gesellschaftsschichten zugänglich zu machen und die aktive und passive Teilnahme an kulturellen Veranstaltungen zu unterstützen; durch ein offenes Klima, das die Entwicklung von Ideen – auch den allermutigsten – fördert. 

Lehren über Kunst und lernen durch sie

Auch aus Sicht der UNESCO umfasst kulturelle und künstlerische Bildung zwei unterschiedliche, aber unzertrennliche Herangehensweisen: Das Lehren über Kunst und Kultur und das Lernen durch sie. Dies bedeutet, dass jedes Individuum das Recht hat am Kulturleben, sowohl als Kulturkonsument als auch als Kulturschaffender, teilzunehmen. Dabei tragen Kunst und Kultur nicht nur dazu bei das kreative Potentials eines jeden Menschen zu entwickeln, sondern stellen eine Investition in die Vervollkommnung von Persönlichkeit, Talent, Verstand und physischen Fähigkeiten dar . Die UNESCO vertritt die Meinung, dass die Förderung des interkulturellen Dialogs und einer integrativen Gesellschaft, in der verschiedene Bildungsbedürfnisse und Bildungsinteressen berücksichtigt werden, bedeutende Aufgaben kultureller Bildung sind.

Die Aufgabe der Lettischen UNESCO-Kommission ist es, die Verbindung Lettlands mit der Weltgemeinschaft auf dem Gebiet der Bildung, Kultur, Wissenschaft und Kommunikation zu stärken und gleichzeitig der Welt von lettischen Werten, Erfahrungen und Errungenschaften zu berichten, um so einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung der globalen Gemeinschaft zu leisten. Wir in Lettland können stolz auf unsere Kooperationsnetzwerke sein: auf die 20 Schulen, die an dem UNESCO-Projekt für assoziierte Schulen teilnehmen, auf die UNESCO-Lehrstühle der Lettischen Universität und der Universität Daugavpils, auf 33 „Erzählbibliotheken”, sowie auf die 13 Institutionen, die mit dem UNESCO-Programm „Memory of the World” verbunden sind. Diese Institutionen sind verlässliche Partner mit denen wir im Rahmen verschiedener Aktivitäten und Projekte der Lettischen UNESCO-Kommission zusammenarbeiten, darunter Projekte zur kulturellen und künstlerischen Bildung. 

Projekte und Aktivitäten – bildende Kunst, Theater, Medien, Literatur

Illustration „Rīga dimd!” (lettisches Volkslied) von Samanta Engere, Gynasium Rūjiena, 8. Klasse / „Wir zeichnen einen Kalender!” Illustration „Rīga dimd!” (lettisches Volkslied) von Samanta Engere, Gynasium Rūjiena, 8. Klasse / „Wir zeichnen einen Kalender!” | © Lielvārds „Jedes Kind ist ein Künstler. Künstler zu bleiben, wenn man heranwächst – das ist die Herausforderung” Pablo Picasso

Im Jahr 2013 wurde zum zweiten Mal in Zusammenarbeit mit „Lielvārds” und „Lielvārds IT” und weiteren Partnern der Lettischen UNESCO-Kommission (UNESCO LNK) der Wettbewerb „Wir zeichnen einen Kalender!” organisiert. Bei diesem Wettbewerb werden die teilnehmenden Kinder kreativ und zeichnen einen eigenen Kalender zu einem bestimmten Thema auf interaktive Tafeln. Im ersten Jahr, dem zehnten Jahrestag der UNESCO-Konvention zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes, waren die Kinder aufgefordert, ein für sie bedeutsames immaterielles Kulturerbe zu zeichnen. Die Kinder zeichneten lettische Muster, Sonnwendfeiern, das Tanz-und Sängerfest und den Kampf von Lāčplēsis mit dem Schwarzen Ritter. Damit bestätigten sie im Prinzip die (Über)Lebensfähigkeit dieser Symbole und die Aktualität der Werte, die auch in dem kürzlich gebildeten Kanon lettischer Kultur enthalten sind. Das Thema des Wettbewerbs in diesem Jahr, zum Auftakt des Jahres von Riga als Kulturhauptstadt Europas war „Mein Riga”. 

Dieses Projekt, das auch 2014 durchgeführt werden soll, vereint mehrere Ziele: Das künstlerische Talent der Kinder wird gefördert, Informations- und Kommunikationstechnologien werden zweckgerichtet im Unterrichtsprozess eingesetzt, das Wissen über ein konkretes Thema wird vertieft (z.B. über die verschiedenen Arten kulturellen Erbes). Die Kinder werden in eine ergebnisorientierte Aktivität eingebunden, während der Unterricht vielseitiger und abwechslungsreicher gestaltet ist. Insgesamt nahmen 238 Kinder am Wettbewerb teil, deren Zeichnungen auf der Projektwebseite zu sehen sind.

Illustration „Mein Riga. Riga bei Nacht“ von Rūta Elizabete Ozoliņa, Gynasium Brocēni, 5. Klasse / „Wir zeichnen einen Kalender!” Illustration „Mein Riga. Riga bei Nacht“ von Rūta Elizabete Ozoliņa, Gynasium Brocēni, 5. Klasse / „Wir zeichnen einen Kalender!” | © Lielvārds „Kreativität braucht Mut” / Henri Matisse

Interessant und vielseitig verlief im Jahr 2013 der internationale Tag der Muttersprache in Lettland. Unter dem Motto „Zur rechten Zeit!”, waren Schulen, Bibliotheken, NGO’s, Arbeitskreise, Jugendorganisationen u.a. dazu aufgerufen, sich mit der Biografie und dem Schaffen von Rudolfs Blaumanis (1863-1908) unter heutigen Gesichtspunkten zu befassen. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage: Was in seinen Arbeiten ist auch für das 21. Jahrhundert aktuell? 

Bei der Aktion lag der Fokus auf der Verbesserung solcher Sprachfunktionen wie Kommunikation, Kontaktaufbau, Ausdruck von Emotionen und Stimmungen, Informationsaustausch, Mitteilung und Vermittlung von Gedankengängen. Da die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aufgefordert waren, kleine Inszenierungen oder Sketche aufzuführen, Deklamationswettbewerbe zu organisieren, Kurzfilme zu drehen und Videoreportagen zu produzieren, wurden im Ergebnis sowohl die Präsentations- und Sprechfähigkeiten, als auch die Fähigkeit seine Meinung klar zu vertreten sowie zu diskutieren und zu argumentieren gefördert. Vom Talent und Mut der Kinder und Jugendlichen in Lettland zeugen fast 200 verschiedene Veranstaltungen im ganzen Land. 

Illustration „Die Laima-Uhr“ von Patrīcija Luīze Arāja, Grundschule Mārupe, 6. Klasse / „Wir zeichnen einen Kalender!” Illustration „Die Laima-Uhr“ von Patrīcija Luīze Arāja, Grundschule Mārupe, 6. Klasse / „Wir zeichnen einen Kalender!” | © Lielvārds „Äpfel bekommen Kinder nur geschenkt, die flink bei den Büchern sind” / Gotthard Friedrich Stender „Bilder ABC”

Im Jahr 2014 jährt sich der Geburtstag des Pfarrers, Erfinders und Gründers der modernen lettischen Literatur Gotthard Friedrich Stender zum 300sten Mal. Sein Geburtstag ist im UNESCO-Feiertag-Kalender eingetragen. Als Bildungswissenschaftler und Forscher des Zeitalters der Aufklärung, engagierte sich G.F. Stender besonders für die frühzeitige und nachhaltige Volksbildung, darunter für das Lehren von Lesen und Schreiben. Er setzte sich für die Ausarbeitung eines neuen Systems zum Lesenlernen ein und schuf 1787 die erste illustrierte ABC-Fibel in lettischer Sprache, das „Bilder ABC”. Zu Ehren von G.F. Stenders Leben und Werk veranstaltet die lettische UNESCO-Kommission am internationalen Tag der Muttersprache eine Kampagne an lettischen Schulen, im Laufe derer moderne Bilder-Fibeln des 21. Jahrhunderts verfasst und gezeichnet werden sollen. Da das „Bilder ABC” nicht nur eine aus Buchstaben und Zeichnungen bestehende Assoziationskette, sondern auch zeitbedingte Belehrungen enthält, sind die Kinder und Jugendlichen aufgerufen, moderne Zweizeiler zu verfassen, die in ihren Augen für ihre Generation und die heutige Gesellschaft aktuell sind. 

Ziel des Projekts ist es, Kinder und Jugendliche mit dem Leben und Werk G.F. Stenders bekannt zu machen, Verständnis für die Kompositionsprinzipien einer ABC-Fibel zu schaffen, Diskussionen über aktuelle Alltagsthemen und/oder gesellschaftliche Themen in Gang zu setzen und künstlerische Ausdrucksfähigkeit und Talent zu fördern. 

Kooperation als Schlüsselfaktor

Die Erfahrung der lettischen UNESCO-Kommission zeigt: Der Schlüssel zu kultureller Bildung und besonders der Bildung auf dem Gebiet des Kulturerbes liegt in der Kooperation verschiedener Institutionen: Schulen arbeiten mit Bibliotheken und Museen in ihrer Nähe zusammen, wobei sie das materielle, immaterielle und dokumentarische Kulturerbe erkunden. So wird der Unterricht inhaltlich bereichert und die Verbindung mit der lokalen Gemeinschaft gestärkt. Dieses Prinzip möchten wir 2014 durch die Gründung einer Institutionen übergreifenden Plattform fördern, und so das 25. Jubiläum des Baltischen Wegs begehen. 

Während der Besucherreise im Rahmen des Programms “Cultural Incentives” habe ich die Erkenntnis gewonnen, dass Bildung der entscheidende Faktor ist, um Kultur nachhaltig zu bewahren. In der heutigen globalisierten Welt, charakterisiert durch die ständige, ungeteilte Informationsflut, muss man lernen diejenigen Werte zu erkennen, die das Fundament der Kultur und Identität unserer Gesellschaft bilden. Gleichzeitig soll Verständnis dafür geschaffen werden, dass kulturelle und künstlerische Bildung ein Weg zur Vervollkommnung der Persönlichkeit und zur Stärkung der individuellen Ausdrucksfähigkeit darstellt.