Bildungsangebote des Lettischen Nationalen Kunstmuseum
Kunst begreifbar machen

Im Workshop-Studio der Rigaer Börse
Im Workshop-Studio der Rigaer Börse | © Anna Maria Strauß

In unserer heutigen Informationsgesellschaft, insbesondere in der Welt der Popkultur, fällt es Kindern schwer ohne erwachsene Unterstützung Zugang zu echten künstlerischen Werten zu finden und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Sie sind eine andere Art der Kommunikation gewöhnt. Ihr ‘computerisierter’ Alltag erfordert schnelle, aber oberflächliche Reaktionen. Doch die Kunst spricht eine andere Sprache.

Kunst verlangt Aufmerksamkeit, Konzentration, Zeit und Vorstellungskraft - das ist harte Arbeit. Deshalb benötigt der Großteil der Kinder auf dem Weg zur Kunst einen Begleiter. Sehr gut ist es, wenn dieser Begleiter die Familie sein kann, doch in der Regel führt ein/e Lehrer/in die Kinder im Rahmen eines Schulausflugs ins Museum. Im Bewusstsein der Kinder dominieren oft zwei Gefühle: Einerseits ist der Museumbesuch eine großartige Möglichkeit die Schule zu verlassen, andererseits ist es doch eine Pflichtveranstaltung, die die Freiheit einschränkt. Berücksichtigt man, dass die Vorstellung eines „durchschnittliches” Kind von Kunst kaum über den „Bilderrahmen” hinaus geht, ist die Hoffnung wohl vergeblich, dass Kinder von sich aus offen für und interessiert an Kunsteindrücken seien. Deshalb müssen gerade die Museen einen Weg finden zu zeigen, wie interessant und aufregend die Welt der Kunst ist und dass es sich lohnt, mit ihr in Kontakt zu treten und zu bleiben.

Das Lettische Nationale Kunstmuseum (LNMM) umfasst fünf Gebäude mit verschiedenen Sammlungen. Das Hauptgebäude (das im Jahr 2014 aktuell renoviert wird) zeigt bildende Kunst aus Lettland. In der Rigaer Börse befindet sich die Sammlung ausländischer Kunst. Im Museum für dekorative Kunst und Design ist lettisches Kunsthandwerk und Design zu sehen. Das Arsenal (Arsenāls) verfügt über zwei Ausstellungssäle. Im Museum von Romans Suta und Alexandra Belcova ist im Gedenken an beide Künstler ihre Wohnung originalgetreu eingerichtet. Das Museum macht sowohl mit ihrem Werk, als auch dem zeithistorischen Hintergrund bekannt.

Exkursionen, Workshops, Arbeitsblätter


Kreativ-Workshop "Wolle filzen" im Museum für Dekorative Kunst und Design / LNMM YouTube

Die unterschiedlichen Attribute der einzelnen Ausstellungshäuser bestimmen auch das Angebot an Bildungsprogrammen, die sich in mehrere Gruppen gliedern: Exkursionen, Unterrichtsangebote („Eine Stunde im Museum”), verschiedene kreative Workshops, das Programm „Ich und die Kunst”, Familientage und Geburtstagsfeiern. Auf der Webseite des Museums stehen Arbeitsblätter zu verschiedenen Unterrichtsthemen zum Ausdruck zur Verfügung, die Lehrern bei der Erarbeitung unterschiedlicher Lehrinhalte helfen. Für Exkursionen kann man sich zu jedem beliebigen mit dem Museum verbundenen Thema anmelden. Für Grundschüler bietet das Museum kreative Workshops unter dem Motto „Eine Stunde im Museum” an. So können die Schüler ein Thema kennenlernen, indem sie selbst aktiv werden, zeichnen, ein Kunst- oder Designobjekt erstellen, zum Nachdenken angeregt werden und ihre Meinung zum Ausdruck bringen – im Rahmen der vom Lehrer gewählten Fragestellung. Im Grundschulalter werden Informationen am besten durch eigene Erfahrungen verarbeitet.

Die Kreativ-Workshops des Museums sind thematisch mit den jeweiligen Sammlungen bzw. aktuellen Ausstellungen verbunden und unterscheiden sich daher je nach Bezugspunkt. Regelmäßig zugänglich sind Workshops in den permanenten Sammlungen, wechselnde Workshops werden zu einzelnen Ausstellungen angeboten. Unter der Leitung von Museumspädagogen werden Aufgabenstellungen bearbeitet, die es erlauben „an der eigenen Haut” mehr über ein bestimmtes Thema zu erfahren und ein paar Geheimnisse aus der Künstlerwerkstatt kennen zu lernen. Die Workshops stehen auch Erwachsenen offen, sie werden an das jeweilige Alter der Gruppe angepasst. Die Reaktionen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zeigen, dass solche Aktivitäten interessanter sein können und besser im Gedächtnis bleiben als passives Zuhören. Wo das Museum in Ausstellungen die eindrucksvollsten Phänomene lettischer und (soweit möglich) ausländischer Kunst zeigt, dominiert oft eine Künstlerpersönlichkeit, ein regional- oder zeitspezifisches Thema, Kompositionsprinzip oder künstlerisches Medium. Wie in einer Umkleidekabine, kann man in den „mobilen Workshops” die jeweilige Größe bzw. hier die jeweilige Kunstform „anprobieren”; eine neue Erfahrung, die am Ende mit einem selbst geschaffenen Kunstwerk gekrönt wird. Sehr beliebt sind Workshops, die direkt auf die Kreation eines Produkts ausgerichtet sind, wie z.B. der Workshop „Klassiker sind immer in Mode” zum Stoffdruck, oder Workshops zur Holzschnitt- oder Filzherstellung. Neu ist der Workshop für Jugendliche „Was ist Design?”, der wichtige Designprinzipien veranschaulicht. Während eines gemeinsamen Rundgangs durch das Museum mit einem Designer erforschen die Jugendlichen die Exponate, unterhalten sich über Designfragen und bekommen so langsam ein besseres Verständnis für diese Kunstform. Der Workshop endet mit einer kreativen Aufgabe.

Spezielle Kreativ-Workshops sind die in allen Sammlungen angebotenen Geburtstagsfeiern; die Besichtigung der Exponate und die schöpferischen Aktivitäten finden in festlicher Atmosphäre statt. Im Museum für dekorative Kunst und Design sind während der Feiertage zur Sommersonnwende sowie an Weihnachten und Ostern den ganzen Tag lang Kreativ-Workshops für Familien geöffnet, in denen alle gemeinsam zeichnen, oder ein kleines Kunstwerk zu den Festtagen oder in Verbindung mit einem museumsrelevanten Thema herstellen.

„Ich und die Kunst” – Vorstellungskraft statt Stereotypen

Programm „Ich und die Kunst” Programm „Ich und die Kunst” | © Lettisches Nationales Kunstmuseum „Ich und die Kunst” ist ein Programm, das das ganze Jahr über für zwei Altersgruppen – für Teilnehmende unter und über zehn Jahre – angeboten wird. Der Unterricht findet zweimal pro Woche direkt in den Ausstellungssälen statt – solange das Zentralgebäude renoviert wird im Arsenal und der Rigaer Börse. Das Programm ist langfristig und thematisch vielfältig und variiert je nach Wissen und Fähigkeiten, welche die Teilnehmer erwerben sollen. Ziel ist es, möglichst viele Facetten der Kunst kennen zu lernen. Angefangen bei kreativen Ideen, über Kunstwahrnehmung bis hin zu formalen Aspekten. Die Themen werden von den Programmleiterinnen, die selbst Künstlerinnen sind, ausgewählt. Für Erwachsene ist dieser Unterricht eine Herausforderung gewohnte Stereotypen und Fähigkeiten hinter sich zu lassen und sich wie in der Kindheit auf die Fantasie zu verlassen. Bei den Kleinen trainiert das Programm gerade diese Fähigkeiten: die Vorstellungskraft und den Glauben an sich selbst.

In unserer heutigen Welt existiert die Kunst parallel zur alltäglichen Routine. Um mit ihr in Berührung zu kommen, muss man sich zu einer bestimmten Zeit an einen bestimmten Ort begeben und ein Ticket kaufen. Museumsmitarbeitende suchen nach Wegen und Mitteln, um besonders Kinder und Jugendliche dazu zu motivieren, genau das immer wieder zu tun. Das Wichtigste ist dabei ein Gefühl für den Kontext zu schaffen: die Fähigkeit Kunst nicht als ein erstarrtes ästhetisches Phänomen zu zeigen, das aus der Mode kommen kann, sondern als Sprache, die schon immer bestand und mit Hilfe derer sich jeder ausdrücken und verständlich machen kann. Die Formen diese Ziel zu erreichen können immer andere sein.

Im Jahr 2014 beginnt das Museum ein Kooperationsprojekt für Kinder, dass es ihnen ermöglicht teilzunehmen ohne im Museum präsent zu sein, indem sie ihre Arbeiten einschicken. Die besten dieser Arbeiten werden neben professioneller Kunst ausgestellt, alle anderen online veröffentlicht. Noch im Projektstadium befindet sich die „Privatstunde”, in der ein/e Künstler/in begleitend zur eigenen Ausstellung im Arsenal selbst einen Kreativ-Workshop leitet.