Lettische Leser deutscher Literatur Die acht Rollen des Lesers

Übersetzungen aus dem Deutschen ins Lettische: „Der Geschmack von Apfelkernen” von Katharina Hagena, „Atemschaukel” von Herta Müller, „Beim Häuten der Zwiebel” von Günter Grass
Übersetzungen aus dem Deutschen ins Lettische: „Der Geschmack von Apfelkernen” von Katharina Hagena, „Atemschaukel” von Herta Müller, „Beim Häuten der Zwiebel” von Günter Grass | Ausschnitte aus den Buchcovern, im Uhrzeigersinn © Kiepenheuer und Witsch, Jumava, Atena, dtv, Zvaigzne ABC, Hanser

Jedes Jahr werden unzählige Bücher übersetzt. Regelmäßig erscheinen auch deutsche Veröffentlichungen in lettischer Sprache. Aber wer entscheidet, welche deutschsprachigen Bücher in Lettland auf den Markt kommen? Welche Rolle(n) spielen dabei die Leserinnen und Leser? Und was macht es eigentlich so spannend, übersetzte Literatur zu lesen? Ein Essay von Ilva Skulte.

Um die Frage „Warum wandern Bücher?” zu beantworten, muss man über die Menschen nachdenken, die Bücher lesen – in jenem Land, in dem sie entstehen und auch in dem, wo sie ankommen. Was einen Leser charakterisiert lässt sich nur schwer definieren. Ist derjenige, der liest, automatisch ein Leser, da er einen Text dekodiert? Ist der ‘richtige’ Leser derjenige, der auf alle Fragen zum Text eine Antwort weiß und dabei noch einen kritischen Überblick entwickelt? Oder ist der Leser ein Trӓumer, dem das Buch in der Hand als Topographie dient; der eigene Ideen, Trӓume und Verlangen mit Hilfe von Büchern zu verwirklichen sucht; etwas, das außerhalb seiner Möglichkeiten liegt, als wirklich empfinden mӧchte – eine andere Rolle, ein neues Ich, eine Welt voll Bedeutung, eine Antwort auf noch nicht formulierte Fragen.

Der Leser als Wanderer

Im Unterschied zur Beobachtung oder Kontemplation bedeutet das Lesen eine Bewegung. Schrittweise führt die Zeile als Pfad den Lesenden weiter, bis ihm durch die Kraft der Fantasie eine ganz eigene Welt vor Augen steht. Ist das nicht gerade wunderbar? Für den Gutenberg-Mensch hat sich der Raum geweitet. Auf einmal ist er befreit und mobil, hat Vorstellungsvermögen gewonnen und die Fӓhigkeit zu planen, zu entwerfen und trӓumen. Ein Buch wandert mit dem Leser und auch für ihn: So wird Typographie zur Topographie und eine Beschreibung zur Karte.

Der Leser als (Be)sucher

Als ich zum ersten Mal in meinem Leben im Ausland war, besuchte ich Kӧln, weil ich Heines Gedicht über den Kӧlner Dom gelesen hatte, das seither fest in meinem Bewusstsein eingeschrieben war. So zählt man schon Stӓdte und Landschaften zur eigenen Erfahrung, lange bevor man einen Ort tatsӓchlich erreicht. Schließlich findet man wirklich das London von Dickens, Rushdis Mumbai, Dublin von Joyce, Zolas Paris, besucht zielstrebig Bulgakovs Moskau, Selingers New York und Berlin mit den Augen Dӧblins. Folgt man dem Gedanken Heinrich Schliemanns, so entdeckt man das Gelesene als Zeichen eines gemeinsamen Koordinatensystem wieder, das uns Orientierung verschafft nicht nur in Raum und Zeit, sondern auch in Werten und Erfahrungen, und auf diese Weise zu neuen Entdeckungen führt. So lockt W.G. Sebalds Austerlitz auch den lettischen Leser durch detaillierte Beschreibungen der Orte des alten Europa immer tiefer ins Innere auf der Suche nach der eigenen Identitӓt und einer allgemeingültigen Moral – sobald der Protagonist eine neue Stadt besucht, gewinnt die Karte Europas unter allen historischen Schichten ein pulsierendes Herz.

Der Leser als Finder

Es wӓre natürlich zu einfach zu sagen, der Leser lese nur, um der Beschreibungen von Örtlichkeiten und kulturellen Besonderheiten willen. Erfahrungen und Reflexionen des Autors, besonders wenn die Texte auf dokumentarischen und autobiografischen Ansätzen basieren – realistisch oder poetisch in ihrem Stil –, entfesseln eine ähnlich forschende Geste hinsichtlich der eigenen Erfahrung. Gerade die lettische Geschichte, unsere ambivalente historische Erfahrung und kollektiven Wunden gewinnen an Bedeutung, wenn wir die Bücher der renommiertesten deutschen Schriftsteller wie Walter Kempowski, Herta Müller und insbesondere Günter Grass lesen. Die Schilderungen aus Beim Häuten der Zwiebel oder Atemschaukel sind unmittelbar relevant für viele Menschen in Lettland. Sie füllen eine Leere, da diese Texte frei und sensibel jene Erfahrungen kartieren, die in der lettischen Ӧffentlichkeit noch immer nicht hinlänglich und unabhӓngig diskutiert werden, die stark politisiert sind und daher oft verschwiegen werden.

Der Leser als Denker

Gleiches gilt besonders auch für die literarische Auswertung der gesellschaftlich-politischen Wende um 1990. Die Zeit, die meiner Generation noch scharf im Gedӓchtnis liegt und sich in der deutschen Literatur widerspiegelt, ist in der lettischen noch verhältnismäßig wenig und nur vage bearbeitet. Leider haben deutsche Bestseller wie Turm von Uwe Tellkamp ihren Weg bisher nicht in den lettischen literarischen Raum gefunden. Auch deshalb hat es mich persӧnlich berührt, als ich in den Geschichten Gregor Sanders „mein” Berlin zu Beginn der Neunziger erkannte. „Mein Leben” in Riga oder Jelgava ist nicht weniger geeignet als Material wie einige fast-Autoethnographien zeigen (wie zum Beispiel die von Kristīne Želve oder Jānis Joņevs), doch Belletristisches, Fiktion, ausgedachte Welten für einen Leser-Denker bieten sie nicht. Sind die Geschichten, die wir selbst erlebt haben, für Letten zu traurig? Zu unmittelbar? Oder zu einfach? Als 2011 Der Geschmack von Apfelkernen von Katharina Hagena auf Lettisch herauskam, zogen viele Literaturblogger Parallelen zu sich selbst und ihren Familien. Was die deutsche Literatur stets für uns bereit hält, ist dieses Potenzial in der Erinnerung begrabene Fragen zu wecken; die Reflexion, Überlegung und das Sprechen darüber.

Der Leser als Beurteiler

Gute Bücher finden immer einen Leser. Dieses Axiom basiert auf der Annahme, es sei dem Leser bekannt, welches Buch gut ist, und vor allem, was ein gutes Buch ist. Der heutige Leser ist hochwertigen Texten gegenüber vielleicht nicht unaufgeschlossen, doch hat er keine Zeit und ist meistens müde, wenn er sich in ein Buch vertieft. Daher sucht er nach zwei Kriterien – eine atemberaubende Geschichte und eine überzeugende Empfehlung anderer Leser. Gibt es gute lettische Ausgaben deutscher Qualitӓtsliteratur? Ja, immer noch. (Obwohl wenig von jüngeren Autoren, kaum experimentelle Texte und Poesie darunter sind.) Aber werden diese gut verkauft? Eigentlich nicht, wie die Reaktion lettischer Verleger verrӓt.

Der Leser als Käufer

Was sich als interessant und verkaufbar erweist und was nicht, ist in einem so kleinen Markt wie dem lettischen eine Frage von Sein und Nicht-Sein. Eine Umfrage zu den Lesegewohnheiten der Bevӧlkerung Lettlands (Umfrage des SKDS im Juli 2013) ergab, dass nur jeder dritte Lette in der ersten Hӓlfte des Jahres 2013 ein Buch erworben hat. Nur die Hӓlfte (50,4%) aller Einwohner hat eins zu Ende gelesen; durchschnittlich las jeder knapp vier Bücher. Kaum mehr als zwei Millionen Menschen leben in Lettland, von denen sind wiederum nur 62,1% lettische Muttersprachler, (die russischsprachige Bevӧlkerung liest zumeist Russisch und im Durchschnitt ein bisschen mehr als die Lettisch Lesenden). Auf den ersten Plӓtzen der Bestsellerlisten ist übersetzte Qualitӓtsliteratur selten zu finden, stattdessen Sachbücher, Dokumentarprosa, Bild- und Jubiliäumsausgaben sowie populӓren Serien wie Twilight oder Hunger Games.

Der Leser als Tourist

Man sagt, die Letten seien eine Nation der Magazinleser. Tatsӓchlich werden in Lettland überraschend viele Illustrierte regelmӓßig gelesen und verkauft. Das spiegelt eine Besonderheit in den Lesegewohnheiten moderner Letten wider – Serialitӓt und Uniformitӓt spielen bei der Auswahl der Lektüre eine immer grӧßere Rolle. Industrialisierung und Kommerzialisierung lassen den Menschen auch beim Lesen schneller zugreifen, sobald ein standardisiertes Produkt zu einem vernünftigen Preis vorliegt. Beliebt sind Bücher-Serien; man glaubt, den Erfolg eines Autors mit einer Kette weiterer Bücher zementieren zu können. Es wӓre unfair über deutsche Bücher in Lettland zu sprechen und nicht das Interesse zu erwӓhnen, das deutschsprachige Autorinnen wie Laura Walden oder Charlotte Link zu Teil wird.

In der Nische der Kinderliteratur hat Dagmar Geisler mit ihren Wanda-Büchern einen massiven Durchbruch erlebt. Vielleicht sind zeitgenössische Kinder Vorreiter eines vӧllig neuen Publikums. Das (wandernde) Buch ist nur ein Teil ihrer mediengeprägten Umwelt und unterliegt der Globalisierung: Nicht mal eine Übersetzung wird gebraucht, und schon gar keine Fremdsprachenkenntnisse – (un)bewegte Bilder, Sound, virtuelle und ‘augmented reality’ Bücher erleichtern bi- und multilinguales Lesen.

Der Leser als Lette

Wie könnten wir uns nun in dieser globalisierten Welt unseren Leser spezifisch als Letten vorstellen? Wie lӓsst sich das Portrӓt eines lettischen Lesers (deutscher Literatur) zeichnen? Zum Ende des 18ten und Anfang des 19ten Jahrhunderts, wo die Anfӓnge lettischer Literatur und des Lettisch lesenden Publikums zu suchen sind, war der lettische Leser meist ein Bauer, der seine Bildung auf deutschsprachige, spӓter russischsprachige Lektüre und nur teilweise auf lettische Quellen baute. Die erste Bücher in lettischer Sprache wurden von deutschen Gelehrten produziert. Die ‘Jungletten' investierten Mitte des 19ten Jahrhunderts große Mühe in die Übersetzung klassischer Autoren, um alle von der Ausdrucksfӓhigkeit, Schӧnheit und des diskursiven Potenzials der lettischen Sprache zu überzeugen. Der lettische Leser der ersten Stunde war ein überzeugter Lette – dieser Pathos wurde auch ein Jahrhundert später gebraucht zu Zeiten der UdSSR, und noch spӓter des wilden Markts.

Vielleicht ist dieser Schicht aufgrund dessen die deutschbaltische Literatur so gut wie unbekannt, obwohl viele Elemente lettischer Lesekultur direkt auf deutsche Wurzeln zurückgehen. Die Persӧnlichkeiten und Werke eines Werner Bergengruen oder einer Gertrud von den Brincken beispielsweise müsste dem breiten Publikum in Lettland erst noch vorgestellt werden.

Der Leser als Leser

Aber im Alltag ist ein Leser einfach ein Leser. Er steht dem Text wie dem Leben gegenüber, unbewaffnet und überrascht. Es ist wichtig, deutschsprachige Bücher hier, auf Lettisch, in unseren Buchhandlungen und Bibliotheken zu finden, da entgegen allen Zahlen und Gesetzmӓßigkeiten die unerwartete Begegnung mit einem Buch immer auch eine Entdeckung der Erfahrung der Welt birgt.