Ufergestaltung
Die Silhouette des linken Daugavaufers

© Architektenbüro ARHIS
© Architektenbüro ARHIS

Kein Stadtplaner oder Architekturkritiker hat bisher bestritten, dass der Fluss Daugava die grundlegende räumliche Struktur der lettischen Hauptstadt bestimmt und als das dominierende Element das Stadtbild formt. Aufgrund dieser Voraussetzung sollte man die Bebauung des linken Daugavaufers von Daugavgrīva (Stadtteil Rigas am linken Ufer der Mündung der Daugava in die Ostsee) bis Katlakalns (Industriegebiet in Riga südlich der Südbrücke) mit besonderer Sorgfalt bewerten, dabei muss man vor allem dem 5,2 km langen und in den zukünftigen Baumaßnahmen inbegriffenen Bereich vom geplanten Nordübergang bei Podrags (Industriegebiet am linken Ufer der Daugava gegenüber dem Rigaer Hafen) bis zur bereits bestehenden Salu Brücke im Süden besondere Aufmerksamkeit widmen.

Grundvoraussetzungen und Rückblick in die Geschichte

Dieses Gebiet wird folgerichtig noch immer als Entwicklungspotential des historischen Stadtzentrums in Riga angesehen – eben am linken Daugavaufer, gegenüber dem historischen Zentrum Rigas, sahen schon der prominente Architekt E. Laube in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts und der Stadtplaner A. Lamze 1932 in seinem Plan zum Ausbau Großrigas eine hervorgehobene Bebauung vor. Ähnliche Planungsideen gab es auch in der Sowjetzeit und im Stadtentwicklungsplan von 1995. Der besondere Status des historischen Stadtzentrums Rigas führt zu der verantwortungsvollen, heutigen Situation: seit 1997 ist es ein Teil des UNESCO Weltkulturerbes. Das bedeutet gleichzeitig Prestige, Verantwortung und Pflichten in Hinsicht auf Restaurierung, Neubebauung und Planung.

Die Konzeption legt fest, dass räumliche Akzente der Planungsstruktur folgen sollen, als Grundlage werden die wichtigsten Daugavabrücken und ihre Hauptverkehrsstraßen mit einer erhöhten Bebauung hervorgehoben. Diese Brücken, nämlich die Vanšu Brücke, die Akmens Brücke, die zu erneuernde Zemgales Brücke, die Dzelzceļa Brücke und ihre untergeordneten Bebauungselemente sowie die Salu Brücke mit ihrer anliegenden Bebauung, bilden die funktionelle und räumliche Erweiterung des historischen Stadtzentrums Rigas. Die aktuellen Dokumente zur Stadtplanung und die Vorschriften des Ministerkabinetts sind die Leitlinien für die Ausarbeitung einer Konzeption.

Wenn man all das oben Genannte als Teil der theoretischen Basis für die Gestaltung der Silhouette des linken Daugavaufers ansehen kann, dann ist vor allem die ererbte, räumliche Situation um die Jahrhundertwende von großer Bedeutung. Und dabei handelt es sich um die einzigartige Sammlung von Holzbauten im Zentrum Ķīpsalas (Insel vor dem linken Daugavaufer auf der Höhe der Vansu Brücke), das Swedbank Hochhaus (Höhe: 121 m), das Pressehaus (Höhe: 77m), die Gebäude des Fernsehens auf Zaķusala (Insel in der Daugava, auf der Höhe der Salu Brücke) (Höhe: 76m) und die genehmigten und sich im Bau befindenden Projekte (Komplex „Da Vinci“ mit 22 Stockwerken, die Lettische Nationalbibliothek mit 12 Stockwerken, 66m hoch, u.a.).

Dass sich diese Gebäude real in der Nähe des linken Daugavaufers befinden, ist die Ausgangposition für unsere heutige Arbeit. Die Vision von Riga als einer traditionell flachen Stadt mit einzelnen Akzenten in Gestalt von Kirchtürmen hatte ausgedient, als das Hotel „Latvija“ (im Jahr 2000 auch rekonstruiert, jetzt „Radisson Blu“, Höhe: 95 m), das Hochhaus der Akademie der Wissenschaften (Haus der Kolchosearbeiter, Höhe: 108m), das Verwaltungsgebäude auf dem Platz der Republik, das dem Landwirtschaftsministerium zur Verfügung gestellt wurde (Höhe: 92m), und die bereits oben genannten Gebäude am linken Daugavaufer gebaut wurden.

Internationale Erfahrung und Kontext

Im Arbeitsstadium wurden auch die Erfahrungen verschiedener Städte und ihre vielfältigen Vorgehensweisen gründlich analysiert. Das traditionell flache Paris hat sich zwei Ausnahmen im Zentrum erlaubt, das Hochhaus des Bahnhofs Montparnasse und die vier Türme der Nationalbibliothek, und außerdem die bewusst konzentrierte Hochhauszone im Gebiet La Defense. London behandelt jedes neue Hochhaus, u.a. im Stadtteil City und an den Ufern der Themse, als einen individuellen Fall und bewertet es aufgrund seiner konkreten stadträumlichen und architektonischen Qualität. Auch im Falle Londons hat sich ein Hochhausgebiet auf einem ehemaligen Hafengebiet, den Docklands, entwickelt.

In Oslo war eine ausgeprägte Platzierung von Hochhäusern im Stadtzentrum bis vor kurzem nicht vorgesehen, doch dann entstand im Kontext der Fjorde mit dem Osloer Opernhaus ein 350m langer Gürtel herausragender Neubauten. Die Stadtplaner Oslos fanden, dass dies das ausgeprägte Zusammenspiel von Relief und Wasserfront ausgleicht.

Nach dem Fehlschlag mit der Bebauung des Sergelplatzes Ende der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts macht auch Stockholm eine Pause in Bezug auf Hochhäuser: der Stadtentwicklungsplan von 1999 sieht keine Hochhäuser im Stadtzentrum vor. Das schließt allerdings die umfangreiche, breit angelegte und architektonisch ausgefallene Bebauung im Stadtzentrum am Ende der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts nicht aus (das Stockholmer Kongresszentrum, das Hotel Clarion, der Bürokomplex am Bahnhof und Busbahnhof). Eine ähnliche Baupolitik verfolgt auch Kopenhagen: Arne Jacobsens Gebäude für das SAS Radisson Hotel als einziges Hochhaus in direkter Nähe des historischen Stadtzentrums und Erwägungen, in der näheren Zukunft ein Hochhausgebiet am Stadtrand zu errichten.

Eine liberale Politik zum Hochhausbau am Rande des Stadtzentrums verfolgte aus Sicht der Projektentwickler die Stadtverwaltung von Wien – das gestalterische und stilistische Chaos, das als Ergebnis dieser Vorgehensweise entstanden ist, wird jetzt zu Recht kritisiert. Vor allem von Seiten des Welterbekomitees.

Es gibt auf der Welt Beispiele, wo ein Höhenlimit festgelegt wird, das mit den Parametern eines bestimmten, symbolischen Gebäudes begründet wird (Washington, Philadelphia, usw.). Ähnlich war auch die Position der Staatlichen Inspektion zur Kulturdenkmalpflege, als sie die Ministerkabinettsvorschrift Nr. 127 erstellte, in der die Höhe der Turmspitze der Petrikirche und der Aussichtsplattform des Turms der Ausgangspunkt sind. In Tallinn und Vilnius, den Hauptstädten unserer Nachbarländer, wurde in den letzten Jahren eine recht liberale Politik zum Hochhausbau realisiert, ohne ein grundlegendes städtebauliches Konzept. Zurzeit zieht man es in Tallinn ernsthaft in Erwägung das höchste Gebäude in Skandinavien zu errichten. Insgesamt haben die Stadtplaner in Tallinn 11 Gebiete für Hochhausbauten bereitgestellt. Auch in diesen Fällen hat das Welterbekomitee harsche Kritik geäußert.

Begründung der räumlichen Vision

Wenn man das oben Genannte, die konkrete Erfahrung Rigas im Städtebau sowie die Visionen für den Daugavaraum der Stadtplaner aus früheren Jahren bedenkt, kommt man zu dem Schluss, dass gewöhnlich das Grundelement bei jeder Suche nach neuen räumlichen Strukturen die Silhouette der Rigaer Altstadt mit ihrem pyramidal gipfelnden Charakter und ihrem Monozentrismus war. So erstellten zum Beispiel Ende der 70er Jahre die Architekten Ē. Fogelis, M. Medinskis und I. Millers für ihre Entwicklungsprojekte des rechten Daugavaufers im Gebiet der Krasta iela räumliche Kompositionen mit einer sich zweimal wiederholenden Silhouette der Altstadt. Unter diesem Aspekt kann man auch die Entstehung der Silhouette des linken Daugavaufers nicht als Novität betrachten: im Grunde ist sie eine dreifache, pulsierende, fünf Kilometer lange Wiederholung der Altstadtsilhouette.

Für die höchsten Punkte der drei Hochhausgruppen sieht der Rigaer Stadtentwicklungsplan eine Bebauung von 25 Stockwerken und mehr vor. Für diese Bebauung müsste der Südteil Ķīpsalas logischerweise die Akzente in Bezug auf gestalterische Qualität und Höhe der Bauten setzen, um so zu unterstreichen, wo sich das bereits bestehende Rigaer Stadtzentrum und dessen neue Erweiterung befinden. Gerade der Bebauungssilhouette des südlichen Teils Ķīpsalas muss besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden, denn dieser Teil wird ein wesentlicher Bestandteil des gesamten, bedeutendsten öffentlichen Außenraums Rigas sein (das Gebiet zwischen der Dzelzceļa Brücke und der Vanšu Brücke an beiden Ufern der Daugava). Hier soll ein Haute Couture-Gebiet der Architektur entstehen, in dem einzelne Bauten von hoher architektonischer Qualität gemeinsam ein Ensemble bilden, das den Betrachter erfreut. Das Swedbank Hochhaus und der Neubau der Nationalbibliothek sind die ersten Vorboten des geplanten Bauvorhabens.

Wenn man die Projekte analysiert, die sich bereits im Bau befinden oder geplant sind, kommt man zu dem Schluss, dass sich die vertikale Dominante der Hochhausgruppen im Süden Ķīpsalas in der Nähe des Zunds Kanals befinden kann: ihre konkrete Höhe und Gestalt muss man im Kontext der bereits bekannten, herausragenden Bauten und in Bezug auf den Ausblick von den wichtigsten öffentlichen Außenräumen im historischen Stadtzentrum Rigas modulieren.

Neue vertikale Dominante des Rigaer Zentrums auf der südlichen Seite der Insel Ķīpsala; Neue vertikale Dominante des Rigaer Zentrums auf der südlichen Seite der Insel Ķīpsala; | © Büro des Stadtarchitekten Riga, Rigaer Stadtrat Stadtentwicklungsdepartement, Architektenbüro ARHIS Hierbei ist es wichtig die Voraussetzung zu beachten, dass ein Hochhaus an sich noch keine Individualität zeigt: diese entsteht durch eine gute Komposition der Hochhausgruppen und die Eigenart jedes Baudetails. Heute sehen wir das Swedbank Gebäude und die Nationalbibliothek als die ersten Vorboten der herausragenden Bebauung Pārdaugavas („Jenseits der Daugava“, das linke Ufer der Daugava gegenüber dem historischen Zentrum) und des neuen Rigaer Zentrums an – doch hier wäre es angebracht, sich an den bereits 1483 errichteten und bis ins 17. Jahrhundert hinein bestehenden sogenannten Roten Turm in Torņakalns (Stadtteil in Pardaugava), an Lamzes Vision zur Entwicklung des Stadtzentrums in Ķīpsala, an die Ausschreibung zum Ausbau des Rigaer Stadtzentrums von 1969, an das Projekt für eine Gruppe von vier Hochhäusern für das Meeresgeologieinstitut der UdSSR zu Beginn der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts, an das Projekt für das Hochhaus des „Sheraton“-Hotels am Ende ebendieses Jahrzehnts und an andere Projekte zu erinnern, die in großen Zeitabschnitten der Entwicklung der Bautechnologie, den Ambitionen und Machtspielen der Rigaer Bürger gefolgt sind.

Zukunftsakzente

Es scheint, dass die Dynamik der Bauprozesse zu Beginn des 21. Jahrhunderts, die technischen Möglichkeiten, die Konjunktur des Immobilienmarkts und der Wunsch Rigas, die Metropole des Baltikums zu sein und auf regionaler Ebene erfolgreich konkurrieren zu können, die Umstände sind, die eine schnellere Entwicklung des neuen linken Daugavaufers in der Zeit nach der Rezession begünstigen können. Zum ersten Mal in der Geschichte der Stadtentwicklung erweitert sich das Zentrum real in die Gebiete am linken Daugavaufer und das traditionelle Wahrzeichen Rigas wird durch die Silhouette einer konzentrierten Hochhausgruppe ergänzt.

Der Nordübergang zeichnet sich im Westen mit einer erhöhten Bebauung von bis zu 105 m von der Daugavgrīvas iela ab. In südlicher Richtung nach Podrags (Roņu dīķis, das Nordende des Zunds Kanals) verringert sich die Bebauungshöhe auf sieben bis neun Stockwerke, die weitere Bebauung in südlicher Richtung ist grundlegend fünf bis sieben Stockwerke hoch und entlang der Wasserfront ist es auf eine vierstöckige Bebauung limitiert, die fließend in eine dreistöckige Bebauung in der staatlichen Denkmalsschutzzone übergeht. Dies garantiert die Bewahrung der einzigartigen, niedrigen Bebauung entlang des Balasta Dambis am linken Daugavaufer. Die Rekonstruktion der Gebäude der Technischen Universität Riga, der Studentenwohnheime und des Einkaufszentrums „Olimpija“ wird auch die Bebauung in diesem Gebiet hervorheben.

Als Höhepunkt der Silhouette des linken Daugavaufers in Bezug auf Höhe der Bauten und architektonischer Gestaltung ist das neue Zentrum geplant, das sich am südlichen Ende Ķīpsalas zwischen dem Zunds Kanal, der Kr. Valdemāra iela und dem Balasta Dambis befinden soll. Es ist vorgesehen, dass die Mehrheit der Hochhäuser die vom Ministerkabinett festgelegte 121-Meter-Marke nicht überschreitet (dies ist auch die Höhe des Swedbank Gebäudes). Die Bebauung Klīversalas (Stadtteil am linken Daugavaufer, südlich von Kipsala), Mūkusalas (Stadtteil am linken Daugavaufer, südlich der Eisenbahnbrücke) und des Nordteils von Zaķu sala bezeichnen eine Atempause vor dem nächsten Hochhausgipfel an der Salu Brücke. Die herausragenden Gebäude in Klīversala sind so nah wie möglich an der Āgenskalner Bucht und nicht höher als 16 Stockwerke (das präzisiert der Detailplan für Klīversala).

Als architektonischer Akzent beherrschen diesen Bereich das Gebäude der Nationalbibliothek und der Umfang des geplanten Akustischen Konzertsaals. Eine ebenso herausragende Bebauung (möglichst nicht höher als 20 Stockwerke) ist auch auf der anderen Seite der Salu Brücke geplant, auf Lucavsala (Insel in der Daugava, auf der Höhe der Salu Brücke) und Zaķu sala. Architektonisch bescheidener zeichnet sich die Zufahrt zur Dienvidu Brücke am linken Daugavaufer ab, indem sie nur 13 bis 17 Stockwerke erreicht.

Ein solches konzeptionelles Planungsdokument befindet sich zur Zeit im Endstadium seiner Ausarbeitung, das Modell und die Visualisierung dieser Arbeit konnten die Rigenser 2010 und 2011 in einer Ausstellung im Einkaufszentrum „Olimpija“ bewerten (die Ausstellung hatte mindestens 80.000 Besucher).

Der Dialog mit der UNESCO, die Einbeziehung der Gesellschaft, die Zusammenarbeit der Stadt Riga und privater Planungsbüros bei der Ausarbeitung der Konzeption sowie die vergleichsweise lange Entstehungszeit der Konzeption für die Silhouette des linken Daugavaufers lassen hoffen, dass die Gestalt des neuen Rigaer Zentrums das ausdrucksvolle Ergebnis einer durchdachten Planung sein wird. Dies ist ein wichtiger Schritt für Riga auf dem Weg zur seiner ehrenvollen Rolle als Europäische Kulturhauptstadt 2014 und für den EU-Vorsitz Lettlands 2015.
 

Die im Text verwendeten Auffassungen stammen aus der Arbeitsfassung des Projekttexts für die Konzeption des linken Daugavaufers (Autoren: Dripe, Purmale, Staša – Šaršūne).