Modedesign in Lettland
Lettische Designer schöpfen aus neuen Inspirationsquellen

Das 21. Jahrhundert brachte einen wirtschaftlichen Aufschwung mit sich. Mode begann eine repräsentative Rolle zu spielen, als Statussymbol des Wohlstands. Nach einem halben Jahrhundert der Isolation sorgten die offenen Tore zur Welt für eine große Nachfrage nach kulturellen Erfahrungen aus dem Ausland. Deshalb hielt sich die Nachfrage nach künstlerischen Kleidungsstücken von Designern aus dem eigenen Land zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch in Grenzen. Riga wollte sich historisch gesehen schon immer als Modehauptstadt des Baltikums beweisen und konnte diesen Status in jener Zeit nur in elitären, kreativen Kreisen der höheren Gesellschaft halten.

  • Artis Stamguts, Modell aus der Kollektion "One Year After..." Herbst/Winter 2014/15 Foto: Bruno Kabucis
    Artis Stamguts, Modell aus der Kollektion "One Year After..." Herbst/Winter 2014/15
  • Janis Sne, Modell aus der Kollektion "Dofa" Frühling/Sommer 2015 Foto: Vika Anisko
    Janis Sne, Modell aus der Kollektion "Dofa" Frühling/Sommer 2015
  • Anna Aizsilniece, Modell "Latgale" (Lettgallen) aus der Kollektion "Etnogrāfija" (Ethnographie) Frühling/Sommer 2015 Foto: Ilze Vanaga
    Anna Aizsilniece, Modell "Latgale" (Lettgallen) aus der Kollektion "Etnogrāfija" (Ethnographie) Frühling/Sommer 2015
  • Simona Veilande, Designprojekt moderner lederner Bauernschuhe (begonnen 2013). Aus dem Archiv von Simona Veilande
    Simona Veilande, Designprojekt moderner lederner Bauernschuhe (begonnen 2013).
  • Keta Gutmane, Modell aus der Kollektion "Relics" Herbst/Winter 2014/15 Foto: Mārtiņš Cīrulis
    Keta Gutmane, Modell aus der Kollektion "Relics" Herbst/Winter 2014/15

Mode und Kunst

Die Verbindung zwischen Mode und Kunst hängt in Lettland seit über zwanzig Jahren eng mit dem Bestehen des Lehrstuhls für Modedesign an der Lettischen Kunstakademie (LMA) zusammen. Unter der Leitung von Aigars Bikše, Professor am Lehrstuhl für Modedesign an der LMA, wurde bereits 2010 nach Möglichkeiten für eine Zusammenarbeit mit jungen Forschern und Bekleidungsherstellern der Technischen Universität Riga sowie mit Vertretern der Geschäftswelt gesucht. Gleichzeitig versuchte man die waghalsigen und experimentellen Ideen der Modeavantgarde mit den praktischen Bedürfnissen der modernen Verbraucher im Bereich des Designs ins Gleichgewicht zu bringen.  

Die Suche nach neuen, konstruktiven Ansätzen und ungewöhnlichen Materialkombinationen sind charakteristisch für den Modedesigner Artis Štamgūts, der sich dem Thema des romantischen Futurismus verschrieben hat. Das Motto „Die Zukunft für das Heute“ beschreibt seine ungewöhnlichen Kollektionen, in denen der Autor danach strebt, alltagstaugliche Kleidung mit experimentellen Elementen zu kombinieren.  

Während seines Studiums an der LMA hat sich der junge und vielversprechende Modedesigner-Rebell Jānis Šnē hervorgetan, dessen zahlreiche Talente sich in seinen avantgardistischen Kleidungsstücken zeigen – Modeskulpturen, die versuchen die Grenze zwischen tragbarer Mode und Kunst zu verwischen.

Mode und Ethnografie

Die Verbindung der lettischen Modedesigner mit ihrem ethnografischen Erbe ist eine der fruchtbarsten Inspirationsquellen, die stets aufs Neue mit ihren modernen visuellen Referenzen zum Erbe aus der fernen Vergangenheit überrascht.

Ein Label aus Lettland, RECYCLED.LV (Anna Aizsilniece [Ingrīda Zābere]), vertritt die Philosophie der Wiederverwendung, um so das Gefühl der Altertümlichkeit, des Zeitgeists und der Stimmung der Vergangenheit wiederherzustellen. Die Entwürfe für ihre Kleidungsstücke zeugen auch von Inspirationen aus der lettischen Ethnografie und der Ästhetik der lettischen Trachten durch anschauliche und gleichzeitig zeitgenössisch treffende Zitate aus vergangenen Zeiten. Ihre Kollektion „Etnogrāfija“ besteht aus klassischen Leinen- und Wollkleidungsstücken, die durch Umarbeitung eine neue Identität erhalten haben. Hosen sind so zu Röcken oder Hemden geworden, Jacketts zu Stolas und Gürtel zu Haarkränzen.

Die traditionellen lettischen Lederschuhe, die zur Tracht getragen werden, können modernisiert und unserem modernen Lebensstil angepasst werden. Das bestätigt die junge Modedesignerin Simona Veilande mit ihrem Plan die visuelle Machart der Lederschuhe mit der Funktionalität eines Turnschuhs zu kombinieren. Ende 2013 startete die Künstlerresidenz Kuldiga eine Zusammenarbeit mit Studenten der LMA (unter ihnen auch Simona Veilande) mit dem Ziel unikale Kleidung und Accessoires zu designen. Dies lässt hoffen, dass schon bald auch die innovative Synthese aus traditionellem Trachtenschuh und Turnschuh auf den Markt kommt.

Die Namen von lettischen Modedesignern in der Welt

Die internationalen Erfolge lettischer Modedesigner zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind oft mit ihrer Ästhetik der natürlichen Materialien und Töne sowie ihrer eleganten und originellen Silhouette in Verbindung gebracht worden. Die Kollektion der lettischen Modedesignerin Natālija Jansone hat auch weit außerhalb von Lettland Anerkennung gefunden, als sie 2005 bis nach Japan vordrang.

Ein neues, europäischen Modelabel, das ursprünglich aus Lettland kommt, ist das Designertandem Mare & Rols, das 2009 zwei Preise auf dem 24. Hyères Fotografie- und Modefestival in Frankreich gewonnen hat. Die Kollektion „Privātdetektīvs“ des Tandems spiegelt Inspirationen aus dem Detektivgenre des Schwarz-Weiß-Kinos, den Schnitten der Regenmäntel der 40er und 60er Jahre des 20. Jahrhunderts, japanischen Detektivromanen aus verschiedenen Jahrzehnten ebenso wie aus dem modernen Stil der Großstadt wider.

Mode und Großstadt

Die Hektik unseres modernen Lebens hat einen starken Einfluss auf die Designkonzeption der aktuellen Mode, in der man immer häufiger auf die Verbindung zwischen Kleidung und dem urbanen Stadtbild stößt. Die kreative Handschrift der Modedesignerin Keta Gūtmane weist neue, futuristische Ideen in einer dem 21. Jahrhundert entsprechenden Sprache auf. Ihre Kollektion „Relics“  ist von der flämischen Malerei beeinflusst und darin sind geradezu sakrale Gefühle zu spüren, die einen dazu verlocken die Stimmung der modernen Stadt zu erleben.

Obwohl Riga im Laufe der Jahrhunderte unter dem kulturellen Einfluss verschiedener Völker stand, hat die Stadt es trotzdem geschafft sich ihren unikalen Charakter zu bewahren, indem sie sich durch die Zeiten gewunden hat und ihr Echo mit alten Jugendstilzitaten im zeitgenössischen Design widerhallt. Natürliche Materialien und Töne dominieren und stellen Bezüge zu Elementen des ethnografischen Erbes her. Und auch die ununterbrochene Wechselwirkung von bildender Kunst, angewandter Kunst und Design ist bis heute bewahrt worden.