Lettische Spielfilme
Für uns und für andere

Screenshot „Die Menschen dort” („Cilvēki tur”, 2012) von Aiks Karapetjans
Screenshot „Die Menschen dort” („Cilvēki tur”, 2012) von Aiks Karapetjans | © Studija Lokomotīve/ Aiks Karapetjans

Die Geburt des Kinos in Lettland begann zur selben Zeit wie auch andernorts in Europa – die „bewegten Bilder” der Brüder Lumière wurden in Riga schon 1896 gezeigt, nicht ganz ein Jahr nach ihrer sensationellen Erstaufführung in Paris. Auch alle anderen Meilensteine sind an den gleichen Stellen wie im übrigen Europa und der Welt eingeschlagen: die ersten Stummfilme, der erste nationale Kassenschlager, radikale Veränderungen als Resultat des Zweiten Weltkriegs und danach: die Sowjetmacht, die ein Sechstel der Welt heimsuchte mit allen ihren Folgen, darunter auch eine ernst zu nehmende und groß angelegte Filmindustrie. Doch Ende der achtziger Jahre beginnt in Lettland die Unabhängigkeitsbewegung (Atmoda) und die Filmindustrie verändert sich wieder radikal.

Zu Beginn der Neunziger erlangt der Staat die vor 50 Jahren verlorene Unabhängigkeit wieder und konsequenterweise beginnt damit die Krise in der lettischen Filmindustrie: Die Filmproduktion wird nicht mehr aus Moskau finanziert, auch der Absatzmarkt bricht weg, denn die Filme werden nun nicht mehr automatisch in der ganzen Union gezeigt. Das Rigaer Filmstudio wird in mehrere kleine Filmstudios aufgespalten, die alle um das Überleben kämpfen und die Zeit der intensiven Filmproduktion endet 1993, als mehrere Spielfilme fertiggestellt wurden, mit denen noch unter institutioneller Förderung zur Zeit der UdSSR begonnen wurde. So muss man nun selber sehen, wie man zurechtkommt, doch die Filmproduktion steht natürlich nicht auf der Prioritätenliste des neuen Staates. Daher entstehen in der Geschichte des lettischen Kinos die ersten Lücken: wir haben zum Beispiel nicht einen Spielfilm in Kinolänge, in dessen Abspann die Jahreszahl 1994 steht und im Jahr 1995 gab es nur einen.

Riga wie Berlin, Paris und London

Fragment aus dem Film „Scherlock Holmes” Links: Fragment aus dem Film „Scherlock Holmes” aufgenommen in Riga, an der Domkirche. Rechts: Blick auf Domkirche heute

Übrigens sahen schon damals führende Vertreter der lettischen Filmszene einen Ausweg in der intensiven Zusammenarbeit mit ausländischen Produktionsteams, denen man niedrige Produktionskosten und gut ausgebildete Spezialisten anbieten konnte. Schließlich verfügt Lettland über Erfahrung: Zur Zeit der Sowjetunion war die baltische Republik der europäischste Teil der UdSSR, in dem oft sowjetische Produktionsteams arbeiteten, denen das „kinogene” Riga häufig als Kulisse von Berlin, Paris, London und anderer europäischer Städte diente. In Riga wurde die berühmte russische Fernsehserie „Siebzehn Augenblicke des Frühlings” („Septiņpadsmit pavasara mirkļi”, 1972) aufgenommen, und auch das Haus von Sherlock Holmes „Bakerstreet 221b” befand sich dort. Ende der vierziger Jahre arbeiteten sogar der russische Kinoklassiker Grigorij Aleksandrow und seine Frau, die Schauspielerin Ljubow Orlowa, in Riga, die den bekannten Film „Treffen an der Elbe” („Tikšanās pie Elbas”, 1949) drehten. Apropos: Das Rigaer Kinomuseum arbeitet gerade an der Fertigstellung einer besonderen Touristenroute; auf einer Karte werden mehrere Drehorte beliebter Filme verzeichnet sein.

Auch zu Beginn der neunziger Jahre drehten in Lettland sowohl französische Produktionsteams als auch Norweger, mit denen sogar die Fertigstellung der Koproduktion „Die Jungfrauen von Riga” („Rīgas jumpravas”, 1996) gelang; auch der Kanadier Paul Haggis drehte seinen Film „Red Hot” (1992), der 2006 zwei Oskars gewann, in Riga. Doch da ein Großteil der patriotischen Vertreter der Filmszene auf die Wiedergeburt der eigenen Filmindustrie hofft, versiegt der Strom ausländischer Kinoproduktionsteams nach Lettland langsam.

Alle zehn Jahre ein Hit

„Mühlen des Schicksals”, 1997, Regisseur: Jānis Streičs; „Mühlen des Schicksals”, 1997, Regisseur: Jānis Streičs;

Als im neuen lettischen Staat zum ersten Mal eine relevante Fördersumme zur Produktion eines Spielfilms genehmigt wurde (erst 1996!), kam der im Volk beliebte Klassiker Jānis Streičs für seinen Film in deren Genuss und schon im Herbst des nächsten Jahres gab es einen neuen nationalen Hit an den Kinokassen – der Film „Mühlen des Schicksals” („Likteņdzirnas”, 1997). Die Zuschauer, die sich nach eigenen Filmen gesehnt hatten, strömten in die Kinos und der Film brach einen Besucherrekord (ungefähr 122 000 Besucher), den seither nur einige wenige lettische Spielfilme noch übertroffen haben.

Die langsame Wiederbelebung der lettischen Filmindustrie begann schon Ende der neunziger Jahre: Im Sommer 1998 wurden nach langen Jahren zum ersten Mal vier Spielfilme gedreht, darunter Unas Celmas Film „Folge mir!” („Seko man!”, 1999) – der eine schwedische Koproduktion ist. Schrittweise werden die Fördergelder, die der Staat für die Filmproduktion zur Verfügung stellt, erhöht. Darüber hinaus beenden die ersten Studenten der Mitte der neunziger Jahre gegründeten lettischen Kulturakademie ihr Kino- und TV-Studium. Die gemeinsame Diplomarbeit – eine Sammlung von Kurzfilmen unter dem Titel „Leben Nr.2” („Dzīve Nr.2”, 1997) – offenbarte viele Talente und alle Absolventen des Studiengangs sind heute in der lettischen Kultur bekannte Namen; leider gelang es einigen von ihnen bis heute nicht, Regie bei einem Spielfilm zu führen. Es ist nun einmal ein Charakteristikum der lettischen Filmindustrie, dass junge Regisseure zu lange auf die Möglichkeit eines Regiedebüts bei Spielfilmen in Kinolänge warten müssen. In anderen Ländern würden sie in dieser Zeit wohl schon zur mittleren Generation gezählt werden.

Für Zuschauer oder für Kritiker

Preis des lettischen nationalen Filmfestivals „Lielais Kristaps” Preis des lettischen nationalen Filmfestivals „Lielais Kristaps”

Die künstlerischen Entwicklungstendenzen des lettischen Spielfilms werden in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre langsam deutlich – damals erschienen einfach genug Filme, um überhaupt von irgendwelchen Tendenzen sprechen zu können. Zu dieser Zeit gab es die erste Schmutzwelle, die scheinbare Freiheit und das Ende der Zensur brachte. Alle postsozialistischen Länder machten damals die Phase des „mutigen Kinos” durch, die die Filmwissenschaftlerin Inga Pērkone unter feministischen Aspekten charakterisiert. Sie kommt zu dem Schluss, dass es in den lettischen Filmen der neunziger Jahre tatsächlich kein positives Frauenbild gibt, sondern entweder nur Prostituierte oder Opfer.

Die Konfrontation zweier Richtungen in der lettischen Filmkunst wurde ziemlich anschaulich 1998 auf dem nationalen Filmfestival Lielais Kristaps illustriert, als sich bei der Bewertung zwei Filme ein Duell lieferten. Ironisch ausgedrückt gefiel der eine den Zuschauern, der andere den Filmkritikern. Der Erste war der schon erwähnte Film „Mühlen des Schicksals” („Likteņdzirnas”), doch der andere das Spielfilmdebüt in Kinolänge der heute weltberühmten Regisseurin Laila Pakalniņa „Der Schuh” („Kurpe”, 1998). Pakalniņa hatte damals schon den FIPRESCI-Preis des internationalen Kinofestivals Cannes für zwei ihrer Dokumentarfilme gewonnen (1996) und auch „Der Schuh” lief in Cannes in der Sektion Un Certain Regard (1998). Auch danach machten praktisch alle Filme von Pakalniņas eine mehr oder weniger steile Festivalkarriere –der Spielfilm „Python” zum Beispiel lief auf dem Filmfest in Venedig.

Auch unter Experten für die Verteilung von Fördergeldern für lettische Filme herrschte um den Jahrhundertwechsel die Meinung vor, man solle das Prestige der lettischen Kinokunst in der internationalen Arena stärken, was dazu führte, dass in den folgenden Jahren überwiegend Filme im Art-House Stil gefördert wurden, die wenigstens im Projektstadium Festivalpotenzial besaßen. In diese Kategorie fielen mehrere Spielfilme des Regisseurs Viesturs Kairišs, der heute ein bekannter Theater- und Opernregisseur ist, seinen vorläufig letzten Spielfilm „Dunkle Hirsche” („Tumšie brieži”, 2006) drehte und seither an mehreren Dokumentarfilmen in Kinolänge arbeitete. Auch das ist für den lettischen Film ein charakteristisches Kennzeichen: Häufig arbeitet ein und derselbe Regisseur sowohl im Dokumentar- als auch im Spielfilmbereich und Dokumentarfilme werden von den Regisseuren sowohl zum „Aufwärmen” vor Spielfilmen gedreht, als auch in den langen Pausen zwischen zwei Filmen, die durch fehlende finanzielle Mittel verursacht werden.
 
Viesturs Kairišs: „Tumšie brieži” Screenshot
Viesturs Kairišs: „Tumšie brieži”, 2006 (Trailer)

Der Rekord der Titanic wird gebrochen

Der zweiten Tendenz, hin zu Filmen, die den Zuschauermassen gefielen, wurde in Lettland eine Weile nicht die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt und wie die Filmkritikerin Sanita Grīna in ihrer Studie über die nationale Identität in lettischen Filmen ironisch anmerkt sah man die gesunde Koexistenz von Autorenkino und Mainstream als nicht möglich an und die Diskussion drehte sich fast nur darum, ob die lettische Kinokunst besser die eine oder die andere Richtung repräsentieren sollte. Zugegeben war diese Konfrontation am ausgeprägtesten in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts und lässt nun langsam nach.
 
Aigars Grauba: „Baiga vasara”, 2000 (Trailer)
Aigars Grauba: „Baiga vasara”, 2000 (Trailer)

Ursprünglich waren der Produzent Andrejs Ēķis und der Regisseur Aigars Grauba, ein Tandem Gleichgesinnter, fast die Einzigen, die offen zu ihrer Entscheidung „Filme fürs Volk” zu machen standen, und dies auch konsequent verwirklichten. Zu diesem Zweck nutzen sie die großen Themen und Epochen der lettischen Geschichte. Die erste gemeinsame Arbeit der Beiden „Unheimlicher Sommer” („Baiga vasara”, 2000) erzählt den Beginn der sowjetischen Okkupation in Lettland und gewann auf dem nationalen Filmfestival den Preis der Kinoverleiher für den zu dieser Zeit meist gesehenen lettischen Film (~ 74 000 Zuschauer). Ihr nächstes gemeinsames Werk „Die Verteidiger Rigas” („Rīgas sargi”, 2007) über die lettische Staatsgründung brach alle Besucherrekorde – drei Wochen nachdem der Film in die Kinos gekommen war, hatten ihn 100 000 Zuschauer gesehen und nach zwei Monaten wurde der Rekord des Films „Titanic” (1997) gebrochen. Im Januar 2008. erreichte „Die Verteidiger Rigas” schon fast 140 000 Zuschauer und die Zahl steigt noch weiter, den es gibt in ganz Lettland weitere Vorstellungen, nicht nur in der Hauptstadt.

Ēķis und Grauba bleiben auch als Produzenten ihrem eingeschlagenen Weg treu, die Liebe der Zuschauer zu erobern. Sie helfen dem vom Volk geliebten Regisseur Jānis Streičs den Film „Rudolfs Erbe” („Rūdolfa mantojums”, 2010) zu drehen, der auch auf großes Publikumsinteresse stieß. Einer ähnlichen Strategie folgt der Leiter des Filmstudios F.O.R.M.A. und Produzent Gatis Upmalis, der Filme für die ganze Familie dreht: In seinem Studio entstanden Varis Brasla „Wasserbombe für den dicken Kater” („Ūdensbumba resnajam runcim”, 2004) und Armands Zvirbulis ”Kleine Räuber” („Mazie laupītāji”, 2009), die sich in die Liste der Eigenproduktionen mit den meisten Zuschauern weit oben einreihten. Die Zuschauer ihrerseits schätzten in den letzten Jahren besonders Filme, die „das Leben zeigen, wie es ist” - Gatis Šmits „Die Rückkehr des Sergeants Lapinš” („Seržanta Lapiņa atgriešanās”, 2010); Juris Poškus „Kolka Cool” (2011); auch in seiner nicht besonders angenehmen und unterhaltsamen Form - Aiks Karapetjans „Die Menschen dort” („Cilvēki tur”, 2012).
 
Aiks Karapetjans: „Cilvēki tur”, 2012 Screenshot
Aiks Karapetjans: „Cilvēki tur”, 2012 (Trailer)

Grenzen erweitern

Mit Beginn des 21.Jahrhunderts wird auch den lettischen Filmschaffenden langsam klar, dass für die Produktion eines erfolgreichen Films Patriotismus alleine nicht genügt. Der Absatzmarkt ist zu klein, auch gibt es nur wenige Quellen, um an Fördergelder zu gelangen und selbst diese reichen nicht aus. Tatsächlich nimmt die Filmförderung in der ersten Dekade des neuen Jahrhunderts schrittweise zu und erreicht 2007-2008 ihren Höhepunkt, als der Staat es sich schon leisten kann, die Produktion von sechs Spielfilmen sowie zusätzlich weitere Projekte in verschiedenen Stadien zu finanzieren. Doch die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise macht sich auch in Lettland bemerkbar und die Förderung des Filmbereichs wird auf das Niveau der Jahre 2002-2003 zurückgefahren. In dieser Situation werden Koproduktionen mit anderen Ländern immer wichtiger, die Möglichkeiten eröffnen an verschiedene Förderquellen und Mittel aus Filmfonds zu gelangen, auch aus dem gemeinsamen europäischen Fond Eurimages, an dem sich Lettland nun schon seit 2002 beteiligt.
 
Sergejs Lozņicas: „Miglā”, 2012 Screenshot
Sergejs Lozņicas: „Miglā”, 2012 (Trailer)

Langsam sammelt man Erfahrung darin, einer internationale Koproduktion auch künstlerisch Qualität zu verleihen: 2012 lief Sergejs Lozņicas (Loznitsa) Film „Im Nebel” („Miglā”, 2012) - eine lettische, deutsche, niederländische, russische und weißrussische Koproduktion - im Wettbewerb des internationalen Filmfestivals von Cannes und erhielt den FIPRESCI-Preis.

Ein anderer Weg, Finanzquellen zu erschließen und die Professionalität des lettischen Filmstandorts zu erhalten ist die Arbeit ausländischer Filmteams in Lettland, für die hier langsam mit verschiedenen Mitteln Anreize geschaffen werden. Das Ergebnis der Zusammenarbeit des nationalen Kinozentrums mit dem Rigaer Stadtrat ist der seit 2010 tätige Rigaer Filmfond, der kommunale Kofinanzierung für Projekte anbietet, die in Riga, oder seiner näheren Umgebung gedreht werden. In der näheren Zukunft ist ein solcher Fond auch auf föderaler Ebene geplant. Bei den Kriterien des Rigaer Filmfonds wird sehr viel Wert darauf gelegt, dass die lettische Hauptstadt in ausländischen Filmen selbst gezeigt wird, anstatt nur als Kulisse für Berlin oder Paris zu dienen. Ein erfolgreiches Beispiel der jüngsten Zusammenarbeit ist der teilweise in Riga gedrehte Spielfilm des deutschen Regisseurs Hans Steinbichler „Das Blaue vom Himmel” (2011), in dem Riga ein wichtiger Ort der Handlung ist, weshalb auf dem Domplatz die historischen Barrikaden des Jahres 1991 errichtet wurden.

Diese staatliche Filmförderung, die Rückkehr der Filmschaffenden aus elitären, künstlerischen Höhen auf den Boden der Realität und das zunehmende Zuschauerinteresse an lettischen Eigenproduktionen nährt die Hoffnung, dass die lettische Filmindustrie mit vergleichsweise heiler Haut aus der globalen Krise kommt und dabei ihre Lektion gelernt hat, die auch in „ruhigen Zeiten” von Nutzen sein wird.