Urban Exploration
Die verborgenen Schönheiten Rigas

Urban Exploration in Riga
© Aleksey Stemmer

Der Fotograf Aleksey Stemmer aus Lettland erkundet immer wieder aufs Neue versteckte Orte: Er klettert in verlassene Ruinen oder auf hohe Turmkräne, und wenn er in ehemalige Bunker oder Trainingsgelände des Militärs eindringt, begibt er sich sogar direkt auf die Spuren des Kalten Krieges.

In Riga gibt es nicht nur zahlreiche Orte voller Schönheit zu entdecken. Auch die Geschichte der Stadt birgt viele Geheimnisse: Ehemalige Militärgebäude erzählen aus den Zeiten des Sowjetischen und des Kalten Krieges. Tauchen Sie in eine andere Welt ab und begeben Sie sich mit Alekseys atemberaubenden Bildern auf eine spannende Zeitreise. 

Urban Exploration: So erkunde ich die Stadt 

Am Anfang möchte ich mich kurz vorstellen: Ich lebe in Lettland und arbeite als professioneller Fotograf. Meine Leidenschaft sind Natur, Tier- und Industriefotografie. Ich bin viel auf Reisen und lebe sogar oft in der Wildnis, immer auf der Jagd nach neuen Bildern. Eine Leidenschaft ist jedoch vor kurzem hinzugekommen: Ich liebe es, den städtischen Raum zu erforschen. Dazu klettere oder krieche ich in verlassene Gebäude oder erkunde versteckte Orte mitten in Riga. Ich mache das noch nicht lange, finde es aber absolut faszinierend. Eines ist mir dabei klar geworden: Jeder kann so etwas machen, nicht nur die Abenteuer-Typen, die man in Survival-Shows im Discovery Channel sieht! Nehmen Sie doch auch einmal eine völlig neue Perspektive ein. Ich möchte Ihnen ein wenig von meiner Arbeit erzählen und danach die Bilder für sich sprechen lassen. 

Facebook war der Anfang

Zunächst einmal müssen wir klären, was der Begriff Urban Exploration bzw. Stadterkundung eigentlich bedeutet. Fragen wir dazu Wikipedia. „Stadterkundung: Die Erforschung von durch Menschenhand angelegte Strukturen, oftmals verlassene Ruinen oder Komponenten von einer von Menschen erbauten Umwelt, zu denen man normalerweise keinen Zutritt hat,“ heißt es dort. Das gute alte Wikipedia: Wer sich für das Thema interessiert, findet hier einen sehr schönen und detaillierten Artikel, der einiges an theoretischem Hintergrund vermittelt. Am meisten erfährt man jedoch über die Sache, wenn man mit den Leuten spricht, die es machen: Denen, die all die verborgenen Orte kennen und wissen, wie man diese sicher erkundet, ohne dass es Ärger gibt. Und genau so bin auch ich zu diesem Hobby gekommen. 

Aber wie erreicht man solche Leute? Bei mir lief es über Facebook. Ich habe dort vor ein paar Monaten Bilder von einen Typen gesehen, der einen langen Fabrikschornstein heraufgeklettert war. Auf seinem Profil erfuhr ich, dass er schon die verrücktesten Orte „begangen“ hatte: ehemalige Schutzorte aus Kriegszeiten, Industrietürme und diverse verlassene Gebäude. Ich fand das sehr beeindruckend, und einer der ersten Gedanken, die durch meinen Kopf schossen, war: „Wie wäre es wohl, wenn ich dort mit meiner Kamera hingelangen würde? Da würden sich doch bestimmt eine Unmenge neuer Möglichkeiten bieten!“ Und genau so war es auch. 

Die Türme von Riga

  • Auf einem ehemaligen Militärturm © Aleksey Stemmer
    Hoch oben auf einem ehemaligen Militärturm, ein Nachfolgemodell des mächtigen Goliath-Sendeturms Nazi-Deutschlands
  • Blick von einem ehemaligen Strommast © Aleksey Stemmer
    Blick von einem ehemaligen Strommast 100 Meter über dem Hafen von Riga
  • Blick von einem ehemaligen Strommast © Aleksey Stemmer
    Blick von einem ehemaligen Strommast
  • Blick von einem ehemaligen Strommast © Aleksey Stemmer
    Blick von einem ehemaligen Strommast
  • Blick von einem ehemaligen Strommast © Aleksey Stemmer
    Blick von einem ehemaligen Strommast
  • Blick von einem ehemaligen Strommast © Aleksey Stemmer
    Blick von einem ehemaligen Strommast
  • Blick von einem ehemaligen Strommast © Aleksey Stemmer
    Blick von einem ehemaligen Strommast
  • Blick von einem ehemaligen Strommast © Aleksey Stemmer
    Blick von einem ehemaligen Strommast
  • Blick von einem ehemaligen Strommast © Aleksey Stemmer
    Blick von einem ehemaligen Strommast
  • Blick von einem ehemaligen Strommast © Aleksey Stemmer
    Blick von einem ehemaligen Strommast
  • Blick von einem ehemaligen Strommast © Aleksey Stemmer
    Blick von einem ehemaligen Strommast
  • Auf dem Turm von Rigas erstem Heizkraftwerk © Aleksey Stemmer
    Auf dem Turm von Rigas erstem Heizkraftwerk – 120 Meter über der Erde
  • Auf dem Turm von Rigas erstem Heizkraftwerk © Aleksey Stemmer
    Auf dem Turm von Rigas erstem Heizkraftwerk – 120 Meter über der Erde

Eine neue Welt unter den Füßen

Ich schrieb ihm eine Mail, und schon am folgenden Tag starteten wir eine dreitägige Klettertour mit ein paar weiteren Stadterkundern aus Litauen. Dabei haben wir neun Locations aufgesucht: diverse Schutzorte, Fabriken, ein Trainingscamp des Militärs und einen verlassenen botanischen Garten. Ich war danach müde und erschöpft, trotzdem war das eines der eindrucksvollsten Erlebnisse meines ganzen Lebens! Man muss sich das einfach mal vorsellen: Man spaziert durch die Straßen seiner Heimatstadt, die man schon ewig kennt, und auf einmal entdeckt man eine völlig neue Welt unter seinen Füßen. Eine Welt mit einer ganz eigenen Geschichte und Atmosphäre! Oder man steht auf einem 100 Meter hohen ehemaligen Strommast. Von so hoch oben erscheint einem die Stadt in einer völlig neuen Perspektive. Der Begriff „atemberaubend“ kann nur annähernd beschreiben, was einem in so einem Moment durch den Kopf geht. 

Auf diese Tour folgten noch weitere, und ich habe dabei viele interessante Leute kennengelernt und einige Freundschaften geschlossen. Und wir werden immer mehr; viele meiner Freunde, die sich das vorher niemals hätten träumen lassen, habe ich inzwischen für diese Leidenschaft begeistern können. Und wie es ja oft bei derart spannenden Hobbys der Fall ist, hat das Ganze unser Leben inzwischen enorm bereichert. 

Ehemalige Bunker der Sowjetunion

  • In einem ehemaligen Bunker © Aleksey Stemmer
    In einem ehemaligen Bunker, wie er zur Zeit des Kalten Krieges im Keller eines jeden wichtigen Gebäudes zu finden war
  • In einem ehemaligen Bunker © Aleksey Stemmer
    In einem ehemaligen Bunker: Anweisungen, wie man einen Nuklearangriff überlebt
  • In einem ehemaligen Bunker © Aleksey Stemmer
    In den größten Zufluchtsstätten konnten bis zu 2000 Menschen unterirdisch beherbergt werden
  • In einem ehemaligen Bunker © Aleksey Stemmer
    Inzwischen werden viele alte Bunker als Warenlager genutzt, wie hier im Keller der Polizeiwache in Riga

Auf den Spuren des Kalten Krieges

Wenn ich die interessantesten Orte benennen müsste, die ich bislang entdeckt habe, gehören dazu auf jeden Fall der 200 Meter hohe Fernmeldeturm des Militärs, die verlassene geheime Stadt von Skrunda, ein riesiges altes Zentralheizwerk in Riga und einige Türme, die mir einen ganz neuen Blick auf meine Stadt eröffnet haben. Auf diesen Touren habe ich übrigens nicht nur tolle Fotos machen können, nebenbei war das Ganze auch noch ein gutes körperliches Training. Davon abgesehen macht es natürlich einen Riesenspaß, sich vorzukommen wie mitten in einem Agentenfilm! 

Außerdem konnte ich dabei auch viel über Geschichte lernen. Obwohl ich mich schon immer für die Vergangenheit meiner Stadt interessiert habe, hatte ich mich noch nie direkt mit dem Kalten Krieg beschäftigt. Während der Zeit der Sowjetunion wurde alles, was mit militärischer Verteidigung zu tun hat, streng geheimgehalten. Natürlich wusste ich, dass da irgendetwas vor sich ging. Ich hätte mir allerdings nie träumen lassen, dass die ganze militärische Infrastruktur, die aus der Phase des Kalten Krieges stammte, so riesig und so facettenreich war. 

Doch nicht nur die schiere Größe hat mich überwältigt. Wenn man dort steht, verändert sich plötzlich etwas in einem. Ich wurde dort von Gefühlen übermannt, die ich bislang nicht kannte. Vor allem konnte ich hier die Schrecken des Krieges hautnah nachempfinden. 

Stellen Sie sich nur einmal diesen verlassenen Kindergarten vor, durch den wir gegangen sind, wo überall noch kleine Schuhe an ihrem Platz standen. An der Wand waren noch die Anweisungen zu lesen, wie man sich zu verhalten hat, wenn eine Atombombe einschlägt. Ich konnte plötzlich nicht nur die Angst um das eigene Leben und um das der Menschen, die einem nahe sind, verstehen, sondern wusste auf einmal, wie es sich anfühlt, um den Fortbestand des ganzen Planeten zu fürchten. 

Skrunda – die geheime Stadt

Die sowjetische Radarstation Skrunda-1 war einer der geheimsten Orte im ganzen Baltikum. Nach dem Abzug der russischen Truppen ist aus ihr eine wahre Geisterstadt geworden.
 
  • Skrunda, die geheime Stadt © Aleksey Stemmer
    Rund 5 Kilometer außerhalb der alten Stadt Skrunda liegt die „geheime Stadt“: einst einer der geheimsten Orte im ganzen Baltikum
  • Skrunda, die geheime Stadt © Aleksey Stemmer
    Während des Kalten Krieges besaß Skrunda zwei Radaranlagen mit extrem präzisen Ortungsgeräten: Selbst aus vielen Kilometern Entfernung konnten diese aus der Luft Gegenstände ausfindig machen, die gerade mal so groß waren wie ein Tennisball
  • Skrunda, die geheime Stadt © Aleksey Stemmer
    Damals war die geheime Stadt niemandem zugänglich. Der Bereich war komplett abgeschirmt, nicht mal die Anwohner hatten Zugang
  • Skrunda, die geheime Stadt © Aleksey Stemmer
    Heute ist Skrunda eine Geisterstadt. Der Standort wurde nach dem Rückzug der russischen Truppen 1998 aufgegeben
  • Im Wohnhaus einer Familie © Aleksey Stemmer
    Im Wohnhaus einer Familie
  • Sowjetische Offiziere lebten mit ihren Frauen und Kindern in Skrunda © Aleksey Stemmer
    Sowjetische Offiziere lebten mit ihren Frauen und Kindern in Skrunda
  • Vor langer Zeit war dies mal ein Kindergarten... © Aleksey Stemmer
    Vor langer Zeit war dies mal ein Kindergarten...
  • …und die Kinderschuhe stehen immer noch herum © Aleksey Stemmer
    …und die Kinderschuhe stehen immer noch herum
  • Skrunda, die geheime Stadt © Aleksey Stemmer
  • Ehemalige Turnhalle © Aleksey Stemmer
    Ehemalige Turnhalle
  • Ehemalige Turnhalle © Aleksey Stemmer
    Ehemalige Turnhalle
  • Nicht fertiggestellte sowjetische Propaganda-Plakate © Aleksey Stemmer
    Nicht fertiggestellte sowjetische Propaganda-Plakate
  • Ehemalige Schießanlage © Aleksey Stemmer
    Ehemalige Schießanlage
Mich macht es sehr traurig, wenn eine Gesellschaft diesem Teil ihrer Geschichte so wenig Beachtung schenkt. In Lettland gibt es keine Museen, die sich mit unserer Vergangenheit beschäftigen, aber es stehen noch Hunderte von Bunkern und Zufluchtsorten aus dieser Zeit. Es scheint sich allerdings niemand dafür zu interessieren. Es gibt nicht einmal Schilder, die auf ein „historisches Gebäude“ hinweisen. Betreten werden diese Orte nur von Dieben, die alles mitnehmen, was man noch irgendwie zu Geld machen kann. 

Hoffentlich sind die Zeiten vorbei, in denen man solche Gebäude brauchte. Aber vielleicht würde es die Aggression um uns herum mindern, wenn man den Menschen einmal den wahren Preis des Friedens und den Horror eines bevorstehenden Krieges vor Augen führen könnte. Die Leute, die diese Orte erkunden, möchten die Geschichte auf ihre ganze eigene Weise bewahren. Sie haben etwa Dokumente, Pläne, Geräte und andere Gegenstände sortiert, die ansonsten zerstört worden wären. Ich habe schon Sammlungen gesehen, mit denen man ganze Museen bestücken könnte. Und ich glaube, dass sie eines Tages auch gezeigt werden. 

Inzwischen konzentriert sich meine fotografische Arbeit auf andere Dinge. Ich verbringe heute die meiste Zeit auf der Suche nach neuen Landschaften und Unterwasserwelten. Aber dann und wann lasse ich es mir nicht nehmen, verborgene Teile unserer Geschichte wiederzuentdecken oder einfach nur eine neue atemberaubende Perspektive zu erleben. Es ist schon ein spektakuläres Hobby. Und sicherlich gibt es an diesen verlassenen Orten noch viel mehr Geheimnisse und versteckte Schönheiten zu entdecken! Ich kann nur jedem raten, diese große und unheimlich vielfältige Welt um uns herum zu erkunden. Dazu muss man gar nicht mal weit reisen; es muss nämlich nicht immer ein exotischer Ort sein, um etwas Besonderes zu erleben. Oftmals wartet schon um die Ecke eine ganz neue verborgene Welt, die entdeckt werden will! 

Nun kommt natürlich unweigerlich die Frage auf: „Ist das nicht gefährlich?“ Daher hier noch mal mein Rat: Am Anfang sollte man sich unbedingt an die Seite eines erfahrenen Stadterkunders begeben, um sein „Handwerk“ zu erlernen. 
 
Wenn Sie mehr erfahren wollen: Auf meiner Website gibt es viele weitere Bilder. Schließlich möchte ich noch all meinen guten Freunden danken, die das alles ermöglicht haben, vor allem Arturs Milevics; einem der erfahrensten Stadterkunder der baltischen Länder, der mir mit Rat und Tat zur Seite gestanden hat.