Kinderliteratur Schriftstellerin, nicht Hausfrau

Anette Mierswa
Annette Mierswa | Foto: Didzis Grodzs

Dieses Jahr wurde der Internationale Janis-Baltvilks-Preis für Kinderliteratur der deutschen Schriftstellerin Annette Mierswa und ihrer Übersetzerin Inga Karlsberga verliehen. Das Urteil der Expertenjury war, dass in Annette Mierswas Geschichte Samsons Reise „durch die Darstellung der letzten gemeinsamen Reise eines Jungen und seines Hunds, deren große Lehre die Akzeptanz der Realität des Todes ist, gefühlsstark und lebensbejahend die Einsicht über die Natürlichkeit des Lebensrhythmus und die Unabwendbarkeit dessen Endes sowie ein Zeugnis wahrer Werte wie Freundschaft, Klugheit des Herzens, Empathie und Mut erklingen.“
 

Annette Mierswa nahm an den Lesungen im Rahmen des Baltvilks-Preises teil, danach führten wir dieses Gespräch.

Sie haben als Kameraassistentin und Journalistin gearbeitet. Wie kam es dazu, dass Sie sich der Literatur zuwendeten?

Ich habe schon immer viel geschrieben, aber nichts Langes. In der Schule wurde ich immer für meine Texte gelobt, aber mein Lebensweg führte mich in eine andere Richtung. Als meine Kinder auf die Welt kamen, konnte ich nicht mehr als Kameraassistentin arbeiten, das ist zu gefährlich und man ist viel unterwegs. Außerdem arbeitete ich, als ich heiratete, schon nicht mehr als Kameraassistentin, aber ich hatte auch noch keinen neuen Beruf, und ich wollte als Beruf ins Familienbuch nicht „Hausfrau“ eintragen, deshalb schrieb ich „Schriftstellerin“. Damals hatte ich noch kein einziges Buch veröffentlicht, aber so blieb mir nun nichts anderes übrig, als Schriftstellerin zu werden, damit es auch stimmt, was in den Unterlagen steht. Als ich mit den Kindern zu Hause war, stelle ich plötzlich fest, dass ich Lola im Kopf hatte, die Handlung der Geschichte „Lola auf der Erbse“. So kam also zuerst „Lola“ 2008 und ein Jahr später dann „Samsons Reise“. Tatsächlich hatte ich „Lola auf der Erbse“ schon einige Zeit früher geschrieben, doch es blieb ziemlich lange unveröffentlicht, denn es ist relativ schwierig, einen Verleger zu finden, besonders für sein erstes Buch.

Warum haben Sie sich genau dieses Alter für die Figuren in Ihren Büchern ausgesucht?

Ich weiß es gar nicht so genau. Größtenteils fallen mir die Geschichten einfach ein und die Hauptfiguren sind Kinder, die meistens zwischen acht und zehn Jahre alt sind. Ich habe zwar auch zwei Jugendbücher geschrieben, aber sie haben bisher noch keinen Verleger gefunden. Jugendbücher haben eine ganz andere Sprache und damit fühle ich mich nicht so sicher, ich kann mich nicht so ganz hineinversetzen. Die Sprache, in der jüngere Kinder sprechen, ist mir näher, damit habe ich eine größere und natürlichere Verbindung. Vielleicht darum. Auf diese Frage kann ich nicht so richtig antworten.

Haben Ihre Kinder Ihre Bücher auch gelesen und was sagen sie zu ihnen?

Ja, zuerst habe ich ihnen vorgelesen, meine Kinder haben meine Bücher auch selbst gelesen und für gut befunden, auch wenn ich weiß, dass sie sich selber diese Bücher nicht unbedingt aussuchen würden. Meine letzten beiden Bücher haben sie allerdings nicht gelesen, denn sie sind aus dem Alter meiner Figuren heraus…

In Lettland gibt es immer noch nicht genug Bücher für Kinder im Alter Ihrer Figuren, auch für Jugendliche, besonders solche, in denen die Hauptfigur ein Junge ist, denn Bibliothekare bestätigen, dass Mädchen zwar Bücher über Jungen lesen, umgekehrt aber nicht. Außerdem haben wir im Moment eine Unmenge an Fantasyromanen, doch die Realität bleibt auf der Strecke. Wie ist es in Deutschland?

Ja, da muss ich zustimmen, Jungen brauchen in einem Buch wirklich einen Jungen als Hauptfigur. Man kann nicht sagen, dass es in Deutschland an Kinderbüchern mit realistischen Figuren mangelt. Es gibt Autoren, die in diesem Stil schreiben, zum Beispiel Peter Härtling und dann gibt es natürlich auch noch die klassischen Astrid Lindgren Bücher. Aber auch in Deutschland erscheinen viele Fantasyromane. Jugendliche lieben Fantasy – auch meine Kinder, besonders mein jüngerer Sohn. Von den Verlagen habe ich gehört, dass sie sich realistischere Kinderbücher wünschen und das freut mich, denn ich selber habe mich ja für dieses Genre entschieden. Ich finde auch, dass es mehr realistische moderne Literatur für Kinder geben sollte, mit der sie sich identifizieren können, in der sie die Welt und die Umstände wiedererkennen.

Sie unterrichten auch kreatives Schreiben in der Schule. Ist das Interesse der Schulen dafür groß?

Ich werde oft von  Schulen zu Lesungen eingeladen, die Vertreter der Schule können sich dann selbst aussuchen, ob sie eine einfache Lesung oder auch einen Kurs im kreativem Schreiben möchten, dann stelle ich den Schülern auch kleine, kreative Aufgaben. Nicht jede Schule interessiert sich für dieses Angebot, hauptsächlich nur die, welche mehr mit sozialen Brennpunkten zu tun haben, zum Beispiel Schulen mit einem hohen Anteil ausländischer Schüler oder Kindern aus sozialschwachen Familien, in denen nicht viel vorgelesen wird und die Kinder Schwierigkeiten mit dem Lesen haben. In diesen Stunden spürt man, dass es die Kinder wirklich interessiert, sie kommen in großer Zahl und hören sehr aufmerksam zu, sie machen auch gerne Schreibaufgaben – das ist wirklich bewundernswert! Und ich habe festgestellt, dass Kinder nicht nur lustige Bücher mögen. Meine Bücher sind gar nicht so lustig, aber die Kinder sind voll dabei. Die Lehrer sagen, dass sie in den Schulstunden nicht so aufmerksam sind, aber anscheinend erzählen meine Bücher von Themen, die ihnen wichtig sind. Ich war zum Beispiel in Schulen, wo laut der Lehrer die Hälfte oder sogar über die Hälfte der Kinder Scheidungskinder sind. Das ist ein Thema, das ich in meinem Roman über Lola behandle. Auch der Tod eines Haustiers – ziemlich viele Kinder haben mal ein Haustier gehabt, das sie geliebt und verloren haben, genauso wie Mats in „Samsons Reise“. Dann sprechen wir darüber, dass der Tod etwas Natürliches ist und wie man damit leben kann.

Hatten Sie als Kind auch einen Hund?

Ja, „Samsons Reise” basiert größtenteils auf meinen Kindheitserinnerungen. Meine Eltern hatten vier Hunde. Keiner davon lebt mehr. Als mein Hund starb, brachten meine Eltern ihn einfach fort und sagten mir, dass er weg sei. Ich musste selbst verstehen, warum er nicht mehr da war, was da eigentlich passiert war.

Was lesen Sie selbst gern?

Ich habe so eine Tradition, im Café die Tageszeitung zu lesen. Darin fällt mir manchmal ein Ereignis oder ein Thema auf, das mich zu einer Geschichte inspiriert. Wenn ich schreibe oder mich aufs Schreiben vorbereite, lese ich als Recherche viel zu den Themen, die ich in meinem Buch behandle. Im Moment schreibe ich zum Beispiel über einen Jungen, dessen Vater an Krebs erkrankt ist, und jetzt lese ich gerade viel darüber, wie man mit Kindern darüber spricht. Ich hoffe, es wird ein Roman daraus. Tatsächlich lese ich auch gern nur so zum Spaß Jugendbücher. Vor Kurzen hat mich zum Beispiel „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf (auch auf Lettisch erschienen) wirklich begeistert. Das ist ein sehr interessantes und wertvolles Jugendbuch, es ist auch realistisch. Ich mag Bücher, die inspirieren. Jetzt habe ich die Bücher schon eine Weile lang nicht mehr gelesen, aber als meine Kinder klein waren, habe ich mit ihnen gemeinsam „Momo“ und „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende gelesen. Ich habe auch alle „Harry Potter“ Bücher gelesen – ein wahnsinniger Umfang! Ich selber könnte nie ein Buch mit so vielen Figuren und Handlungssträngen schreiben. Bei Literatur für Erwachsene habe ich keine besonderen Favoriten, ich schaue einfach, was mir so in die Hände fällt.

In den englischsprachigen Ländern ist es sehr schwierig mit Übersetzungen Fuß zu fassen. Wie ist die Situation im Bereich der übersetzten Literatur in Deutschland?

Besonders in der Jugendliteratur gibt es eine sehr starke englischsprachige Nische, aber auch sonst gibt es viele Übersetzungen, einige Autoren wie Michael Ende und Astrid Lindgren habe ich ja bereits erwähnt, doch es gibt auch noch viele andere. Ich glaube, dass die Leser sich gern für übersetzte Literatur entscheiden. Deutsche Autoren sind manchmal sogar ein bisschen enttäuscht, wenn große Literaturpreise an Übersetzungen vergeben werden.

Bedeutet der Baltvilks-Preis zusätzliche Punkte auf der Beliebtheitsskala für Sie? Auf der Verlagshomepage habe ich noch keine Erwähnung des Preises entdeckt…

Mein Verlag hat sich sehr gefreut, sie haben bereits angekündigt, dass es eine zehntägige Aktion geben wird, während der man „Samsons Reise“ als E-Book kostenlos herunterladen kann – auch zu Ehren des Preises. Ich bin von einer deutschen Zeitschrift angesprochen worden, die auf Kinder- und Jugendliteratur spezialisiert ist, soweit ich weiß, haben sie mit dem IBBY gesprochen und möchten auch etwas schreiben. Ich denke, der Baltvilks-Preis ist in Deutschland nicht wirklich bekannt, aber ich hoffe, dass sich das jetzt ändert. Auch meine Agentin hat sich sehr gefreut und war neugierig, sie wollte gern mitkommen und hat sich sehr für das literarische Leben in Lettland interessiert.

Sie sind zum ersten Mal in Lettland. Wie gefällt Ihnen Riga?

Riga ist eine wundervolle Stadt. Ich bin mit meinem Mann und meinem Sohn gekommen, und es ist wirklich toll hier. Ich möchte noch die Zeit finden, die Stadt mit meiner Familie auszukosten. Die Architektur hier ist wirklich schön, sehr ungewöhnlich, nur schade, dass viele Häuser in einem so schlechten Zustand sind.

Die Lesungen zum Baltvilks-Preis fanden in unserer neuen Bibliothek statt…

Die Bibliothek selber war leider geschlossen, deshalb haben wir nur das oberste Stockwerk gesehen. Der Ausblick von dort war großartig und, soweit ich das beurteilen kann, ist auch das Gebäude sehr beeindruckend. Meine Familie und ich haben überlegt, wie es aussieht: Wie eine Welle? Ein Berg? Solch eine Architektur haben wir bisher noch nie gesehen. Es ist wohl so ein architektonisches Werk, das einen Eindruck auf die ganze Umgebung hinterlässt. So ist es zum Beispiel auch mit der Elbphilharmonie in Hamburg, wo ich wohne – der Bau hat unglaublich lange gedauert, war unvorstellbar teuer, doch nun ist sie endlich fertig.

Soweit ich weiß, erlebt Hamburg zurzeit einen starken Zulauf von Touristen aufgrund des Konzertsaals.

Hamburg ist schon immer ein Touristenmagnet gewesen, es ist eine wirklich tolle, vielseitige Stadt, wo es schon immer etwas zu sehen gab, doch durch die Elbphilharmonie kommen nun wirklich noch mehr Touristen. Und, was sehr auffällt, durch den neuen Konzertsaal interessieren sich immer mehr Leute für klassische Musik, und zwar auch die Hamburger selbst, nicht nur die Angereisten. Das finde ich wirklich großartig. Ich hoffe, dass auch Ihre Bibliothek viele Leser anzieht, besonders Familien mit Kindern.

Manchen Leuten, besonders denen vom rechten Daugavaufer, ist sie zu weit weg…

Wirklich? Also, in Hamburg wäre das keine Entfernung, es ist eine viel größere Stadt.
 

Annette Mierswa, geboren in Mannheim, hat als Journalistin und Kameraassistentin gearbeitet. Ausbildung zur Trainerin für poesie- und bibliotherapeutische Gruppen. Bisher wurden vier ihre Kinderbücher veröffentlicht. Ihre Geschichte „Lola auf der Erbse“ wurde verfilmt, für „Samsons Reise“ (2009) hat sie ein Stipendium des Deutschen Literaturfonds und den Internationalen Janis-Baltvilks-Preis erhalten. Heute lebt die Schriftstellerin mit ihrem Mann und zwei Söhnen in Hamburg.