Deutschbalten
Lettisches Nationaltheater zeigt Schicksalssaga der Deutschbalten

Baltischer Ring
Foto: Kristaps Kalns © Latvijas Nacionālais teātris

Lange war die Aussiedlung der Deutschbalten vor dem Zweiten Weltkrieg ein Thema, über das in Lettland nicht gesprochen wurde. Der Regisseur Viesturs Kairišs bricht mit dem Schweigen. Anderen Aspekten der jahrhundertelangen gemeinsamen Geschichte von Lettland und Deutschland nimmt sich eine App des Goethe-Instituts an.
 

Fast 80 Jahre nach der Umsiedlung der Deutschbalten wartet das Lettische Nationaltheater in Riga mit einer besonderen Aufführung auf. In einer Neuinszenierung bringt Regisseur Viesturs Kairišs die Schicksalssaga „Baltiešu gredzens“ (Baltischer Ring) über die Geschichte der deutschsprachigen Minderheit auf die Bühne, die als herrschende Oberschicht jahrhundertelang die Politik und Kulturgeschichte des Baltenstaats mitbestimmte. Aufgezeigt wird in dem Theaterstück, welches Wechselbad der Gefühle die Deutschbalten 1939 durchmachten, als nach mehr als 700 Jahren ihr Ende als Volksgruppe in Lettland und ihr unvermeidbarer Abschied von der Heimat bevorstand.
 
Mit der Aufführung, die Anfang Februar ihre Premiere feierte, will Kairišs das Bewusstsein über die Bedeutung der Deutschbalten für Lettland schärfen. „Sie waren ein Teil von uns. Sie formten zusammen mit den Letten die lettische Nation“, meint der Regisseur. „Dank der Deutschbalten können wir die westliche und europäische Orientierung als Identität unserer Nation betrachten. Sie haben uns auf der Westseite der Grenze angesiedelt.“

Historische Romanvorlage

Kairišs’ theatrale Aufarbeitung des Schicksals der Deutschbalten basiert auf dem Buch „Baltiešu gredzens“. Dabei handelt es sich um die lettische Ausgabe der 1935 veröffentlichten Romantrilogie „Baltische Tragödie“ des deutschbaltischen Schriftstellers Siegfried von Vegesack (1888-1974) samt der 1957 erschienenen Fortsetzung „Der Letzte Akt“ – sie bildete die Grundlage für das Bühnenstück.
 
In der autobiografisch geprägten Romantrilogie beschreibt von Vegesack aus der Kinderperspektive der Hauptfigur Aurel den Niedergang und das Ende der Deutschbalten, die im Herbst 1939 zwangsumgesiedelt wurden. 50 000 davon kamen nach dem Hitler-Stalin-Pakt, der die Baltenstaaten an die Sowjetunion auslieferte, aus Lettland ins Deutsche Reich. Vielen davon fiel es aber schwer, das Land zu verlassen, in dem sie und ihre Familien seit Jahrhunderten lebten.
 
Für viele Deutschbalten war es damals ein Abschied für immer, nachdem sie zuvor als Gutsherren jahrhundertelang ein strenges Regime geführt hatten. Begründet wurde die deutsche Vorherrschaft auf dem Gebiet des heutigen Lettland im Mittelalter. Durch die Kirche, Ordensritter und Hanse wurde ein Machtgefüge mit Ständeherrschaft errichtet, an dem sich lange nur wenig ändern sollte. Durchbrochen wurde es erst mit der Gründung des lettischen Nationalstaats 1918 – der Adel verlor seine Privilegien, sein Besitz wurde weitestgehend enteignet.

Schlichtes Bühnenbild, ausdrucksstarke Schauspieler

Die lettische Fassung der „Baltischen Tragödie“ erschien 2012. Die Trilogie und ihre Fortsetzung werden dabei in der Übersetzung in einen sich auch im Titel des gesamten Werks und seiner vier Einzeltitel widerspiegelnden Bezug zu Richard Wagners Oper „Der Ring der Nibelungen“ gesetzt. Dies greift Kairišs musikalisch auf – im Hintergrund seiner Inszenierung erklingen Klaviermusik von Wagner und Kompositionen des deutschbaltischen Komponisten Nicolai von Wilm.
 
Auf der Bühne setzt der Regisseur für seine gekürzte und für das Theater adaptierte Version des Romans auf ein schlichtes Bühnenbild und spielt mit Kontrasten und Metaphern. Vor einer halbrunden Wand mit einer Fototapete des Goldenen Saals im Schloss Rundale, die am Ende in sich zusammenfällt, ist schwarzer Sand kreisförmig um eine Öffnung in der Mitte der Bühne angehäuft, die mit roten Samtkordeln abgesperrt ist und aus der für Szenenwechsel und Rückblenden Figuren empor- und absteigen. Für Szenen mit Kindheitserinnerungen der Hauptfiguren werden zudem Puppen mit den Gesichtszügen der Schauspieler eingesetzt.
 
Mit Hilfe dieses Bühnenarrangements und dialogartigen Handlungssträngen werden die inneren Konflikte und die Trauer der Deutschbalten über den Verlust ihrer sozialen Vormacht und ihres Lebensstils, ihre nostalgischen Gefühle für die geliebte Heimat und die plagende Ungewissheit über die Zukunft dargestellt.

Rückbesinnung auf das deutsche Kulturerbe

Von Theaterkritikern wird die knapp dreistündige und teils etwas langatmige Aufführung gemischt aufgenommen. „Interessantes Thema, kontroverse Inszenierung“, schreibt etwa das Wochenmagazin „Ir“ und gibt damit den Tenor wieder, der auch in anderen lettischen Medien vorherrscht. In sozialen Netzwerken werden besonders die schauspielerischen Leistungen gelobt. Auch wird hervorgehoben, dass Kairišs’ Aufführung zum Denken anrege.
 
„Über die Art der Inszenierung lässt sich sicherlich streiten. Aber das ist nun mal der Stil des Regisseurs“, meint auch Ilze Garda. Für die Vorsitzende des Verbandes der Deutschen in Lettland ist ohnehin weniger die Form als vielmehr der Inhalt der Aufführung entscheidend „Lange wollte in Lettland niemand über das Schicksal und die menschliche Tragödie der Deutschbalten sprechen. Dies hat sich nun geändert.“
 
Tatsächlich setzt in Lettland langsam ein Umdenken ein – seit mehreren Jahren widmet man sich wieder verstärkt dem kulturellen Erbe der Deutschbalten. Ein Gang durch Riga führt heute vielerorts an Gedenktafeln und Standbildern deutschbaltischer Geistesgrößen vorbei, auf dem Land wurden zahlreiche Gutshäuser restauriert. Von dieser deutschen Vergangenheit erzählen auch von Vegesacks Romane.

App „Deutsche Spuren Lettland“

Auf neueren „Deutschen Spuren in Lettland“ kann man mit einem Smartphone oder Tablet wandeln. Eine gleichnamige mobile App des Goethe-Instituts Riga begleitet multimedial an Orte, die mit der deutsch-lettischen Geschichte und Gegenwartskultur zusammenhängen und bringt die Geschichten hinter den Plätzen, Gebäuden und Personen näher. Auf einer Online-Karte sind landesweit Dutzende Spuren hinterlegt, die anhand von Texten, Fotos und teils auch Film- und Tonaufnahmen vorgestellt werden. Die interaktive App ist auf Deutsch und Lettisch verfügbar – und funktioniert auch offline und von zu Hause aus.