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Fake News
Probe des Wahrheitstanzes

Theaterpremiere “Fake News!”
Theaterpremiere “Fake News!” | Foto: Artūrs Stiebriņš

In der Aufführung Fake News! geschieht mit dem Publikum das gleiche wie im Alltag – es wird vom Informationsfluss überwältigt, in dem Wahrheit und Erfindung sich zu einem unentflechtbaren Knoten verwickeln.

Von Atis Rozentāls

Dass Informationen und moderne Technologien die Menschheit nicht klüger und vernünftiger gemacht haben, ist klar. Die Zahl der Möglichkeiten, Verwirrung zu stiften, hat zugenommen. Der Ausruf „Würmer in der Suppe“ konnte eine Meuterei auf einem Panzerkreuzer auslösen; heute wiederum können die winzigsten Gründe zu Hysterie führen, während die Resonanz blitzartig Kontinente überquert. Es müssen nicht immer Falschnachrichten sein. Alles Exotische kann ernsthafte Analytiker beschäftigen, Infografiken und -kurven sowie unzählige Expertenmeinungen provozieren – so wie vor Kurzem die Nachricht über die dicke und zu schwere Katze in Russland, die mit List in einem Flugzeug mitgeführt wurde, wofür die Fluggesellschaft Aeroflot dem Katzenhalter später die Loyalitätspunkte annullierte. Dies wiederum veranlasste andere Unternehmer, ihre Popularität zu fördern, indem sie solche Punkte für ihre Dienste anboten. Daran ist nichts gelogen, doch diese ganze Analyse beansprucht Zeit.

Unter Zusammenarbeit des Dramaturgen Evarts Melnalksnis und des Regisseurs Klāvs Mellis kreierte die Theatergruppe Kvadrifrons das Stück Fake News!, in dem die Grenzen zwischen wahren und gefälschten Nachrichten äußerst raffiniert verfließen. Wie sehr wir dabei von der Bühne aus belogen werden, ist schwer abzuwägen, denn wir können nicht alle Fakten der Welt kennen.

Greta Thunbergs Großvater

Verdächtig war die Antwort einer freiwilligen Helferin auf die Frage, wie lang die Aufführung sein werde: dies könne nicht verraten werden. So halten wir diese Intrige also geheim und geben nur den Wink mit dem Zaunpfahl, dass der Zeitablauf dieser Darbietung spezifisch und innerhalb des Saals alles damit in Ordnung ist. Das Zeitgefühl geht auch aufgrund des fieberhaften Tempos verloren, mit dem die vier Darsteller und Darstellerinnen sich gegenseitig unterbrechen und versuchen, in möglichst kurzer Zeit möglichst viel zu erzählen, selbst dann, wenn jemand anderes mit seiner Rede bereits das Glöckchen geläutet hat. Die Struktur der Aufführung ist scheinbar einfach – vier Akteure, vier Teile, und jeder davon beginnt mit einem Monolog und endet mit einer Probe des Wahrheitstanzes, bzw. mit der finalen Version am Ende der Vorführung. Die Auffassung des Publikums wird davon beeinflusst, in welchem Maß es dem Text folgen, diesen analysieren und erkennen kann und ihm dann glaubt oder Lügen entlarvt.

Rein objektiv ist es nicht möglich, alle Ebenen von der Bibel bis zu Greta Thunbergs „Großvater“ George Soros aufzudecken. Einige der genannten Fakten oder zitierten Kettenbriefe sind erkennbarer Blödsinn, doch raffinierter sind die Geschichten der Protagonisten, die absolut glaubhaft scheinen, es jedoch nicht sind.

So kann zum Beispiel Reinis Boters‘ Erzählung über sein Amateurtheater in Balgale von Anfang bis Ende als echt aufgefasst werden, da der junge Regisseur tatsächlich solch ein Theater leitet und auch an Bewertungen auf Landesebene teilgenommen hat. Und in der Jury war damals wirklich die Kritikerin, Reinis‘ Dozentin, die Kenner schnell erraten werden. Doch das, was dieses Amateurtheater wirklich aufführte und wie das Gespräch über die Vorstellung ablief, geschah nicht genau so wie in Reinis‘ Erzählung (ich weiß das, weil ich auch in der Jury war). Auf diese Weise wird ein brillantes Falschnachrichtenmodell realisiert – gestützt auf glaubhafte Konstruktionen wird eine Nachricht mit Fantasieelementen aufgebaut. Wenn hingegen Andris Kaļiņins von seinen Erlebnissen im christlichen Camp Varavīksne erzählt, bei dem ich selbst nicht anwesend war, so kann ich diesem Bericht glauben, oder aber den jungen Bühnenbildner verdächtigen, nicht ganz die Wahrheit zu erzählen.

Was ist denn letzten Endes die Wahrheit? Haben wir denn nicht gesagt, dass wir die Fünf nur deshalb bekommen haben, weil die Lehrerin es auf uns abgesehen hatte? Nennen wir denn einen Personalabbau nicht Optimierung und einen Finanzierungsstopp Konsolidierung? Und Kritiker sind doch nur dann objektiv, wenn ihre Rezension eine Lobrede ist.

Die Spiele Intellektueller

Meines Erachtens hat Klāvs Mellis mit der Inszenierung von Himna und Mārtiņš Īdens ein konsequentes Interesse an heutigen jungen Intellektuellen, an den Eigenarten ihres Denkens und Ausdrucks, angemeldet. Mit den vier Protagonistinnen und Protagonisten der Ausstellung, die gleichzeitig sie selbst sind und irgendwie doch nicht ganz, erschafft der Regisseur noch ein Gesellschaftsmodell. Es sind zwei Jungen mit Brille und zwei Mädchen – ein Regisseur, eine Schauspielerin, eine Choreografin und ein Bühnenbildner. Diesen Selbstdarstellungen fehlt es nicht an Selbstironie, ganz besonders bei Arīna Bubovičas virtuosen Übergängen vom Lettischen zum Russischen und andersherum, mit denen die junge Choreografin in ihrer Gewandtheit die bilinguale Rede von Vjačeslavs Dombrovskis übertrifft, in der der Politiker auf dem letzten Parteikongress der Saskaņa auch seine Sätze in einer Sprache begann und in der anderen beendete. Ance Strazda erhält das schon gewohnte Image der energischen Pragmatikerin aufrecht, Reinis Boters vereint den lebhaften Rhythmus des Stücks mit einem leicht melancholischen Charakter und Andris Kaļiņins strahlt eine so übertriebene Ernsthaftigkeit aus, dass ein wenig Schauspielerei dabei offensichtlich ist. Inese Tone hat die Personen unbestreitbar stilvoll, aber gleichzeitig kitschig eingekleidet. Das zentrale Element des Bühnenbilds von Kārlis Tone ist ein mit Büchern und Zeitschriften voll bepackter Tisch. Auch dieses Symbol ist in gewissem Maße eine Falschnachricht, denn es sind natürlich nicht nur gedruckte Medien, die den Informationsraum des 21. Jahrhunderts bilden.

Die Genrebezeichnung der Aufführung ist „leichtes und unterhaltsames Stück“ – und das ist nun wirklich nicht gelogen. Zu beklagen, dass man nichts in dieser Welt glauben kann, wäre sinnlos, selbst wenn es wahr wäre. Es gibt keinen Kontrapunkt in der Aufführung, der eine dramatische oder nachdenkliche Note in die allgemein fröhliche Atmosphäre einbringen würde. Es entsteht das Gesamtbild eines ambitionierten, von Selbstdarstellung geprägten und in Irrtümern versinkenden Gesellschaftsmodells, einer Titanic, die lebhaft auf den Eisberg zusteuert, der nicht beim Namen genannt wird. Eine informative Überhitzung ist bereits Realität. Die Schöpfer der Aufführung halten diese im Bild eines lebensfrohen Unvermögens fest, irgendetwas zu beeinflussen. Aber es ist lustig.

 

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