Digitalisierung im Museum „Vollkommen neuartige digitale Erlebnisse“

Moderator Sebastian Blomberg
Moderator Sebastian Blomberg | Foto: Städel Museum

Mit seinem „Digitorial“ für die Ausstellung „Monet und die Geburt des Impressionismus“ gewann das Frankfurter Städel-Museum 2015 den Grimme-Online-Award. Chantal Eschenfelder, Leiterin des Bereichs Bildung und Vermittlung im Städel-Museum, spricht über Besucherrekorde, digitale Bildung und Kunstvermittlung im 21. Jahrhundert.

Frau Eschenfelder, das innovative Angebot zur Vorbereitung auf die Frankfurter Monet-Ausstellung lockte so viele Besucher ins Museum, wie zuvor keine andere Ausstellung. Ist dieser Besucherrekord ausschließlich auf die neue digitale Aufbereitung zurückzuführen?

Sicherlich nicht, das war auch nicht unser Ziel. Mit unseren digitalen Vermittlungsangeboten haben wir in Ergänzung zum analogen Museumsbetrieb einen ganz eigenständigen Bereich geschaffen. Das kostenfreie Digitorial hilft den Besuchern vielmehr, sich inhaltlich auf das jeweilige Ausstellungsthema vorzubereiten und damit das Museumserlebnis zu bereichern. Gerade bei stark frequentierten Ausstellungen lässt sich der Besuch besser planen, weil man beispielsweise schon im Vorfeld weiß, welche Werke man unbedingt anschauen möchte und nicht im Gedränge der vielen anderen Besucher die Wandtexte lesen muss.

Welches Zielpublikum spricht es an?

Bei der Monet-Ausstellung hatten rund 50 Prozent der 432.121 Besucher die Gelegenheit genutzt, sich vorab zu informieren. Das ist eine enorme Steigerung der Reichweite im Vergleich zu anderen Vermittlungsformen, wie dem Audioguide oder dem Begleitheft zur Ausstellung, die in der Regel nur von fünf bis zwanzig Prozent der Besucher genutzt werden. Statistisch verteilen sich die Seitenaufrufe mit je rund zwanzig Prozent relativ gleichmäßig auf alle Altersgruppen. Nur die jüngste Gruppe der 18- bis 24-jährigen ist etwas geringer vertreten. Und: Im Vergleich zum klassischen Ausstellungsbesuch nutzen etwas mehr Männer das Digitorial.

Daneben hat das Städel weitere innovative Angebote entwickelt, zum Beispiel „Kunstgeschichte Online. Der Städel Kurs zur Moderne“. Was beinhaltet dieses Programm und wie wird es angenommen?

Der Onlinekurs basiert auf 250 Werken aus unserer Sammlung und bietet ein kunsthistorisches Programm von fünf aufeinander aufbauenden Modulen. Diese folgen aber keiner historischen Chronologie sondern setzen inhaltliche Schwerpunkte: von der Bildanalyse über Entstehungskontexte, künstlerische Ordnungssysteme, bis hin zur Geschichte des Sammelns und Ausstellens. Auf interaktive und multimediale Weise erfährt der Nutzer mehr über die unterschiedlichen Entstehungsbedingungen eines Werkes, wie und warum sich Künstler und Künstlergruppen zusammengeschlossen haben – oder auch wie die Entstehung von Museen beispielsweise das Kunstschaffen beeinflusst hat. Der Kurs ist kostenfrei und wird sehr gut angenommen: In den sechs Wochen seit dem Launch am 16. März 2016 haben ihn bereits mehr als 9.000 Personen genutzt und 200 haben ihn absolviert.

Neben Filmen zu verschiedenen Themenschwerpunkten finden sich auch spielerische Lernformate, vertiefende Texte sowie ein interaktiver Zeitstrahl, der die historische Einordnung von Ereignissen, Künstlern, Kunstströmungen und Schlüsselwerken sichtbar macht.

Schauspieler Sebastian Blomberg führt durch den Kurs. Das Sound-Design ist vom Berliner Musiker Boys Noize. Gefördert vom Städelschen Museums-Verein e.V. und der Christa Verhein-Stiftung.

Die Möglichkeiten digitaler Kunstvermittlung voll ausgenutzt

Auf welche Art von Kunstvermittlung zielt der Online-Kurs ab?

Das neue digitale Angebot, das übrigens gemeinsam mit dem Institut für Philosophie und Kunstwissenschaft und dem Centre for Digital Cultures der Leuphana Universität Lüneburg entwickelt wurde, ist für diejenigen interessant, die sich auf abwechslungsreiche Weise kunsthistorisch und bildwissenschaftlich weiterbilden wollen. Dabei vermittelt der Kurs nicht nur historische Fakten, sondern gibt den Kursteilnehmern auch die Gelegenheit, sich selbst einen eigenständigen und kritischen Umgang mit Werken der modernen Kunst zu erwerben. Unser Ziel war es, zeitgemäße Lernformate zu entwickeln, die sowohl der zunehmenden Fragmentierung von Wissen als auch dem Informationsbedürfnis und Lernverhalten der Nutzer entsprechen: Im eigenen Tempo, multimedial und auch mit spielerischen Aufgabenelementen – kurz, ein Weiterbildungsangebot, das die Möglichkeiten digitaler Kunstvermittlung voll und ganz ausnutzt.

Welches Gesamtkonzept und welche Strategie verfolgt das Städel mit seiner Digitaloffensive im 21. Jahrhundert?

Nach der baulichen Erweiterung unseres Hauses mit den Gartenhallen für Gegenwartskunst 2012 erschien uns eine digitale Ausdehnung als der nächste logische Schritt, um unsere Inhalte auch jenseits der physischen Grenzen unseres Museums zu vermitteln. Das Digitorial und der Onlinekurs sind Teil einer Gesamtstrategie, die auch ein Computerspiel für Kinder, die Städel-App, die Digitale Sammlung, ein Filmprogramm und viele andere Maßnahmen umfasst.

Da immer mehr Menschen ihre Informationen ausschließlich aus dem Internet beziehen, ist es wichtig, auch mit kulturellen Inhalten im digitalen Raum präsent zu sein. Wir wollen die neuen technologischen Möglichkeiten für die Kernaufgaben des Museums nutzbar machen. Auch im digitalen Raum muss die Kunstvermittlung auf die individuellen Bedürfnisse der Nutzer zugeschnitten sein. Auf diese Weise entstehen vollkommen neuartige digitale Erlebnisse, personalisiert, multimedial und interaktiv.

Neuartige digitale Erlebnisse

Verändert das Publikum durch die Digitalisierung seine Sehgewohnheiten – geht die Entwicklung hin zu einer Highlight-Show?

Ganz im Gegenteil! Bei unserer Digitalen Sammlung beispielsweise kommen auch Werke in den Blick, die sich nicht allein über den berühmten Künstlernamen erschließen, sondern weil sie motivisch und ästhetisch ansprechend sind oder interessante Hintergrundinformationen bieten. Aber das hängt konkret von der Qualität der Vermittlungsangebote ab. Deshalb möchten wir als Kulturinstitution den Markt der digitalen Bildung auch nicht allein kommerziellen Anbietern überlassen, sondern den Bildungsauftrag ernst nehmen und so unseren Beitrag zum Bewahren unseres kulturellen Erbes leisten.