Bauliches Erbe Vogelsang Von der „Ordensburg“ zum Lernort Geschichte

Luftbild der ehemaligen
Luftbild der ehemaligen "Ordensburg" Vogelsang, Eifel | Foto: Roman Hövel

Golfklub, Kartbahn, Ökohof – bis hin zum „kontrollierten Verfall“ reichten die Vorschläge für eine zivile Nutzung der ehemaligen Ordensburg Vogelsang der Nationalsozialisten. Schließlich setzte sich die naheliegende Idee von einem „Lernort Geschichte“ durch.

Ausstellung im IP Vogelsang Ausstellung im IP Vogelsang | Foto: Roman Hövel Im September 2016 konnte das neue Besucherzentrum nebst Ausstellungsräumen endlich eröffnet werden. Nun berichtet die hier eingerichtete Dauer-Ausstellung Bestimmung: Herrenmensch – NS-Ordensburgen zwischen Faszination und Verbrechen darüber, welch unheilvolle Bedeutung diesem Ort mitten in der Eifel in den 1930er-Jahren zuteil wurde. Damals ließ Reichsorganisationleiter Robert Ley, auf einem Hochplateau nahe der belgischen Grenze, eine Schulungsstätte errichten, die den Führungsnachwuchs der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) ausbilden sollte.

Nationalsozialistische Gigantomanie

Mit Clemens Klotz wurde ein Kölner Architekt verpflichtet, der auch für das „Bad der Zwanzigtausend“ in Prora auf der Insel Rügen verantwortlich war. Nach seinem Entwurf entstanden in der Eifel von 1934 bis 1937 das Gemeinschaftshaus mit „Adlerhof“, Turm, Ost- und Westflügel und „Ehrenhalle“. Außerdem eine Burgschänke, zehn „Kameradschaftshäuser“ für die Unterkunft von je 50 jungen Männern, vier „Hundertschaftshäuser“, eine Freiluftbühne, ein Haus für weibliche Angestellte, eine Schwimmhalle sowie weitere Sportstätten. Bis zu 1.500 Arbeiter aus der Region schufteten für den rasanten Ausbau des 100 Hektar großen Terrains. Zusätzlich war ein etwa 100 mal 300 Meter großes „Haus des Wissens“ geplant, ebenso wie ein „Kraft durch Freude“-Hotel mit 2.000 Betten. Und schließlich sollten hier die größten Sportstätten Europas entstehen. Mit Kriegsbeginn 1939 wurden die bereits begonnenen Bauarbeiten eingestellt.

IP Vogelsang IP Vogelsang | Foto: Roman Hövel Der Begriff „Ordensburg“ ist angelehnt an die Tradition des deutschen Ritterordens im Mittelalter. Neben Vogelsang gab es zwei weitere NS-Ordensburgen: Krössinsee (Pommern) und Sonthofen (Allgäu). Nach nationalsozialistischer Vorstellung hatten die Lehrgangsteilnehmer während ihrer vierjährigen Ausbildung in „Geopolitik“, „Rassenkunde“ und Sport alle drei „Ordensburgen“ sowie eine nur geplante vierte in Ostpreußen zu durchlaufen. Der Kriegsbeginn jedoch erforderte die sofortige Einberufung der jungen Männer an die Front. Keiner der 500 sogenannten „Ordensjunker“ hatte bis dahin einen Lehrgang komplett absolviert. Sie traten zunächst ihren Dienst bei der Wehrmacht an; später gingen mehrere Hundert von ihnen in die Besatzungsverwaltung der annektierten Gebiete Polens und der Sowjetunion und wurden so zu Akteuren oder zumindest Mitläufern deutscher Ausbeutungs- und Vernichtungspolitik.  

Camp Vogelsang wird Nationalpark Eifel

Nach dem Krieg übernahm das britische Militär das Gelände. 1950 ging der Stab an die Belgier über, die – wie zuvor die Briten – „Camp Vogelsang“ zum Truppenübungsplatz und Sperrgebiet erklärten. Anfang 2000 beschloss der belgische Staat, den Standort wieder in deutsche Hand zu geben.

Ausstellung im IP Vogelsang Ausstellung im IP Vogelsang | Foto: Roman Hövel Ausstellung im IP Vogelsang Ausstellung im IP Vogelsang | Foto: Roman Hövel Am 1. Januar 2004 wurden auf Betreiben des damaligen Umweltministeriums von Nordrhein-Westfalen 11.000 Hektar Eifellandschaft – darunter das Gelände des vormaligen Truppenübungsplatzes – zum Nationalpark ernannt, dem ersten in Westdeutschland. Für Vogelsang ein weiterer Schritt in Richtung ziviler Nutzung. Es folgten eine Machbarkeitsstudie, ein Architekturwettbewerb, den das Berliner Büro Mola + Winkelmüller gewann, und schließlich der Umbau ab 2012. „Nur an wenigen Stellen der denkmalgeschützten Anlage, wie zum Beispiel dem Besucherzentrum auf dem historischen Adlerhof, einigen Fensterdurchbrüchen sowie einem Tagungsneubau, sind funktional notwendige Bauteile ergänzt worden“, erklärt der Geschäftsführer der heutigen Vogelsang IP gemeinnützigen Gmbh, Albert Moritz. Die eigentliche Neugestaltung habe sich dabei im Innern vollzogen, um den Ausstellungsanforderungen der NS-Dokumentation Bestimmung: Herrenmensch ­– NS-Ordensburgen zwischen Faszination und Verbrechen gerecht zu werden.

Mit Pluralität Demokratie fördern

Heute will Vogelsang „Internationaler Platz“ (daher die offizielle Bezeichnung „Vogelsang IP“) sein, eine Begegnungsstätte, unter deren Dach seit 2008 die verschiedensten Bildungsaktivitäten für Gäste aus aller Welt gebündelt sind. In der Auseinandersetzung mit der Geschichte sollen „vielfältige Impulse zur Werteorientierung und Demokratieförderung“ gegeben werden, wie das Leitbild der Einrichtung verheißt. Auch Albert Moritz betont den Aufklärungscharakter: „Wir wollen Veranstaltungsformen finden, die an aktuelle Diskurse anknüpfen und versuchen, am historischen Ort über Pluralität in der Gesellschaft, Interkulturalität und Ähnliches zu reden.“ Mit den neuen Ausstellungen – eine Zweite mit dem Titel Wildnis(t)räume behandelt die Biodiversität des Nationalparks – und der parallel dazu entstandenen Panoramagastronomie erhofft sich Moritz 300.000 Besucher im nächsten Jahr. Die Prognose könnte stimmen, denn allen Unkenrufen zum Trotz: Man lernt dazu und der Ausblick ist phänomenal!