Graphic Novels aus Deutschland
Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens – also lies!

Titelbild der Frankfurter Buchmesse Kollektion
Titelbild der Frankfurter Buchmesse Kollektion | © Frankfurter Buchmesse, Design textgrafik.com

Seit einiger Zeit blüht die deutschsprachige Comic-Szene, besonders dank des recht neuen Genres der Graphic Novel. Die anspruchsvollen Bildromane finden auch jenseits von Comic Conventions ihre Leserinnen und Leser. Doch das war nicht immer so. Andreas Platthaus, stellvertretender Feuilletonleiter der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Kurator der Graphic Novel Kollektion 2014 der Frankfurter Buchmesse, wirft ein Licht auf die Entwicklungen einer lange unterschätzen Kunst im deutschsprachigen Raum.

Deutschland ist eine verspätete Comicnation. Es dauerte bis in die Siebzigerjahre, ehe eine quantitativ und qualitativ nennenswerte Eigenproduktion deutschsprachiger Comics in Gang kam. Natürlich hatte es auch zuvor schon welche gegeben: Fix und Foxi von Rolf Kauka zum Beispiel, doch deren Gestaltung orientierte sich noch sklavisch am Rezept der Disney-Figuren. Erst die gesellschaftliche Aufbruchstimmung in den späten Sechzigerjahren begünstigte ein breiteres Spektrum. Aus Amerika kamen die ersten Undergroundcomics nach Europa, die auch junge deutschsprachige Zeichner durch die Freiheit ihrer Darstellungsweisen begeisterten, und aus Frankreich übernahm man Asterix, den bis heute größten Comicerfolg in Deutschland, der ein breites Publikum davon überzeugte, dass dieses bislang verpönte Medium nicht nur unterhaltsame, sondern auch anspruchsvolle Lektüre bieten konnte.

Beide Phänomene begünstigten das Engagement deutscher Verlage und Zeichner. Plötzlich gab es neben Micky Maus und Fix und Foxi diverse Heftserien mit Genrethemen wie Western oder Horror. Superhelden fanden nun doch noch ihr Publikum, und jüngere Künstler übernahmen die Prinzipien der selbst verlegten Undergroundcomics, um Geschichten mit ganz neuen Themen zu erzählen (zwei Vertreter dieser Generation, Gerhard Seyfried und Volker Reiche, zählen heute zu den Veteranen der deutschen Comicszene und sind immer noch aktiv). Seit 1972 gab es mit dem Zack-Magazin sogar ein nach frankobelgischem Vorbild gestaltetes Periodikum, das in jeder Ausgabe mehrere Geschichten mit unterschiedlichsten Themen und Stilen bot, wodurch man im deutschen Sprachraum erstmals die Gelegenheit hatte, eine Vorstellung von jenen Möglichkeiten des Comics zu bekommen, die woanders längst realisiert waren.

Die Wiedervereinigung gab den nötigen Kreativitätsschub

Ausschnitt aus „Die Spaziergängerin“ von Anke Feuchtenberger
Ausschnitt aus „Die Spaziergängerin“ von Anke Feuchtenberger | © Reprodukt
Doch damit wir für die Gegenwart von einer Blüte des deutschsprachigen Comics sprechen dürfen, fehlten immer noch zwei Faktoren: die deutsche Wiedervereinigung im Jahr 1990 und der internationale Siegeszug jener erzählerisch anspruchsvollen Comics, die man Graphic Novels nennt. In der DDR waren zu Zeiten der deutschen Teilung viel mehr künstlerische Traditionen bewahrt worden als in der Bundesrepublik; zugleich war in Ostdeutschland der Großteil der westlichen Comicproduktion unbekannt. Nach 1990 traten deshalb vermehrt Künstler als Comiczeichner in Erscheinung, die einen eigenen Stil entwickelt hatten, der im Vergleich mit dem internationalen Mainstream als ungewöhnlich gelten durfte: Zeichner wie Anke Feuchtenberger, ATAK oder Henning Wagenbreth (die auch heute noch zu den prägenden Comicgrößen in Deutschland gehören) zeigten Formen, die ganz neuartig wirkten, gerade weil sie sich dem verweigerten, was sonst als modern galt. Die möglichst genaue Nachahmung ausländischer Erfolgsrezepte war nicht mehr länger gefragt; plötzlich gab es einen spezifisch deutschen Comicstil, der sein hervorstechendes Merkmal im ganz persönlichen Blick auf die Welt hatte. Diese Comics waren radikal subjektiv – nicht nur thematisch, sondern vor allem ästhetisch.

Neben Anleihen bei als typisch deutsch angesehenen Kunststilen wie zum Beispiel dem expressionistischen Holzschnitt (man sehe sich dazu etwa die Arbeiten von Ulf K., Hendrik Dorgathen, Max Baitinger oder Jens Harder an) herrscht vor allem eine Technik vor, die man als Comic brut bezeichnen könnte: raue, auf den ersten Blick leicht dilettantisch wirkende Figuren. Paula Bulling, Aisha Franz, Birgit Weyhe, Andreas Eikenroth und Ulli Lust sind aktuelle Exponenten dieser Darstellungsform. Doch gleichzeitig hat eine Professionalisierung des Comicgeschäfts im deutschen Sprachraum eingesetzt, die auch bei den Zeichnungen an das anknüpft, was international ästhetischer Standard ist. Reinhard Kleist und Isabel Kreitz feiern mit ihren Alben große Erfolge jenseits der deutschen Grenzen, Flix oder Ralf König passen sich mit ihren humoristischen Geschichten nahtlos in die Phalanx ihrer ausländischen Kollegen ein, und mit Sachcomics wie denen von Vincent Burmeister und David Schraven, Daniel Daemgen und Robert Krieg, Kitty Kahane oder Moritz Stetter ist ein gleichfalls international aufblühendes Genre stark vertreten.

Das für deutsche Zeichner prägende Thema der Verantwortung

Besonders interessant aber ist der deutschsprachige Comic durch die Ernsthaftigkeit seiner Themenwahl. Das schließt burleske Komik nicht aus, wie sie neben Flix und König etwa auch Walter Moers oder Stephan Katz und Max Goldt bieten. Doch auffällig ist die Suche nach anspruchsvollen Stoffen, sei es die in jüngster Zeit geradezu explodierende Zahl an Comicadaptionen von Romanen (und dabei bevorzugt der großen Klassiker wie Musil, Schnitzler, Kleist, Kästner) oder auch die besondere Stellung von Geschichtscomics. Dabei ist selbstverständlich die jüngere deutsche Geschichte (Nationalsozialismus, Besatzungszeit, DDR, Wiedervereinigung) ein zentrales Thema, aber es gibt auch Beispiele für Historiencomics, die den Blick auf die Welt richten wie etwa „Packeis“ von Simon Schwartz.

Wenn man einen einzigen Begriff für das sucht, was die deutschsprachigen Comiczeichner und -autoren an Stoffen reizt, so könnte man den der „Verantwortung“ wählen. Verantwortung im historischen Sinne als Aufarbeitung der unseligen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, aber auch Verantwortung im Sinne von Zivilcourage, wie es die Comics von Paula Bulling und Olivia Vieweg vorführen, und mehr noch die Verantwortung für seine eigenen Handlungen, die sich unerwartet später doch einmal rächen. Solche Geschichten erzählen Matthias Schultheiss, Gerald Hartwig, Lukas Jüliger oder Birgit Weyhe.

Die Popularität der Graphic Novels erleichtert es den Autoren und Zeichnern, sich das individuell passende Format oder den nötigen Umfang für ein Thema auszusuchen, ohne dass sie, wie früher üblich, Rücksicht auf die Vorgaben eines klar definierten Verlagsprogramms machen müssten. Es ist ja das Prinzip der Graphic Novel, analog zum klassischen Roman, so viele Seiten lang zu erzählen, wie es für die jeweilige Geschichte eben nötig ist, und auch das Format nicht vorab festzulegen, wie es früher üblich war, als man nur die Wahl zwischen den normierten Alben, Heften oder Taschenbüchern hatte. Diese größere Freiheit macht die Comics für die Leser unberechenbarer, und etwas Besseres kann man gar nicht wünschen.

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