Piotr de Bończa Bukowski empfiehlt
Hölderlin übersetzen

Hölderlin übersetzen von Luigi Reitani © Folio Verlag, Wien, 2020 Der italienische Germanist und Übersetzer Luigi Reitani ist unter den Erforschern des Werks von Friedrich Hölderlin eine bekannte und geachtete Persönlichkeit. Er hat sich als einfallsreicher Interpret des schwäbischen Genies einen Namen gemacht und ist ein ausgezeichneter Übersetzer seiner Werke, besonders der Lyrik. Anzumerken ist, dass Reitani in hervorragender Weise an die Traditionen der großen Philologen des 19. Jahrhunderts anknüpft, für die Übersetzung ein Werkzeug der Analyse und Interpretation eines fremden Werks ist.

Sein Opus magnum ist die zweisprachige Herausgabe aller Werke Hölderlins auf der Grundlage einer gewissenhaften philologischen Kritik und einer neuartigen Konzeption des Bandes. Das Verständnis des Originals und die Sicht des Ganzen sind im Kontext der Präsentation des Oeuvres des Dichters von fundamentaler Bedeutung. Welche Versionen der Dichtungen sind den Leser*innen zu präsentieren? In welcher Reihenfolge und in welchen Gruppen sind die Gedichte vorzustellen, die Hölderlin selbst nie geordnet hat? Auf diese und andere Fragen gibt es keine zweifelsfreie Antwort.

Die zweite Angelegenheit hat Reitani aber auf überaus interessante Weise gelöst: Er entschied sich zu einer Komposition, die einerseits die Orte der Erstveröffentlichung der Gedichte berücksichtigt und andererseits den Ort, den sie in den Manuskripten des Dichters einnehmen. Davon, wie wichtig dem italienischen Gelehrten der Raum ist, in dem sich Hölderlins Poesie entfaltet, zeugen die Skizzen in der von ihm unlängst herausgegebenen Sammlung Hölderlin übersetzen. Gedanken über einen Dichter auf der Flucht.

Neben einem schönen Essay über Hölderlins „poetische Topografie“, in der die Kraft zur Interiorisierung der Außenwelt steckt, finden wir hier Bemerkungen über das Italienbild des deutschen Poeten und eine hervorragende Skizze, die zeigt, wie die deutschsprachigen Dichter der Nachkriegszeit zu Hölderlin und seinen Orten zurückkehren – all dies im zweiten Teil des Bandes, der sich vom Umfang her bescheiden ausnimmt, aber von einer ungeheuren Gedankenfülle ist. Der erste Teil dagegen enthält Essays über die Kunst der Übersetzung von Hölderlins Dichtungen, in denen Reitani sich als scharfsinniger Entdecker versteckter Sinnzusammenhänge, kaum hörbarer Konsonanzen und unaugenscheinlicher Assoziationen erweist. Darin zeigt er, dass die Übersetzung einen faszinierenden Weg zum Erschließen eines Textes eröffnet.

Eine großartige Lektüre zum 250. Geburtstag dieses ebenso berühmten wie noch immer geheimnisvollen Künstlers!

Folio Verlag

Luigi Reitani
Hölderlin übersetzen. Gedanken über einen Dichter auf der Flucht
Folio Verlag, Wien, 2020
ISBN 9783852568133
80 Seiten

Rezensionen in den deutschen Medien:
Perlentaucher
Süddeutsche Zeitung
Tagesspiegel

Top