Krautrock Die Rehabilitierung eines Genres

Damo Suzuki von Can in den Kindertagen des Krautrocks.
Damo Suzuki von Can in den Kindertagen des Krautrocks. | Foto (Ausschnitt): www.spoonrecords.com

Der Krautrock, lange nur im Ausland geschätzt, wird nun endlich auch in seiner deutschen Heimat als bahnbrechendes Kapitel der Popmusikgeschichte gewürdigt.

Es war einmal ein Schimpfwort. Krautrock. Ende der Sechzigerjahre, als das Genre entstand, das unter diesem Namen in die Popgeschichte eingehen sollte, wollte keiner der betroffenen Musiker ein Krautrocker sein. „Krauts“, so wurden die Deutschen von den Briten genannt und das war nicht nett gemeint. Stattdessen schwang immer mit: Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg, Bomben auf England.

Can im Look der Achtzigerjahre. Can im Look der Achtzigerjahre. | Foto: www.spoonrecords.com Nahezu ein halbes Jahrhundert später sieht das ganz anders aus. Krautrock wird seit Jahrzehnten vor allem im Ausland als erster originärer deutscher Beitrag zur internationalen Popkultur geschätzt und seine prägenden Figuren als große Musiker gewürdigt. In Deutschland dagegen hat man sich erst in den vergangenen Jahren wirklich mit der Musik anfreunden können, die Amon Düül, Can, Faust, Cluster oder Neu! in den 1960er-Jahren spielten. Die alten Platten werden neu aufgelegt und junge Bands bekennen sich offen zum Krautrock als Einfluss.

Problematisches Verhältnis zum Krautrock

Dass das deutsche Verhältnis zum Krautrock lange ein problematisches war, ist in der Geschichte begründet. Geprägt wurde der Begriff von der britischen Musikpresse, die unter ihm so ziemlich jede Rock- und Popmusik subsummierte, die von Ende der Sechzigerjahre bis in die späten Siebzigerjahre, als der Punkrock alles veränderte, aus Westdeutschland kam. Dabei war den Popkritikern egal, ob Kraftwerk oder Tangerine Dream elektronische Musik für die Discotheken produzierten, Can sich an den neuesten Erkenntnissen der kompositorischen Avantgarde orientierten, Kraan Jazz-Rock mit endlosen Soli spielten, Agitation Free den Psychedelic Rock der amerikanischen Westküste adaptierten oder Birth Control einfach möglichst hart rocken wollten: Wenn es aus Deutschland kam, dann konnte es nur Krautrock sein.

Doch nicht nur, weil es den Protagonisten wenig behagte, mit Bands in einen Topf geworfen zu werden, mit denen sie keinerlei musikalische Gemeinsamkeiten sahen, wurde der Begriff Krautrock in Deutschland als abwertend empfunden. In ihm drückte sich auch die anglo-amerikanische Missachtung gegenüber dem popmusikalischen Entwicklungsland Deutschland aus. Da die meisten dieser Bands – in Abgrenzung zur von der Vergangenheit belasteten deutschen Schlagertradition und dem Mainstream der britischen und amerikanischen Rockmusik – ganz bewusst eigene Ideen und Klangvorstellungen mit hohem Spielstandard entwickelten, waren sie von dieser Geringschätzung besonders getroffen und fühlten sich in ihrem Minderwertigkeitskomplex bestätigt. Die Hamburger Band Faust reagierte darauf mit Ironie und nahm den zwölf Minuten dauernden Track Krautrock auf.

Tangerine Dream (Foto 1974) waren international eine der erfolgreichsten Bands aus dem Umfeld des Krautrocks. Tangerine Dream (Foto 1974) waren international eine der erfolgreichsten Bands aus dem Umfeld des Krautrocks. | Foto: Eastgate Records Das deutsche Publikum war zwiegespalten. Eine Band wie Tangerine Dream feierte große Erfolge und komponierte Soundtracks zu drei „Tatort“-Folgen. Auch Kraftwerk hatten mit Autobahn oder Das Model sowohl in Deutschland, als auch weltweit Hits. Aber der Einfluss der Düsseldorfer Elektronik-Pioniere war ungleich größer in den USA, wo sie entscheidende Beiträge zur Entstehung von Hip-Hop und Techno lieferten. Andere Formationen jedoch, wie die Münchner Amon Düül, wurden als Spinner abgetan oder waren wie Eloy aus Hannover als epigonal verrufen. Wenn möglich hielten sich die Deutschen lieber an die Originale – oder sie ignorierten Bands wie Neu! aus Düsseldorf, die heute als bahnbrechend gelten.

Umdenken zuerst in Großbritannien

Das änderte sich erst grundlegend, als 1996 Krautrocksampler erschien. Das Buch von Julian Cope, selbst erfolgreich als Musiker, trug den Untertitel „One Head's Guide to the Great Kosmische Musik“ und veränderte – trotz vieler fachlicher Fehler, aufgrund derer der Autor selbst eine Neuauflage ablehnt – die Wahrnehmung des Phänomens grundlegend. Seitdem Copes so subjektive wie mitreißende Geschichtsstunde erschienen ist, gelten die Krautrocker nicht mehr als Nachahmer, sondern als Musiker, die in ihrem Versuch, anglo-amerikanischen Standards zu genügen, Neues erschaffen hatten, nämlich „Kosmische Musik“.

Cope hatte eine Qualität erkannt, die zumindest retrospektiv betrachtet vielen der musikalisch sonst so unterschiedlichen Krautrock-Bands gemeinsam war. Egal, ob sie entrückte elektronische Welten entwarfen wie Kraftwerk, sich in endlosen Improvisationen verloren wie Amon Düül oder mit Trance-artigen Rhythmen die Faszination der Monotonie erforschten wie Can: Viele Krautrock-Bands schufen experimentelle, damals unerhörte Klänge mit einer spirituellen Kraft, die oft unwirklich und traumhaft schienen, wirkten wie nicht von dieser Welt, eben wie aus dem Kosmos stammend.
Klare Wurzeln im Krautrock: Stabil Elite, Quelle: Italicrecordings / Youtube

Vom Schimpfwort zum Qualitätssiegel

Diese Qualität vor allem ist es, die dafür sorgt, dass Radiohead Stücke von Can und Neu! covern, britische Nachwuchsbands wie The Horrors oder Kasabian sich als Krautrock-Fans offenbaren und die englische Tageszeitung Guardian den Krautrock 2010 als „pop influence du jour“ einschätzte. Die Helden von damals, unter anderem Eloy, gehen wieder auf Tour und junge deutsche Bands wie Von Spar, Stabil Elite oder Space Debris wähnen sich von den alten Aufnahmen entscheidend beeinflusst. Dass immer mehr von den damals oft untergegangenen Platten wiederveröffentlicht werden und nun neu entdeckt werden können, ist kleinen, engagierten Plattenfirmen wie Bureau B oder Grönland zu verdanken. Aber auch ein Major-Label wie Universal bringt die Alben von Embryo, Harmonia oder Jane, die in den Siebzigerjahren beim legendären Label Brain erschienen waren, neu heraus.

Camera, frisch in der Szene und aus Berlin. Camera, frisch in der Szene und aus Berlin. | Foto: Alisa Resnik Camera, frisch in der Szene und aus Berlin, Foto: Alisa Resnik Mitunter gelingt sogar der direkte Schulterschluss zwischen damals und heute: Camera, die in Berlin berühmt geworden sind, weil sie so lange in nächtlichen U-Bahnhöfen improvisierten, bis sie von der Polizei vertrieben wurden, treten immer wieder mit Michael Rother (Neu!, Harmonia) und Dieter Moebius (Cluster, Harmonia) auf. Das einstige Schimpfwort Krautrock ist endgültig zur Marke, zum Qualitätssiegel geworden. Wenn es dessen noch eines Beweises bedurft hätte, dann wurde er im April 2012 erbracht: Im New Yorker Museum of Modern Art führten Kraftwerk an acht aufeinander folgenden Tagen ihr gesamtes Werk auf – und der Krautrock erfuhr damit die allerhöchsten kunsthistorischen Weihen.