Schreibschrift Das Verschwinden einer Kulturtechnik

Deutschland diskutiert: Müssen Schüler noch Schreibschrift lernen?
Deutschland diskutiert: Müssen Schüler noch Schreibschrift lernen? | Foto (Ausschnitt): © Dieter Schütz / pixelio.de

In Finnland soll ab 2016 keine verbundene Schreibschrift mehr an Grundschulen unterrichtet werden, in der Schweiz lernen Kinder nur noch eine Basisschrift. Auch in Deutschland wird die Abschaffung der Schreibschrift diskutiert.

Anfang 2015 sorgte eine Meldung aus Finnland in den deutschen Medien für Aufregung. „Finnland schafft die Handschrift an Schulen ab“, erregte sich die Osnabrücker Zeitung. Der Tagesspiegel aus Berlin berichtete, dass die Kinder dort „künftig nur noch tippen lernen, statt mit der Hand zu schreiben“. Plötzlich wurde bundesweit debattiert: Wollen wir wirklich, dass unsere Kinder in Zukunft gar nicht mehr lernen, Worte und Sätze mit Stift auf Papier zu bringen? Ist es nicht im Gegenteil unsere Pflicht, die Handschrift zu schützen?

Interessanterweise stand die Abschaffung der Handschrift aber gar nicht zur Debatte. Beschlossen hatten die Finnen lediglich, ab Sommer 2016 auf eine zweite Schrift, die verbundene Schreibschrift, zu verzichten. Wie in Deutschland lernen die Kinder dort bisher zwei Schriften: zuerst eine Druckschrift und in der zweiten Klasse noch eine Schreibschrift. Dabei werden die Worte durchgängig geschrieben, ohne den Stift abzusetzen.

Diese Umstellung kostet Kinder in der Regel Zeit und Mühe. Die Feinmotorik muss an den Schreibfluss angepasst werden. Zudem müssen einige Buchstaben regelrecht neu gelernt werden, da sie sich von der bereits verinnerlichten Druckschrift unterscheiden. Der finnische Ansatz ist es nun, auf die Schreibschrift zu verzichten und stattdessen den Umgang mit Tastaturen einzuüben – als Ergänzung und nicht als Ersatz zur nach wie vor erlernten Handschrift.

Nicht mehr Teil des Lehrplans

So betrachtet, vollziehen die Finnen einen Schritt, der in Deutschland schon seit Jahren diskutiert wird, und sogar an einigen Schulen in Hamburg oder Nordrhein-Westfalen längst Alltag ist: Zwar lernen die Kinder hier kein Tastaturschreiben, die Schreibschrift ist aber auch nicht mehr Teil des Lehrplans. Stattdessen wird die sogenannte Grundschrift gelehrt, eine an der Druckschrift angelehnte Schreibtechnik. Hierbei werden viele Buchstaben mit Häkchen versehen, sodass die Kinder sie mit anderen Buchstaben verbinden können – es aber nicht müssen. Entwickelt wurde die Grundschrift von Mitgliedern des Grundschulverbandes, einer Interessenvertretung von Lehrern, Wissenschaftlern und Pädagogen.

Die Regenbogenschule in Moers in Nordrhein-Westfahlen unterrichtet die Grundschrift. Schulleiter Ulrich Hecker fand es schon immer abwegig, den Kindern ein Jahr lang Druckschrift beizubringen und dann auf eine normierte Schreibschrift umzusteigen. „Das führte bei vielen Kindern zu Verwirrung und einem schlechten Schriftbild“, sagt Hecker, der auch stellvertretender Vorsitzender des Grundschulverbandes ist. Er verwende die Unterrichtszeit lieber für andere Lerneinheiten, zum Beispiel für Leseförderung oder eben den Umgang mit der Tastatur, wie es in Finnland der Fall ist. „Ich finde es wichtig, dass Kinder in der Lage sind, einen Text zu tippen, zu speichern und zu korrigieren“, sagt er und betont, dass sie nicht das Zehn-Finger-Tippen lernen sollen, sondern lediglich den Umgang mit einer Tastatur. Dass das in Finnland bald zum Lehrplan gehört, findet er gut. „Und ich weiß aus Finnland, dass die Handschrift dort immer noch wichtig ist“, sagt er. Wie auch an seiner Schule.

Schweizer Basisschrift

Wie in Finnland haben auch die Bildungspolitiker der Schweiz den großen Schritt gewagt: Die Erziehungsdirektorenkonferenz, die der deutschen Kultusministerkonferenz entspricht, hat Ende 2014 empfohlen, von der verbundenen Schnürlischrift (Anm. d. Red.: Schweizerdeutsch für Schreibschrift) zur kaum verbundenen Basisschrift zu wechseln. Zwar entscheiden die einzelnen Kantone, wann genau sie das tun. Jürg Brühlmann vom Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz rechnet aber mit einem baldigen Wechsel in den meisten Kantonen. „Sehr viele Lehrpersonen haben bereits von sich aus umgestellt oder werden es demnächst tun“, sagt er.

Vorreiter der Entwicklung ist der Kanton Luzern. Dort wurde die Basisschrift schon 2010 in den Schulen eingeführt. Die Kinder sollen so besser eine persönliche und gut lesbare Handschrift entwickeln. „Gerade weil so viel getippt wird, hat das eine besondere Bedeutung“, sagt Jürg Brühlmann. „Der Umweg über die verbundene Schnürlischrift ist zu weit.“ Im Gegensatz zu Finnland rückt aber in der Schweiz kein Tastaturschreiben an deren Stelle. Schließlich sei unklar, inwieweit Tastaturen in zehn Jahren überhaupt noch gebraucht werden, so Brühlmann. „Vieles wird schon heute an Schulen nur mit Daumen auf Tablets und Handys geschrieben.“

Flüssig schreiben, flüssig denken

In Deutschland spricht sich die Kultusministerkonferenz bislang ausdrücklich für den Erhalt der Schreibschrift aus. Sie sei essenziell für eine optimale kognitive Entwicklung der Kinder. Nur durch die spezifische Motorik eines flüssigen, ununterbrochenen Schreibens, so das Argument, kämen bestimmte geistige Fähigkeiten richtig zur Entfaltung. Darüber hinaus könne sich eine gute Handschrift nur durch die verbundene Schreibschrift entwickeln.

Für Kritiker stört das umständliche Erlernen der Schreibschrift dagegen eher die Schriftentwicklung. Als Beleg führen sie das generell schlechte Schriftbild deutscher Schüler an. Die Befürworter halten dagegen: Schuld sei nicht die Schreibschrift, sondern die Digitalisierung und die schlechte Feinmotorik der Heranwachsenden.

Trotz der etwas verworrenen Diskussion gehen die Bundesländer darunter Bremen, Hamburg und Hessen das Thema mittlerweile ganz pragmatisch an: Man lässt den Schulen die Wahl, welche Schrift sie unterrichten.