Musikfestivals in Deutschland Livemusik und Lifestyle

Heavy-Metal-Fans auf dem Wacken Open Air Festival 2015
Foto (Ausschnitt): © ICS Festival Service

Musikfestivals haben eine lange Tradition in Deutschland. Quer durch die Bundesrepublik finden mittlerweile jedes Jahr über 500 Festivals statt. Die große Szenevielfalt begeistert Fans aus aller Welt. 

Wacken – der Name eines kleinen norddeutschen Dorfes steht weltweit für ein überraschendes Stück Deutschland. Dort findet seit 1990 jedes Jahr im August ein dreitägiges Heavy-Metal-Festival statt. Wacken Open Air hat die deutsch-koreanische Regisseurin Cho Sung-hyung so beeindruckt, dass sie 2006 den preisgekrönten Dokumentarfilm Full Metal Village drehte. Wie ist es möglich, so die Leitfrage des Films, dass ausgerechnet die vermeintlich so zurückhaltenden Deutschen ein Heavy-Metal-Festival veranstalten, das mit 75.000 Besuchern inzwischen weltweit zu den größten und berühmtesten zählt. 


Typisch deutsch an Wacken Open Air ist vielleicht die perfekte Organisation und die Geschäftstüchtigkeit der Gründer. Inzwischen werden unter der Marke „Wacken“ Metal-Festivals auf Kreuzfahrtschiffen (Full Metal Cruise) und in den Bergen (Full Metal Mountain) angeboten. Und typisch deutsch ist auch die generelle Beliebtheit von Musikfestivals: Fast nirgendwo sonst auf der Welt ist die Dichte und Vielfalt so hoch wie in Deutschland. Über 500 Musikfestivals jährlich gibt es aktuell, die meisten davon im Rock- und Popbereich.

Mainstream-Rock und Camping-Lifestyle

Bereits in den frühen 1980er-Jahren entstanden musikalische Großveranstaltungen wie Rock am Ring und Rock im Park (rund 90.000 Besucher), die inzwischen traditionell zu Pfingsten die Festivalsaison einläuten und weltberühmt sind. Sie wollen Klasse und Masse vereinen, also mit Top-Headlinern aus der internationalen Rockszene ein möglichst breites Publikum erreichen. Diesem Konzept folgen seit 1997 auch die Schwester-Festivals Hurricane und Southside in Nord- und Süddeutschland, die mit bis zu 80.000 Zuschauern ebenfalls zu den größten Publikumsmagneten gehören. Solche mehrtägigen Mainstreamrock-Festivals bringen jüngere und ältere Rockfans zusammen. Fest etabliert ist das gemeinsame Campen in der Nähe des Festivalgeländes. Livemusik und Camping-Lifestyle verbinden sich, das Zelten unter freiem Himmel bietet eine willkommene Abwechslung zum Arbeits- und Alltagsleben.


In den 1990er-Jahren geriet die deutsche Festivalbranche zunächst in eine leichte, durch ein Überangebot bedingte Krise. Seit der Jahrtausendwende ist davon nichts mehr zu spüren: Die Vielfalt der Festivallandschaft wächst weiter. Das hat globale wie spezifisch deutsche Gründe. Zum einen hat die durch das Internet beförderte Tonträgerkrise für eine radikale Veränderung des Musikmarktes gesorgt. Inzwischen sind Liveauftritte für die meisten Musiker zu einer wichtigen Einnahmequelle geworden, da Tonträger sowie Downloads und Streaming immer weniger Erlöse einbringen. Bands jeglichen Popularitätsgrades drängen deshalb ins Konzertgeschäft, das sich im Sommer auf Festivals konzentriert und in Deutschland aufgrund seiner Größe besonders lukrativ ist. 

Ungewöhnliches Ambiente

Zudem spiegelt die Attraktivität von Festivals nach Meinung von Veranstaltern das veränderte Rezeptionsverhalten der Musikhörer zu Hause. Die jüngere Generation ist durch das Internet ein überreiches Musikangebot gewohnt und interessiert sich für die unterschiedlichsten Musikstile. Dem Gefühl, in einem Kosmos voller Möglichkeiten nichts verpassen zu wollen, kommen nuancenreiche Musikfestivals entgegen. Darüber hinaus bieten die meisten Festivals inzwischen ein großes Rahmenprogramm mit diversen Unterhaltungsangeboten – von Theateraufführungen bis zum Poetry Slam. Auch wenn viele Festivals auf ein breites Künstlerspektrum setzen, haben sich etliche über die Jahre verstärkt um ein spezifisches Profil bemüht. So zieht es jüngere Fans von Elektro und Rock im Juni zum Melt!-Festival in einen ehemaligen Braunkohletagebau in der Nähe von Dessau. Der ungewöhnliche Standort mit alten Baggern und Stahlruinen zieht auch HipHop-Fans an, die einen Monat später zum Splash!-Festival hierher kommen. 

Ein wortwörtlich eigenes Ambiente hat das Parookaville-Festival für elektronische Tanzmusik. Für Parookaville wird auf einem ehemaligen Militärflughafen nahe der deutsch-niederländischen Grenze für einige Tage ein Dorf samt Kirche, Schwimmbad, Postamt, Supermarkt, Bürgerbüro und Marktplatz aufgebaut. Das Festival startete im Jahr 2015 und wurde auf Anhieb mit 50.000 Besuchern zu einem Anziehungspunkt für die partywütige Jugend. Mittlerweile legen dort etwa 150 DJs auf verschiedenen Bühnen auf.


Einen kontinuierlichen Publikumszulauf erlebt seit 1997 das weniger kommerziell ausgerichtete Fusion Festival, das ebenfalls auf einem früheren Militärflugplatz ausgerichtet wird, allerdings in Mecklenburg-Vorpommern. Wer Elektrosound, Theater und Avantgardekunst ohne Sponsorenaufdringlichkeit erleben will, muss Glück haben: Die 60.000 Tickets sind mittlerweile so begehrt, dass sie verlost werden.  

Das Festivalangebot in Deutschland lässt keine Musikszene unbeachtet – an die Reggae-Fans richten sich etwa das Summerjam bei Köln und der Chiemsee Reggae Summer in Bayern. An dieser Szenevielfalt dürfte sich so schnell nichts ändern, weil der deutsche Livemusikmarkt – trotz des harten Wettbewerbs – weiterhin sehr attraktiv bleibt. Und manchmal gründen Musiker auch einfach selbst ein Festival: Die erfolgreiche deutsche Indieband Kraftklub veranstaltete im Jahr 2013 spontan in ihrer Heimatregion ein Musikfestival. Heute ist das Kosmonaut bei Chemnitz ein Riesenerfolg.