Bettina Blümner im Interview „Man sollte keine Vorurteile oder Angst vor dem Gegenüber haben“

Bettina Blümner
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Die deutsche Filmemacherin Bettina Blümner präsentierte im Rahmen der wöchentlichen Filmreihe „Cinékino“ am Goethe-Institut Marokko ihren Dokumentarfilm Halbmondwahrheiten und diskutierte mit dem Publikum über Themen aus dem Film. Im Interview berichtet Bettina Blümner noch einmal über das Engagement der Männer der Vätergruppe von „Aufbruch Neukölln“, ihren Beitrag zum Abbau von Vorurteilen und wie wichtig es ist, miteinander zu sprechen.

Liebe Frau Blümner, herzlichen Dank für ihre Reise zu uns nach Marokko ans Goethe-Institut und die Möglichkeit, Ihren Film Halbmondwahrheiten nicht nur zu sehen, sondern auch mit Ihnen diskutieren zu können. Der Film greift ganz konkret das Klischee des machohaften türkischen Mannes auf. War es Ihre Absicht, dieses Thema aus einem anderen Blickwinkel darzustellen, damit Vorurteile beseitigt werden können?

Ich finde es sehr interessant, gängige Klischees aufzubrechen und zu widerlegen. Durch das Aufzeigen eines Gegenmodells zu diesem Klischee stellt man es ja in Frage und kann es mit Distanz betrachten, auch auf humorvolle Art und Weise. Diese Distanz ist nötig für eine Selbsteinschätzung. Möglicherweise haben sich die Zuschauer, auch hier in Marokko, gefragt, inwieweit sie sich mit dem Film identifizieren, was sie aus ihrer Gesellschaft wiedererkennen und was nicht. Das ist für mich spannend und es macht mir Spaß, die Zuschauer auf neue Gedanken zu sich selbst und ihrer Umgebung zu bringen.

Sind Sie bei ihrer Arbeit mit den türkischen Männern von „Aufbruch Neukölln“ von manchen Dingen besonders überrascht worden?

Durch das Buch der Journalistin Frau Kroth, das mir als Vorlage diente, hatte ich schon eine Vorstellung, aber ich bin da ergebnisoffen rangegangen. Natürlich gab es auch Dinge, die mich erstaunt haben und die ich beeindruckend fand. Während den Dreharbeiten habe ich viele Menschen kennen gelernt, die sehr engagiert sind und Tag und Nacht an der Integration arbeiten. In den Medien wird oft von Neukölln oft als „Problemkiez“ gesprochen. Da war es besonders toll zu sehen, was für eine Energie in dem Bezirk und in seinen Menschen steckt.

Ein großes und wichtiges Thema im Film ist die in Neukölln herrschende Gewalt, die Kazim Erdogan versucht zu bekämpfen. Verschiedene Situationen zum Thema werden gezeigt oder erwähnt. War Ihr Dreh dabei eher zufällig oder ist er so geplant worden?

Gewalt, gerade in den Familien, ist ein großes Thema in der Männergruppe und leider passiert tatsächlich fast wöchentlich eine schlimme Gewalttat. Die Männer aus der Gruppe sind spontan und treten in Aktion, wenn etwas passiert ist, was sie beschäftigt oder was sie anprangern wollen. Dann ziehen sie sich ihre T Shirts „Männer gegen Gewalt an“, veranstalten Gedenkveranstaltungen und laden die Presse dazu ein. So zeigen sie Präsenz. Das Engagement folgt unverzüglich, denn Kazim Erdogan ist es wichtig, gegen die Sprachlosigkeit anzukämpfen.

Das Projekt wurde Ihnen angeboten und Sie haben gerne zugesagt. Welches war der ausschlaggebende Punkt für Sie, diesen Film zu machen?

Vor allem Kazim als Person und sein Konzept der Vätergruppe haben mich überzeugt, denn das Projekt ist das erste seiner Art in Deutschland und inzwischen sehr bekannt. Der Film ist auch eine Art Multiplikator für Kazims Arbeit geworden. Er ist stolz auf ihn, zeigt ihn gerne und überall. Der Film ist auch ein Mittel, gegen Vorurteile anzukämpfen.

Wie unterscheidet sich für Sie die Arbeit als Regisseurin eines Spielfilms von der eines Dokumentarfilms, wie im Fall von Halbmondwahrheiten?

Letztlich ist vor allem die Methode beim Dokumentarfilm anders, denn ich nehme dann eher die Rolle der Zuhörerin ein und möchte wissen, was die Leute denken. Ein Spielfilm besteht mehr aus Projektion, in dem ich versuche, den Schauspieler in die richtige Richtung meiner fiktionalen Geschichte zu lenken. Beim Dokumentarfilm kommt ein anderes Gespür für Menschen ins Spiel. Was mich bei Dokumentarfilm motiviert ist vor allem die Neugier auf die Menschen und die Geschichten hinter den Menschen kennen zu lernen.

Nach der Filmvorführung in Rabat, was hat Sie an der Reaktion des Publikums erstaunt?

Ich fand es interessant, dass viel über das Thema „Männer und Frauen“ gefragt wurde und ihr Verhältnis in Deutschland zueinander. Obwohl andere Themen vielleicht naheliegender sind und auch interessant sein könnten, für Menschen, die eines Tages nach Deutschland reisen oder ziehen möchten, wurden sie nicht direkt angesprochen. Es zeigt aber vermutlich auch, wie wichtig das Geschlechter-Thema für die junge Generation ist.

Welche ist ihrer Meinung nach die wichtigste Aussage, die ihr Film „Halbmondwahrheiten“ beinhaltet?

Ich denke der Film unterstreicht, dass es viel mehr Dinge gibt, die die Menschen verbinden, als Dinge, die Menschen voneinander trennen. Man muss erkennen, wie wichtig es ist, aufeinander zuzugehen, miteinander zu sprechen und sich auszutauschen. Das hilft auch kulturelle Grenzen abzubauen. Man sollte keine Vorurteile oder Angst vor dem Gegenüber haben. Und den Anstoß dazu geben vielleicht auch solche Film-Vorführungen, wie hier im Goethe-Institut in Marokko.