Berufsbild Filmschauspieler Zwischen Schein und Sein

Schauspielerin Laura Tonke mit Hans Löw in „Hedi Schneider steckt fest“ (2015) von Sonja Heiss
Schauspielerin Laura Tonke mit Hans Löw in „Hedi Schneider steckt fest“ (2015) von Sonja Heiss | © Komplizen Film / Pandora Film 2015

Auf viele Jugendliche übt der Beruf des Filmschauspielers oder der Filmschauspielerin eine große Anziehungskraft aus. Die Stars der Branche, so scheint es, leben ein glamouröses Leben. Doch der Erfolg hängt nicht nur von Talent und Persönlichkeit ab.

Regisseur Bodo Fürneisen ist Professor im Studiengang Schauspiel an der Filmuniversität Babelsberg „Konrad Wolf“ in Potsdam. Dort bewerben sich jedes Jahr 600 bis 700 junge Menschen um acht Ausbildungsplätze. Die Filmuniversität ist eine von zwölf staatlich finanzierten Schauspielschulen in Deutschland. Diese sind besonders begehrt, da sie – anders als die rund 65 privaten – über größere finanzielle Mittel verfügen und bestens mit der Branche vernetzt sind. Unter den staatlichen Schulen ist die Filmuniversität Potsdam das einzige Institut, an dem gleichwertig Bühnen- und Filmschauspiel unterrichtet wird. „Sicher gibt es an fast allen Schulen inzwischen modulweise filmspezifischen Unterricht, beispielsweise mehrwöchige Kameratrainings“, erzählt Fürneisen. „Wir sind aber die einzigen, die beide Bereiche wirklich über die gesamte Ausbildungszeit gleichwertig unterrichten.“

Fürneisen erklärt auch, warum: „Ich halte die Ausbildung zum Bühnenschauspieler als Berufsgrundlage empfehlenswert für jeden, der einen Karriere vor der Kamera anstrebt. Trotzdem hat Filmschauspiel eine ganz eigene Spezifik, die inhaltlich im Studium definiert und erprobt wird.“ Während ein Bühnenschauspieler sich seine künstlerische Figur in einer wochenlangen Probephase gemeinsam mit dem Ensemble erarbeite, sei man beim Filmdreh in der Regel über weite Strecken auf sich allein gestellt. Für Proben gäbe es wenig Zeit, oft sei nicht einmal genügend Vorbereitungsraum dafür, die Spielpartner in wünschenswertem Umfang kennenzulernen. „Ein wesentliches Merkmal des Filmschauspiels ist das hohe Maß an Eigenverantwortlichkeit für die Figurenerarbeitung und -gestaltung.“ Hinzu komme die sichere Beherrschung der komplizierten technischen Prämissen, denn „Film ist ungleich stärker als das Theater auch ein techisches Medium.“
 

Diane Kruger, 42.Deauville US Film Festival 2016 Foto (Ausschnitt): © dpa/Franck Castel / Wostok Press Deutsche Schauspielerinnen, internationaler Glanz: Top Ten
Es ist wohl ein Traum der meisten deutschen Schauspielerinnen auch jenseits der nationalen Grenzen bekannt zu sein. Gelungen ist das allerdings nur wenigen – Filmkritikerin Birgit Roschy stellt die zehn erfolgreichsten vor.

Persönlichkeit und Talent sind wichtig

Am Ende des sieben Semester umfassenden Bachelor-Studiengangs in Potsdam haben die Studierenden deshalb nicht nur Grundlagen des Spielens auf der Bühne erlernt, mit Modulen zur Körper-, Stimm- und Sprachbildung, sondern sind auch für das spezifische Spielen vor der Kamera ausgebildet. Dafür stehen eine Vielzahl von Filmprojekten auf dem Programm, von „Dialoginterpretation“ über „Psychologische Figurengestaltung“ und „Filmwahlrolle“ bis hin zum Abschlussfilm im dritten Studienjahr. Hinzu kommt die Zusammenarbeit mit Studenten aus anderen Fachbereichen, insbesondere des Studiengangs Regie. „Einer der Grundpfeiler des Filmemachens ist die Teamarbeit. Und diese schulen wir durch diesen interdisziplinären Ansatz natürlich enorm“, so Fürneisen.Dennoch sei die Wahrscheinlichkeit eher gering, in Film- und Fernsehen so erfolgreich zu sein wie die Stars der Branche. Laut einer Studie der Universität Münster, die der Verband der Soziologen 2010 zur sozialen Situation von Schauspielern durchführen ließ, verdienen lediglich fünf Prozent der Schauspieler hierzulande 100.000 Euro brutto oder mehr pro Jahr, zwei Drittel dagegen liegen mit weniger als 30.000 Euro deutlich unter dem bundesdeutschen Durchschnittsverdienst. „Eine solide Ausbildung, wie wir sie bieten, ist das eine. Ob man damit tatsächlich in die Riege der Stars aufsteigt, hängt von sehr vielen anderen Faktoren ab, die man nur schwer beeinflussen kann.“ Wer Persönlichkeit besitze und das Talent habe, diese vor der Kamera zur Entfaltung zu bringen, brauche nicht unbedingt eine Schauspielausbildung. „Viele vor allem junge deutsche Schauspieler und Schauspielerinnen werden von der Straße weg gecastet. Und nicht wenige sind später im Job auch erfolgreich.“

Der konstruktive Umgang mit Passivität

Ein Beispiel ist Laura Tonke (Jahrgang 1974) die bei der deutschen Filmpreisverleihung 2016 zweifach ausgezeichnet wurde, darunter auch für die Hauptrolle in Hedi Schneider steckt fest von Sonja Heiss. Ihre erste große Filmrolle spielte sie mit 17 Jahren. Regisseur Michael Klier, ein Freund ihrer Eltern, suchte für die Hauptrolle in seinem Film Ostkreuz (1991) ein junges Mädchen. „Ich war damals einfach genau so, wie Michael sich das für den Film vorgestellt hatte“, erinnert sich Tonke. Vor der Kamera zeigte sie schnell großes Talent und fand den Einstieg in das Filmgeschäft. Eine Schauspielschule hat Laura Tonke nie besucht und bereut das bis heute nicht. Doch sie glaubt auch nicht, dass Persönlichkeit und Talent ausreichend sind für eine Filmkarriere. „Was man als Filmschauspieler unbedingt lernen sollte, ist der konstruktive Umgang mit Passivität. Mit der Passivität in Phasen ohne Job. Aber auch mit der Passivität, die in der Arbeit selbst angelegt ist. Man fühlt sich am Set oft nur als Material in den Händen des Regisseurs. Die eigene Rolle gründlich zu erarbeiten, wie das im Theater möglich ist, dafür fehlt beim Film meistens die Zeit.“Eine wichtige Erfahrung für Tonke war, dass man diese Passivität auch überwinden kann. 2007 schloss sie sich einer Theater-Performance-Gruppe an. Das Arbeiten im Kollektiv, der Rollenwechsel zwischen Darstellung und Regie und der hohe künstlerische Anspruch der Projekte, habe ihr eine neue Perspektive auf ihren Beruf ermöglicht, erzählt Tonke. „Ich habe plötzlich gemerkt, dass ich nicht zwingend darauf angewiesen bin, „nur“ vor der Kamera zu stehen und von der Gunst der Branche abhängig zu sein. Man wird phasenweise regelrecht vergessen. Dann bist du, aus welchen Gründen auch immer, für das Business nicht mehr interessant.“

Selbst aktiv werden

Das eigene Potenzial als Schauspieler voll auszuschöpfen, ist auch für den Theater- und Filmschauspieler Johannes Suhm (Jahrgang 1977) essenziell, um den spezifischen Anforderungen des Filmmarktes zu genügen. Wenngleich der Absolvent der renommierten Otto Falckenberg Schule in München der Meinung ist, dass in Deutschland die Bedingungen hierfür nicht ideal sind. „Unter US-Regisseuren ist es vollkommen akzeptiert, dass man als Schauspieler eng mit einem Coach zusammenarbeitet, zum Beispiel, indem man sich vor und während des Drehens intensiv mit dem Drehbuch beschäftigt, wenn dafür am Set keine Zeit ist. Viele deutsche Regisseure lehnen das aber ab.“ In einem sind sich Schauspiellehrer Bodo Fürneisen, die etablierte Schauspielerin Laura Tonke und ihr noch nicht ganz so bekannter Kollege Johannes Suhm einig: Wer als Filmschauspieler erfolgreich sein will, sollte selbst aktiv werden, statt nur auf die Gunst des Publikums zu hoffen.