Was bedeutet Kulturerbe in und für Europa?

Postkarte aus dem 19. Jahrhundert
Als im 19. Jahrhundert Ausflüge und Wochenendreisen für das kleine Bürgertum erschwinglich wurden, verbreitete sich auch das Grüßen per Ansichtskarte. Das Foto zeigt ein Exemplar aus dem Schwarzwald aus dem Jahr 1897. | Foto (Ausschnitt): © picture alliance/arkivi

Der Historiker Wolfgang Schmale hat eine Postkarte erhalten – und für uns aufgeschrieben, wie sich in solch alltäglichen Gegenständen auch das kulturelle Erbe Europas widerspiegelt. Unser Umgang mit diesem Erbe sei sehr wichtig, schreibt er: Jeder und jede Einzelne trage damit „zur Stärkung oder Schwächung der Demokratie bei“.

Neulich schickte mir ein Bekannter, der mich in Wien getroffen hatte, nach seiner Rückkehr eine Ansichtskarte, auf der ein Teller mit Gulasch abgebildet war. Das beste Gulasch seines Lebens habe er in Wien in diesem Gasthaus, von dem die Ansichtskarte stammt, gegessen!

Selbstverständlich finden sich auf jeder Speisekarte eines typischen Wiener Kaffeehauses oder Beisls Gulaschgerichte: großes oder kleines Gulasch, Saft-Gulasch oder Fiaker-Gulasch und so weiter. Man bestellt und lässt es sich schmecken, das ist der Zweck der Übung. Zugleich hält man aber auch europäisches Kulturerbe lebendig. Die Geschichte des Gulaschs lässt sich bis ins Mittelalter und in die Pannonische Tiefebene zurückverfolgen, es war ein Hirten- und Bauerngericht, bevor es sozial aufstieg und im 19. Jahrhundert ein typisches Wiener oder auch Prager Gericht wurde. Paprika wurde eine inzwischen unerlässliche Zutat, die aber zuerst aus Amerika nach Europa kommen musste, um zu einer solchen werden zu können. Über das Gulasch gelangen wir also problemlos in eine globale Kultur-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte.

Ähnliches ließe sich anhand der Ansichtskarte überlegen: Als im 19. Jahrhundert Ausflüge und kleine Wochenendreisen auch für das kleine Bürgertum erschwinglich wurden und die neue Technik der Fotografie großen Anklang fand, entwickelte sich das Grüßen über Entfernungen hinweg per Ansichtskarte zum echten Renner. Das gilt bis heute – auch wenn es sich nun bequem per Handyfoto und App von jedem Ort der Welt ohne Postamt und Briefkasten erledigen lässt. Natürlich machen wir uns diese kulturgeschichtlichen Zusammenhänge nicht jedes Mal bewusst, wenn wir eine Ansichtskarte bekommen. Vor allem machen wir uns aber kaum bewusst, wie viele unterschiedliche und anfangs oft voneinander unabhängige kulturelle Entwicklungen in Alltagsobjekten zusammenlaufen, sodass diese so funktionieren wie sie funktionieren.

Nichts bleibt, wie es war

Wir könnten das ebenso fürs Gasthaus oder für den Teller, auf dem das Gulasch serviert wurde, durchspielen. Wir sind nolens volens, was immer wir tun und wo immer wir es tun, Teil eines zeit- und raumübergreifenden kulturellen Textes oder Netzes.
Gulasch Wer Gulasch isst, hält auch europäisches Kulturerbe lebendig – denn über das Gericht gelangt man problemlos in eine globale Kultur-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. | Foto (Ausschnitt): Dzinnik Darius © picture alliance / PantherMedia
Wie mit dem Gulasch geht es mit sehr vielen Speisen, die heute oft überall in Europa und sogar darüber hinaus beliebt sind. Kultur und infolgedessen kulturelles Erbe hängt vielfach mit dem leiblichen Wohlbefinden des Menschen – wie beim Beispiel Gulasch – oder dem Ausdrücken von Freundlichkeit – zum Beispiel per Ansichtskarte – zusammen. Speziell die Kopplung an Wohlbefinden und Freundlichkeit oder Zuneigung befördert die Verbreitung kultureller Praktiken, kultureller Objekte oder immaterieller Kultur wie Koch- und Backrezepte, denn vieles, was den Menschen hier an dem einen Ort guttut, tut auch den Menschen dort an dem anderen Ort gut oder funktioniert hier wie dort. Dabei bleibt nichts wie es zunächst war, sondern wird angereichert, kreativ verändert und in neue Bedeutungszusammenhänge einbezogen.

Europäische Kultur als eine Art Archiv

Die emotionalen Qualitäten eines erheblichen Teils des kulturellen Erbes befördern dessen Europäisierung oder Universalisierung. Das gilt nicht nur für positive, sondern auch für negative emotionale Qualitäten, die mit materiellen kulturellen Objekten wie Waffen oder mit immateriellem Erbe wie „Kritik“ – auch Kritik kann ‚tödlich‘ sein – verbunden sind.

Die europäische Kultur funktioniert wie ein Archiv, in dem ein umfangreicher Jahrtausende alter Bestand gepflegt und fortlaufend ergänzt und erweitert wird. Dieses Archiv ist ein lebendiger und multifunktionaler Ort, weil es nicht nur aufbewahrt und konserviert und Studien an Objekten zulässt, sondern es füttert uns tagtäglich mit Inhalt und Bedeutung. Das „kulturelle Erbe“ belastet uns folglich nicht, sondern es belebt uns – sofern mit dem Erbe der „richtige Umgang“ gepflegt wird.

Dieser „richtige Umgang“ ist Anliegen des Europäischen Kulturerbejahres 2018. Es geht nicht darum, autoritativ anderen zu sagen, was „richtig“ oder was „falsch“ ist. Dies ergibt sich eher von selbst auf dem Hintergrund früherer Umgangsweisen mit dem kulturellen Erbe. Das große Abenteuer der Renaissance seit dem 15. Jahrhundert war ja die Entdeckung, dass es mit Rom, Griechenland, Ägypten, ja, den Kelten und weiteren vorantiken Völkern und Kulturen ein kulturelles Erbe gab, dessen materielle Zeugnisse ausgegraben oder in Gestalt von Handschriften in Klosterbibliotheken entdeckt wurden. Im Grunde stehen wir in dieser Tradition, da wir wie die Humanisten und Antiquare der Renaissance und der frühen Neuzeit, das kulturelle Erbe als Handwerkszeug für die Gegenwart benutzen. Die Humanisten machten das Erbe insgesamt fruchtbar, weil sie in allem, was sie fanden, etwas Konstruktives sehen konnten. Später kamen andere, die das Erbe parteiisch betrachteten und manches für nutzlos, unwert oder schlecht erklärten. Diktaturen, totalitäre sowie autoritäre Regime benötigen für ihre Selbstbehauptung den parteiischen Blick auf das kulturelle Erbe, dem ein parteiischer Umgang folgt. Zerstört oder der damnatio memoriae unterworfen wird, was nicht zur Weltanschauung passt.

Nicht nur Aufgabe von Experten

Der in Europa meistens gepflegte Umgang mit dem kulturellen Erbe heute gleicht wieder dem unparteiischen und dennoch begeisterten Blick der Humanisten und Antiquare der Renaissance. Zugleich wird die Pflege des materiellen und immateriellen Erbes nicht mehr allein als Aufgabe von Spezialisten gesehen, sondern als etwas, das alle angeht, weil es allen zugutekommt. Viele aktuelle Kulturerbeprojekte stellen Initiativen ‚von unten‘ dar. Junge und alte Menschen kümmern sich um den Erhalt und die Pflege des materiellen und immateriellen Erbes ihrer alltäglichen Umgebung oder übernehmen Patenschaften oder sichern kulturelles Erbe, das sonst durch Nichtbeachtung und Unaufmerksamkeit verloren ginge.

Die Kulturstätten im engeren Wortsinn werden nicht nur für ein möglichst großes Publikum geöffnet, sondern entsprechend aufbereitet. Es wird willkommen geheißen, der Besuch soll Spaß machen, und neben aller inhaltlichen Information und Bereicherung sagt dir niemand: „So und nicht anders musst Du das verstehen!“ Es ist kein Zufall, dass in den europäischen Ländern, in denen sich aktuelle Regierungen von dem hier skizzierten unautoritären Umgang mit dem kulturellen Erbe abwenden, zugleich Demokratieabbau stattfindet.

Wir sollten uns daher bewusst sein, dass Demokratie und Art und Weise des Umgangs mit kulturellem Erbe eng zusammenhängen. Jeder und jede Einzelne trägt durch seinen und ihren Umgang mit dem kulturellen Erbe zur Stärkung oder Schwächung der Demokratie bei.