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Kigali
Assumpta Mugiranzea, Soziologin

Von Assumpta Mugiraneza

Assumpta Mugiraneza © Assumpta Mugiraneza

Globalisierung leben, frei über sie nachdenken.

Sich informieren, um als freier Bürger zu leben... Im Internet kann ich meine Informationsquellen frei wählen. Ich habe mich hauptsächlich für die Radiosender France Inter und France Culture sowie die Onlinepresse entschieden (außer Facebook, WhatsApp, Twitter und Instagram, die missbräuchlicherweise als soziale Medien bezeichnet werden). Aus diesen Quellen habe ich von der Existenz eines neuen Virus aus China erfahren, wenig verwunderlich zum Winterende.

Die Nachricht wiederholte sich. Es baute sich eine Spannung auf, die in den Aussagen der Politiker spürbar wurde, von denen manche auf die leicht populistische Ader ihrer Wähler abzielten, während andere zögerten und nicht wussten, wie sie ihre Meinung zum Ausdruck bringen konnten, ohne ihr Mitleid kundzutun. Einige sprachen auch klar und nicht sensationsheischend. Sie vermittelten auf ernsthafte Weise Beobachtungen, Analysen und Warnungen, so dass ich sie verstehen konnte.

Ich hatte für Ende März einen Aufenthalt in Europa geplant und eine schöne Unterkunft reserviert. Diese Reservierung sollte bis zum 14. Februar bezahlt werden. Ich merkte, wie mir Zweifel kamen. Als hätten die Nachrichten mich schließlich von der Existenz der Krise überzeugt, konnte ich mir diese Reise nicht mehr vorstellen. Ohne meine beiden in Frankreich lebenden Kinder beunruhigen zu wollen, erzählte ich ihnen von der Bedrohung, traute mich, die Dinge beim Namen zu nennen und bat sie darum, auf sich aufzupassen. Weder waren Gefühle von Paranoia hilfreich noch Verleugnung. Der einzige Weg, der Krise zu begegnen, war, zu Hause zu bleiben.

Die erste Arbeitswoche organisieren, während Kigali in einen Angstzustand verfällt

Für das IRIBA Center ging es darum, Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen und geöffnet zu bleiben, ein Forum für Diskussionen und Debatten zu bieten und zu moderieren, um zu beruhigen, sachlich zu bleiben, zu sensibilisieren und einen ausgewogenen Standpunkt zu finden. Die Situation würde sich verschärfen, aber das IRIBA Center konnte nicht ohne Ankündigung schließen. Insbesondere die Jugendlichen mussten informiert werden - sie kommen, um unter dem Dach des Centers über ihre vielen und komplexen Fragen zu sprechen. Ich bedaure, nicht mehr Zusammenkünfte organisiert zu haben, um die Menschen auf die Ausgangsbeschränkungen vorzubereiten. Für meinen Haushalt waren strategische Einkäufe notwendig, wir brauchten ausreichend Telefonguthaben für die mehreren Hundert SMS und Anrufe. Man musste trotz des weltweit verbreiteten Virus Kontakt halten und verfügbar bleiben und den Fernunterricht der beiden anderen Kinder begleiten. Wir schauten uns gemeinsam Filme an und hörten viel Musik, so verging die Zeit schnell.

Über unser Zeitalter nachdenken und es sich zu Eigen machen

Internationalisierung, Globalisierung – diese Begriffe fallen ständig, aber nur selten versuchen wir, ihren Sinn und die Fakten zu begreifen. In unserer Zeit wird nur wenig über das Weltgeschehen nachgedacht. Die Entwicklung geeigneter Werkzeuge, um die durch die Globalisierung entstandenen Probleme und die Auswirkung der neuen Informationstechnologien auf unser Leben einschätzen zu können, ist längst überfällig.

Unsere Welt hat sich geöffnet, und dieser Prozess wird nicht gestoppt werden. Die Öffnung war eine Verbesserung, die über Profitaspekte hinausgeht. Unsere Epoche hat den Fall der Mauer und die Auflösung der ehemaligen politischen Blöcke (Ost und West) gebracht, wir haben einen freien und quasi unkontrollierbaren Zugang zu Informationen bekommen, und wenn ein Virus unsere Freiheit beschneiden kann, dann in erster Linie deswegen, weil diese Informationskanäle so zahlreich vorhanden sind.

Wenn bei der Suche nach Komplementarität und Solidarität multilateral gedacht und gehandelt wird, können wir die gewonnenen Freiheitsräume erhalten und diesen und den nächsten Virus überwinden. Die Hoffnung steckt im freien Denken.

Und Ruanda in dieser schwierigen Zeit?

Wer über Ruanda in der Zeit von März bis April spricht, muss dazu bereit sein, sich mit der Besonderheit dieses Landes auseinanderzusetzen. In der ruandischen Sprache Kinyarwanda heißt diese Zeit Mata – Monat der Milch – der zum Monat des Blutes wurde. Der Himmel scheint schwerer zu werden und näher zu kommen, als wolle er einstürzen und sich in unendlichen Tränen ergießen. Waschen sie Ruanda vielleicht rein? Für uns in Ruanda war es eine zusätzliche Prüfung, die Trauerwoche vom 7. bis 13. April zum Gedenken an den Völkermord an den Tutsi 1994 während der Ausgangssperre zu erleben. Zum Glück setzt sich das Leben immer durch und die Freunde, die sich daran erinnern, bleiben die beste Hilfe gegen das Gefühl der tiefen Einsamkeit, die uns vor dem 7. April erfasste. Wir fragen uns immer noch, wie das geschehen konnte ... Und, wie es eine ruandische Dichterin 1994 so treffend formuliert hat: „Diese Frage wirst du dir ewig stellen, ohne jemals die Antwort zu finden.“ Bis zum 4. Juli begehen wir die drei Monate der Erinnerung. Der Kampf gegen COVID-19 wird für alle noch weitergehen, aber jeden Tag wird es einen Menschen aus Ruanda geben, der das Gefühl hat, den Boden unter den Füßen zu verlieren: „Heute ist der Tag, an dem man meine Mutter, meinen Vater, meinen Bruder, meine Schwester, meine Ehefrau, meinen Ehemann getötet hat, der Tag, an dem man mich getötet hat.“ So drückt sich das unaussprechliche Unglück aus, mit dem sich die Ruander*innen während der Ausgangssperre, die vor diesem Hintergrund von verschwindend geringer Bedeutung zu sein scheint, sehr alleine fühlen. „Diesmal bleiben alle zu Hause, ohne dass jemand kommt, der dich umbringt, du bleibst in deinem Haus, du wirst nicht verfolgt, du kannst sogar über die Straße gehen, ohne dass jemand die mörderische Meute – igitero – aufhetzt, wie es 1994 war.“ Die neuen Zahlen zu den COVID-19-Toten werden mit Aufmerksamkeit verfolgt und erinnern daran, dass weltweit insgesamt „nur“ so viele Menschen an COVID-19 gestorben sind wie Ruander*innen im Frühling 1994 durchschnittlich pro Woche.

Der Tag, an dem wir wieder nach draußen dürfen... Die Mehrheit der Ruander*innen erlebt die Ausgangssperre als staatliche Anordnung, der man unterworfen ist, an die in den Medien erinnert wird und deren Einhaltung die Polizei überwacht. Alle reden von: „Wenn das alles vorbei ist, wenn wir wieder nach draußen gehen dürfen“. Über das Danach gibt es unterschiedliche Vorstellungen.
  • Können wir nach Ende der Ausgangssperre wieder leben wie vorher? Es könnte an den Neuanfang nach 1994 erinnern, natürlich ohne die Toten.
  • Wird es nicht zu einer Krise mit einer Preisexplosion für Lebensmittel kommen? Für alles, was lokal erzeugt wird, wird es wahrscheinlich ein Überangebot geben, aber das, was von außen kommen muss, dürfte doppelt so teuer werden, obwohl den durchschnittlichen Ruander*innen das Geld dafür fehlen wird.
  • Können wir in die normalerweise überfüllten Kirchen gehen? Werden dort mehr oder weniger Menschen sein? Wie wird sich der Staat verhalten?
  • Wie wird die Rückkehr der Kinder in die Schulen organisiert? Den Eltern fehlt das Geld, aber das Schulgeld wird trotzdem erhöht werden, vor allem weil nun die Schulgebäude und -gärten desinfiziert werden müssen! Ruanda wird das Schuljahr auf jeden Fall noch einmal wiederholen. Aber wie wird dieses Jahr gewertet?
  • Die Ruander*innen werden zu ihren alten Werten zurückfinden. Anstatt viel Zeit mit unseren verschiedenen Geschäften – shuguri – zu verbringen, werden wir uns Zeit für unsere Familie nehmen (vor allem für die Kinder), uns mit Freunden treffen und uns gegenseitig besuchen. Wir werden den Sinn der Gemeinschaft wieder verstehen.
Die Aufzählung ist nicht vollständig. Es ist auch anzunehmen, dass die Menschen so schnell wie möglich wieder eine Arbeit aufnehmen möchten, vor allem Gelegenheitsjobs, mit deren Lohn man sich ernähren kann. Die Frisöre, Straßenreiniger, Motorradtaxis, Bauarbeiter, Verkäufer etc. warten darauf, dass die Regierung die Straßen und Läden wieder öffnet. Sie wollen nicht verhungern. Aber sicher werden nicht alle ihre Gehälter wieder beziehen. Wer wird sich um diese Menschen kümmern? Und um diejenigen, die ihre Nebentätigkeiten nicht wieder aufnehmen können? Möglicherweise wird es Spannungen zwischen den Arbeitgebern und den Arbeitnehmern geben, weil niemand durch die Ausgangssperren stärker benachteiligt sein möchte als der andere.

Was die Gesellschaftspolitik betrifft, so hatten die Menschen während der Ausgangssperre genügend Zeit, sich Gedanken über ihre eigene Situation im städtischen Ruanda zu machen. Es gibt Fragen und Überlegungen, die geäußert, ausgetauscht und debattiert werden sollten. Wie wird diesem Bedarf entsprochen werden?

Die öffentliche Meinungsäußerung scheint auf der Stelle zu treten, sie hebt sich nicht ab, ist nicht vielfältig, es kommt vor, dass dasselbe auf verschiedenen Ebenen wiederholt wird. Dies wirft Fragen bezüglich der Reife der ruandischen Gesellschaft auf, insbesondere der Zivilgesellschaft. Es ist das erste Mal seit Jahrzehnten, dass die ruandische Gesellschaft mit einer „gemeinsamen“ Krise konfrontiert ist, bei der sämtliche Faktoren von außen kommen. Es wird genauer analysiert werden müssen, wie dies die Selbstwahrnehmung, die Wahrnehmung des eigenen Landes und die Beziehung zum Nachbarn (26 Jahre nach dem Nachbarschaftsgenozid), die Beziehung zwischen Bürgern und Staat, zwischen Individuum und institutionellen Strukturen verändert. Vielleicht muss auch das Verständnis für die Globalisierung und die internationalen Beziehungen genauer analysiert werden, insbesondere was die Jugendlichen betrifft. Vorher fast schon altmodisch anmutende Konzepte wie Solidarität, gegenseitige Abhängigkeit, Gemeinschaft etc. müssen mit Freiheit, Unabhängigkeit und Individualismus ins Verhältnis gesetzt werden. Die Freiheit jedes einzelnen ruandischen Bürgers muss im Sinne der Digitalisierung und auf moderne Weise hinterfragt werden, über die Stellung der Bürger*innen muss debattiert werden.

Nachrichtenschwemme und Fake News, Populismus, Verschwörungstheorien und Gerüchte jeglicher Art haben im Cyberspace während der Ausgangssperre eine wichtige Rolle gespielt. Ihre Auswirkung auf das Leben nach COVID-19 müsste verfolgt werden. Es gilt, über Wege nachzudenken, wie dieses „falsche Wissen“ abgebaut und der Öffentlichkeit objektive Informationsquellen zur Verfügung gestellt werden können. Hierbei ist es notwendig, die Bürger*innen aktiv anzusprechen. Die Wiederöffnung der Schulen sollte von Mitteilungen begleitet werden, die von verantwortungsvollen Personen formuliert sind. Diese sollten fähig sein, die Problematik im Kontext einer Welt anzugehen, die die ersten Jahre der digitalen Revolution erlebt.

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