Un/Controlled Gestures ?
Untersuchung der « Kafala »(كفالة) in der heutigen MENA-Region

« Kafala » (كفالة) © Goethe-Institut Rabat

Ein Projekt des Goethe-Instituts zur Förderung der choreographischen Arbeit in Nordafrika und dem Nahen Osten.

Das Projekt „Un/Controlled Gestures” bietet jungen Tanzchoreograph*innen aus der MENA-Region (Nordafrika und dem Nahen Osten) die Möglichkeit, neue Performances zu kreieren und zu präsentieren. Der thematische Schwerpunkt des Projektes liegt auf der Autonomie des Körpers und der Körperpolitik in der Region unter Berücksichtigung ihrer politischen, wirtschaftlichen und zwischenmenschlichen Dimensionen. Diese Untersuchung nimmt zum Ausgangspunkt die „Kafala“ (كفالة) , ein in einigen arabischen Ländern traditionelles Konzept, das innerhalb der Region verschiedene Formen annimmt und dabei stets eine Dimension des Schutzes und der Kontrolle des Körpers beinhaltet.

Von 30 Bewerbungen aus der MENA-Region wurden acht Choreograph*innen ausgewählt. Jede*r hat ein Tanzstück zur Frage des Kontrolle des Körpers entwickelt (Die Titel sind Arbeitstitel):
Amar Al Qady (Alexandria) – „IIIII Displacement” (Solo)
Eslam Elnebishy (Kairo) – „Solo 21” (Solo)
Manal Tass (Marrakesch) - „Koboul” (Solo)
Mohammed Isaaoui (Tunis) - „Steps” (Solo)
Salma Salem (Kairo) - „Anchoring” (Solo)
Sahar Damoni - „Eat Banana & Drink pills" (Solo)
Said El Haddaji - (Rabat) - „Howl” (Quartett)
Samaa Wakeem - „I’m losing it” (Solo)

Eines der Hauptziele des Projektes „Un/Controlled Gestures?" ist es, es den Nachwuchschoreograph*innen aus vier verschiedenen Ländern zu ermöglichen, ihre Erfahrungen aus ihrem jeweiligen gesellschaftlichen und politischen Zusammenhang zu vergleichen und sich über ihre Kunstpraktiken auszutauschen. Das Goethe-Institut führt die drei Workshops des Projektes absichtlich in der Region durch und fördert so die regionale Mobilität, die oft von einem Mangel an Chancen und von der Visapolitik gebremst wird. An jedem Workshop Ort ermöglichen Treffen und Besuche den Künstler*innen, die lokale Kunstszene zu entdecken und ihr professionelles Netzwerk in der Region zu erweitern.

Die Auftaktveranstaltung im Juni 2019 war ein Seminar im Goethe-Institut Rabat in Marokko. Theolog*innen, Soziolog*innen und Gastkünstler*innen haben Aufschluss darüber geben, was die Kafala heute ist und in allgemeinerer Form das Thema der Körperkontrolle mit den Projektbeteiligten diskutiert. Dieses erste Treffen war auch ein Anlass für die Künstler*innen, das Konzept ihrer zukünftigen Tanzstücke zu erweitern.



Manal Tass – Un-controlled Gestures © Goethe-Institut-Sabry Khaled
In Kairo (Ägypten) fand dann im September 2019 die erste von zwei Residenzphasen statt: die Choreograph*innen arbeiteten an ihren Positionen, die sie als „Work in Progress“ am Goethe-Institut Kairo präsentierten.

Im Januar 2020 folgt eine zweite kreative Residenz in Tunesien, in der Gastchoreograph*innen aus der Region die Teilnehmenden des Projekts und ihre Kollaborateure darin unterstützen, ihre Arbeit auf die Bühne zu bringen. Die acht Tanzperformances werden am 31.01. und 01.02.2020 in der Cité de la culture in Tunis uraufgeführt.

Das Goethe-Institut unterstützt die Präsentation der entstehenden Tanzstücke außerdem durch die Förderung von Gastspielen in der MENA Region, in Deutschland und Europa.

Während des gesamten Entstehungsprozesses werden die Künstler*innen von Kuratorinnen, die vom Goethe-Institut ausgewählt wurden, begleitet. Dank der Expertise der Kuratorinnen sowie durch die Begegnungen während der drei Workshops erwerben die jungen Choreograph*innen neue Fähigkeiten und lernen, die Arbeit der anderen Künstler*innen in einem kritischen und konstruktiven Umfeld zu evaluieren.

Die Kuratorinnen und Mentorinnen:
Nedjma Hadj Benchelabi: Die unabhängige Kuratorin und Dramaturgin ist in Algier geboren und in Brüssel ansässig. Sie war Mitglied der Theatergruppe Dito’Dito Brüssel und des künstlerischen Teams des Brüsseler Stadttheaters KVS. Bis 2013 war sie Leiterin des Kulturprogramms am Europäischen Kulturzentrum Les Halles, wo sie ebenfalls als stellvertretende Kuratorin des belgischen Festivals für zeitgenössische marokkanische Kunst “Daba Maroc" arbeitete. Seit 2014 ist sie stellvertretende Kuratorin von "On Marche", dem internationalen Festival für zeitgenössischen Tanz in Marrakesch. Außerdem war sie stellvertretende Kuratorin des "Arab Art Focus" beim Downtown Contemporary Arts Festival (D-CAF, Kairo, 2016 und 2018) und beim Edinburgh Fringe Festival (2017) und zuletzt Mitglied des kuratorischen Teams des multidisziplinären Tashweesh Festivals, das im Herbst 2018 mit Unterstützung des Beursschouwburg-Theaters (Brüssel) und des Goethe-Instituts in Kairo und Brüssel stattfand. Nedjma Hadj Benchelabi beteiligt sich an verschiedenen Projekten im Bereich der darstellenden Kunst: der Performance-Dramaturgie, der Forschung und Dokumentation, der Kuration und Publikation. Sie bringt ihre spezifische Expertise darüber hinaus regelmäßig in öffentliche Debatten und Diskussionen in Europa und der MENA-Region ein.

Anna Mülter: (2019 im Projekt tätig) Die in Berlin lebende Kuratorin Anna Mülter arbeitet im Tanzprogramm in den „Sophiensaelen“ und leitet das jährliche Festival „Tanztage Berlin“, das Werke von Nachwuchschoreograph*innen aus Berlin präsentiert. Gleichzeitig ist sie Teil des Dramaturgenteams des „tanzhaus nrw“ in Düsseldorf. Nach 9 Jahren am HAU Berlin war sie ebenfalls künstlerische Mitarbeiterin des internationalen Festivals für darstellende Kunst „Theater der Welt“ 2014 in Mannheim. Sie war Mitkuratorin des Festivals "Europoly" für die Kammerspiele München und das Goethe-Institut im Jahr 2016 und kurierte das ortsspezifische Projekt "X Apartments" in Athen im Jahre 2015.

Anna Wagner: (Residenz Tunis) Nach dem Studium der Theaterwissenschaft in Berlin und Paris arbeitete Anna Wagner zunächst als Assistenzkuratorin für Tanz am Theater Hebbel am Ufer (HAU) in Berlin und war Leiterin der Tanzabteilung am Theater Freiburg. Sie war als Mentorin für junge Tänzer*innen weltweit tätig, unter anderem im Rahmen der „Colombo Dance Platform“ 2014. Seitdem arbeitet sie am Künstlerhaus Mousonturm, wo sie als Produktionsdramaturgin verschiedene Künstler*innen begleitet, darunter Daniel Cremer, Eisa Jocson, Paula Rosolen und Bruno Beltrao. Darüber hinaus initiierte sie verschiedene Sonderprojekte wie die Oper Offenbach, die 1. Offenbacher Seefestspiele und The Greatest Show on Earth – Ein internationaler Performance-Zirkus für das 21. Jahrhundert, die danach streben, den Begriff der darstellenden Kunst und der dramaturgischen Arbeit zu erweitern.

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