360-Grad-Kino Mitten durch den Film wandern

Ist die hemisphärische Projektion die Zukunft des Kinos?
Ist die hemisphärische Projektion die Zukunft des Kinos? | Foto (Ausschnitt): © www.softmachine.de

Das Kino der Zukunft lädt nicht nur zum Zuschauen ein. Ganzkuppel-Projektionen und Virtual-Reality-Technik ermöglichen dem Betrachter das Eintauchen in die Welt des Films. Bislang steht das 360-Grad-Erlebnis allerdings am Anfang seiner Entwicklung.

Noch im Jahr 2006 gab es im Planetarium des Deutschen Museums in München ausschließlich Sterne zu sehen. Der Nachthimmel wurde möglichst naturgetreu als Dia auf die Kuppel projiziert. „Heute können wir aus der gesamten Palette der computergenerierten Inhalte schöpfen“, sagt Gerhard Hartl, Kurator für Astronomie. Planetarien sind wegen ihrer Kuppel als Abspielstätten für die Produzenten sogenannter Fulldome-Filme attraktiv geworden, diesbezügliche Anfragen häufen sich. Das Spektrum reicht von der Naturdokumentation bis zur aufwendigen Animation, von der musikunterlegten Grafik bis zum Spielfilm. Sechs leistungsstarke Digitalprojektoren, die das Planetarium 2015 angeschafft hat, erzeugen dabei im Verbund ein 360-Grad-Panorama in der Kuppel. „Es gibt keine Raumbegrenzungen mehr wie im herkömmlichen Kino“, beschreibt Hartl. „Der Zuschauer kann sich nach allen Seiten umwenden.“

Das Planetarium als Kuppelkino

Momentan ist im Planetarium des Deutschen Museums in München der Animationsfilm Limbradur und die Magie der Schwerkraft zu sehen, der anlässlich des Münchner Kinderfilmfests 2016 Premiere in der Kuppel feierte. Limbradur erzählt von der Reise eines kleinen Jungen ins All. 45 Minuten dauert der Film – eine Nacht braucht es, um ihn ins digitale System einzuspeisen. „Die Datenmenge umfasst ein halbes Terabyte, die Entwicklung eines solchen Films dauert bis zu anderthalb Jahren“, erklärt Hartl.


Ungeachtet dessen sieht der Limbradur-Produzent Peter Popp in der hemisphärischen Projektion die Zukunft des Kinos. Popp, ein promovierter Wirtschaftswissenschaftler, hat 2001 in München die global agierende Firma Softmachine gegründet. Bereits 2004 produzierte er seinen ersten Fulldome-Film: die Animation Kaluoka’hina – Das Zauberriff, die im Planetarium Hamburg Uraufführung feierte. Es war das erste Werk überhaupt, das die 360-Grad-Technik nutzte, um eine Geschichte zu erzählen.

Entschleunigung des Bildes

Damals existierten weltweit lediglich 90 Fulldome- oder auch Ganzkuppel-Theater, überwiegend Planetarien und wissenschaftliche Zentren. Heute sind es mehr als 2.000, von denen sich allerdings nur rund 30 in Deutschland befinden. „Der Markt wird aber stetig wachsen“ – davon ist Pionier Popp überzeugt. Nicht zuletzt aufgrund des technischen Fortschritts, der heute beispielsweise eine viel höhere Bildauflösung ermögliche, als noch zu seinen Anfangszeiten als Produzent. „Das 360-Grad-Kino ist ein komplett neues Medium, das nichts mehr mit der flachen Leinwand zu tun hat“, betont er. „Die Wirkung ist ungleich intensiver.“ Auch, weil die Technik Einfluss auf die Erzählweise hat. „Wir erleben eine Entschleunigung des Bildes. Es 
gibt weniger Schnitte, damit der aktive Zuschauer sich entscheiden kann, wohin er sein Augenmerk richtet.“

Mehr Intensität bei gleichbleibenden Stoffen

Was die Inhalte betrifft, bahnt sich freilich keine Revolution an. Das Fulldome-Kino schafft neue Perspektiven auf bekannte Inhalte. Gleiches gilt für das Virtual-Reality-Kino, das ebenfalls ein 360-Grad-Erlebnis bietet – wobei sich die Zuschauer dabei nicht in einer Kuppel bewegen, sondern sogenannte VR-Brillen tragen. Im Vergleich zur Fulldome-Projektion steckt diese Technik zwar noch in den Kinderschuhen, entwickelt sich allerdings ebenfalls rasant. Zuschauer, die Filme über die marktgängigen Brillen schauen, klagen allerdings nicht selten über Übelkeit oder Kopfschmerzen.


Im Frühjahr 2016 hat die niederländische Firma Samhoud Media des Unternehmers Jip Samhoud den deutschen Markt unter anderem mit einem temporären Virtual-Reality-Kino in der Platoon Kunsthalle in Berlin getestet. Gezeigt wurde auf 30 Plätzen etwa die Kurzdokumentation Clouds over Sidra, die den Betrachter in ein jordanisches Flüchtlingslager versetzt. Aber auch Horrorfilme standen auf dem Programm. Ein Genre, das die Samhoud-Mitarbeiterin Christine Hogenboom für besonders geeignet hält, immersive, also allumfassende Erlebnisse zu schaffen: „Ein unheimliches Haus in der virtuellen Realität zu betreten, geht einem ganz anders nahe als im Kino!“ Den Einwand, das ursprüngliche Kinoerlebnis könnte durch das Eintauchen in die hermetische Welt hinter der Brille verlorengehen, mag sie nicht gelten lassen: „Man hat immer noch eine gemeinsame Erfahrung, über die man sich nach dem Film austauschen kann.“ 

Visualisierung vergangener Epochen

Die 360-Grad-Technik dient allerdings nicht nur der Unterhaltung. Eine immer größere Rolle spielt sie auch im wissenschaftlichen Bereich. Christoph Anthes, Leiter des Teams V2T am Leibniz-Rechenzentrum in München, befasst sich mit Virtual-Reality-Szenen, durch die man sich frei bewegen kann. Dafür sorgt eine fünfseitige Projektions-Installation, die im Bereich der Datenanalyse zum Einsatz kommt. Datensätze werden so visualisiert, dass man einen plastischen Eindruck „wie im 3-D-Kino“ und das Gefühl gewinnt, „um ein Objekt im Raum herumgehen zu können“, so Anthes. Die Technik kann auf unterschiedlichen Forschungsfeldern „von Archäologie bis Zoologie“ zum Einsatz kommen. In einem Projekt wurde zum Beispiel eine mit Fresken geschmückte antike Grabkammer bei Karaburun im nördlichen Lykien (in der heutigen Südtürkei) aus der Zeit um 475 vor Christus digital wiederhergestellt. In der 360-Grad-Projektion werden die Grabkammer und ihre Wandmalereien aus unterschiedlichen Perspektiven und Blickwinkeln erlebbar.
 
Dass der wissenschaftliche Bereich nicht ganz aus dem Blickfeld gerät, wünscht sich auch der Kurator Gerhard Hartl. Die Entwicklung von Planetarien hin zu sogenannten Mediendomes sieht er zumindest mit gemischten Gefühlen: „Ein Planetarium ist dafür geschaffen, Astronomie zu erklären.“ Und dafür bedarf es Hartls Meinung nach auch nur bedingt des digitalen Fortschritts: „Ein Sternenhimmel lässt sich noch immer am besten mit einem analogen Projektor darstellen.“