Wie politisch sollen Künstler heute sein?

Wie politisch sollen Künstler heute sein?
Illustration: © Bernd Struckmeyer

Zeitgenössische Kunst in Europa ist gesellschaftlich relevant. Doch wie verwahrt sie sich der politischen Vereinnahmung? Darüber diskutieren: Joseph Young, Klangkünstler, belit sağ, Videokünstlerin, und Via Lewandowsky, Bildender Künstler – und Sie können mitmachen! Schreiben Sie uns Ihre Meinung und Ihre Fragen: ins Kommentarfeld dieser Seite oder auf Facebook und Twitter unter dem Hashtag #portofrei. Moderatorin Geraldine de Bastion bringt Ihre Beiträge mit in die Debatte ein.

    7. November 2018   |   Geraldine de Bastion

 
Geraldine de Bastion © Roger von Heereman / Konnektiv Es macht mich traurig, dass ich dem Schlusssatz von belit sağs Antwort zustimmen muss. Schließlich sind die Ideale, von denen wir hier sprechen, eine Farce, denn Menschenrechte sind nur dann Menschenrechte, wenn sie für alle gelten und nicht nur für einige Auserwählte, die den richtigen Pass besitzen.

Es bleibt also die Frage: Gibt es noch ein Europa, das darüber hinausgeht? Gibt es ein Bild von Europa, das nicht von der momentanen Politik in Mitleidenschaft gezogen und herabgewürdigt wird? Und wenn ja, wo finden wir dieses Europa? 

„Welche Art von internationaler Solidarität braucht die Kunst"

makeitclear.eu ist offenbar ein großartiges Beispiel für den Versuch, durch künstlerische Mittel und Aktionen international zu Solidarität aufzurufen. Wie können wir Frieden und Sicherheit schaffen und erhalten, wo Staat und internationale Gemeinschaft versagen? Wie könnte eine neue und gerechte Form der Solidarität genau aussehen? Welche Art von internationaler Solidarität braucht die Kunst für Themen wie Freiheit, Förderungen und andere Formen der Unterstützung, um dies in die Tat umzusetzen?

In den vergangenen Jahren haben sich diverse Bürgerrechtsorganisationen gebildet und Aufgaben übernommen, für die eigentlich der Staat zuständig ist und so etwa Menschen aus dem Mittelmeer gerettet. Bei meinen Recherchen bin ich auf Initiativen wie Glasgow Buzzcut und FromMe2You gestoßen; Projekte von Künstlern für Künstler, in denen Informationen ausgetauscht und Netzwerke zur Unterstützung aufgebaut werden.

Gibt es auch vergleichbare Formen von künstlerischer Solidarität? Und wie können wir einen solchen Austausch über Sprachgrenzen und verschiedene Ausdrucksformen hinweg fördern, um, wie Joseph Young es ausdrückt, eine Zukunftsvision anzubieten, die Hoffnung macht?

31. Oktober 2018   |   Belit Sağ


Belit Sağ © Belit Sağ Ich bin der Meinung, dass künstlerisches Wirken Räume schaffen sollte, die ein Gefühl von Sicherheit vermitteln, in denen Menschen sich begegnen und innehalten können. Viele Menschen sind Bedrohungen ausgesetzt, gerade in der heutigen Zeit.

Wir sollten uns fragen, welche schwierigen Aufgaben die Kunst derzeit erfüllen kann. Und welche Räume und Erfahrungsfelder – die momentan dringend gebraucht werden – sie schaffen kann. Die Kunst vermag es, Nischen und Schlupflöcher zu finden, denn sie unterliegt keiner Vorschrift. Oft ist es nur eine kleine Geste, die die Kunst politisch macht. 

„Ich möchte, dass die Erschaffung von Kunst zu etwas Größerem beiträgt."

In der Zeit, in der wir leben, geht es darum, das zu tun, was man am besten kann. Ich möchte, dass die Erschaffung von Kunst zu etwas Größerem beiträgt. Ich möchte, dass die Kunst einmal in den Hintergrund und sich nicht selbst reißerisch ins Rampenlicht rückt, sondern einfach gemeinsam mit der Welt nachdenkt, statt diese zum Subjekt zu machen. In der heutigen Zeit sollte die Kunst die Rolle einer Mitverschworenen einnehmen.

Die Tatsache, dass die Europäische Union gefährdet ist und eine Verschlechterung der Gesamtsituation droht, sollte uns nicht vergessen lassen, wofür die EU eigentlich steht, was und wen sie ein- und ausschließt, wen sie verteidigt und wer es nicht wert ist, von ihr verteidigt zu werden. Vor allem sollten wir uns stets vor Augen führen, was an den Grenzen der EU passiert. Dort findet gerade im Namen des Schutzes der EU-Grenzen eines der größten Massensterben statt – und das nicht nur dank der Politik der äußerst rechts Gesinnten. Für einige Teile der Welt war die EU noch nie ein Sinnbild für Menschenrechte und Frieden.

Andererseits hat der Kampf gegen Ultra-Rechte längst begonnen. Menschen mit Migrationshintergrund, Arme, ethnische und religiöse Minderheiten, die LGBT-Gemeinschaft und Frauen auf der ganzen Welt erleben in ihrem Alltag Hass und Hetze. Eine Demo für Menschenrechte innerhalb der Europäischen Union und an deren Grenzen ist daher von enormer Bedeutung. Gerade besteht die Gefahr, dass wir ein Heldenbild auf die EU projizieren, und dabei die Gewalt, die von der EU ausgeht, nicht mehr sehen.

30. Oktober 2018   |   Via Lewandowsky

Via Lewandowsky © Rainer Gollmer

Zweifellos kann und soll der Künstler eine Mitverantwortung für die gesellschaftlichen Belange tragen, aber wieviel Engagement kann sich jeder Künstler leisten, ohne seine Freiheit und Glaubwürdigkeit aufs Spiel zu setzen? Die Instrumentalisierung von Kunst für politische Zwecke hat im vergangenen Jahrhundert Künstler und Kunstwerk zuweilen in einem schlechten Licht erscheinen lassen.

Dabei sind die Setzungen durch den Staat noch immer die stärksten politischen Statements der Kultur einer Gesellschaft. Diesen Widerspruch kann man an Gerhard Richters vier Gemälden Birkenau deutlich machen, die heute im Reichstag gegenüber seinen monochromen Farbtafeln in den Farben der deutschen Bundesflagge hängen. Für seinen Zyklus Birkenau fertigte Richter malerische Reproduktionen von Fotografien an, die ein Häftling heimlich von einem Sonderkommando in Auschwitz gemacht hatte. Richter überdeckte sie dann wieder mit der für ihn typischen abstrakten Malerei.

„Die Bildende Kunst wird die Polarisierung der Gesellschaft als Schutzraum und Labor weiter begleiten und beobachten."

Die politische Wirksamkeit dieser Arbeit hängt nun in paradoxer Weise von der Bedeutung der Person des Künstlers und seinem Marktwert ab. Eine Diskussion um die Gründe und auch ihre Sinnfälligkeit eines solchen politischen Statements ist nun gar nicht mehr möglich. Viele Künstler haben genau damit ein Problem. Sie agieren auf einer ambivalenten Bühne zwischen zahllosen Möglichkeiten unterschiedlichster Kunstkonzepte. Und stecken damit in dem Dilemma, dass sich die Kunst selbst polarisiert, sich selbst zwischen politischem Aktivismus und marktorientiertem „L’art pour l’art“-Kanon aufreibt oder gleich als bigotte moralische Vormundschaft empfunden wird. 

Trotzdem wird auch weiterhin die bildende Kunst die Polarisierung der Gesellschaft als Schutzraum und Labor, als Instrument und Modell weiter begleiten und beobachten, wenn man sie in Ruhe lässt.

29. Oktober 2018   |   Joseph Young

Joseph Young © Joseph Young

Künstler haben sich schon immer auf unterschiedlichste Weise in die Gesellschaft eingebracht, nicht zuletzt als aktive Bürger in ihrem direkten Umfeld. Für mich stellt sich gar nicht die Frage, ob Künstler sich politisch engagieren sollten, sondern wie?

Neulich hat ein Kritiker meiner Show Make Futurism Great Again („Macht den Futurismus wieder groß“) in der Estorick Collection in London meine Antwort auf die „Absurditäten des Kapitalismus“ als „enttäuschend“ bezeichnet, da „Proteste an sich ja inzwischen allesamt in Form eines Kunstprojekts daherkommen“.
 

„Wir müssen einen Schritt weitergehen und eine Zukunftsvision anbieten, die Hoffnung macht."

Negative Kritik hin oder her, ich würde diese Aussage gerne umkehren und behaupten, dass dies nur belegt, wie gekonnt sich die Künstler bereits die Sprache und Ästhetik des politischen Protests angeeignet haben. Wir müssen nun noch einen Schritt weitergehen und eine Zukunftsvision anbieten, die Hoffnung macht.

Dazu sind zwei Dinge von Nöten: Mitgefühl und Ideologie. Mitgefühl, um dem Hass der populistischen Rhetorik etwas entgegenzusetzen und Ideologie, um Antworten auf die dringlichen Fragen unserer Zeit zu geben. Wir sehen gerade, wie sich der Faschismus wieder in Europa ausbreitet, und da reicht es nicht, wenn Künstler einfach den Status quo kritisch betrachten.

Mir gefällt in diesem Zusammenhang sehr die Arbeit der Künstlergruppe Keep it Complex. Diese widerspricht mit vehementer Stimme der Tendenz, komplizierte Dinge zu stark zu vereinfachen, wie es die Alt-right-Bewegung gerne tut. Meiner Meinung nach ist es die Pflicht eines jeden Künstlers, die Themen der Zeit zu „komplexifizieren“, um den Menschen dabei zu helfen, zu verstehen, welche Kernursachen den drängenden Themen unserer Zeit eigentlich zugrunde liegen.
  
18. Oktober 2018   |   Geraldine de Bastion

Geraldine de Bastion © Roger von Heereman / Konnektiv
Unsere Demokratien und das Konzept der Europäischen Union stehen unter Druck. Doch die wachsenden populistischen, nationalistischen und autoritären Strömungen bringen auch eine neue Solidarität unter den Befürwortern der europäischen Ideen und den Verfechtern der Menschenrechte und des Friedens hervor.

Diese neue Solidarität konnte man unter anderem vergangenes Wochenende in Berlin bei der Demonstration #unteilbar beobachten, bei der fast 250.000 Menschen für Solidarität, das Recht auf Asyl, Demokratie und Menschenrechte auf die Straße gingen. 


„Die Erwartungshaltung an die Kunst, politisch zu sein, scheint heute stärker zu sein denn je."

Künstlerische Interventionen wie die grauen Gestalten beim G20-Protest in Hamburg im Sommer 2017 spielen eine wichtige Rolle bei solchen sozialen Bewegungen. Das Verhältnis zwischen Politik und Kunst wurde und wird viel diskutiert. Doch kann diese Debatte nie abgeschlossen werden, sondern sollte stattdessen kontinuierlich fortgeführt und reflektiert werden. Die Erwartungshaltung an die Kunst, politisch zu sein, scheint heute stärker zu sein denn je.

„Wenn die Kunst keine Politik macht, wer sonst?“, fragte im Sommer 2017 Documenta-14-Kurator Dieter Roelstraete seine Kunststudenten. Im heutigen Europa: Wie politisch kann und soll Kunst sein? Wie kann Kunst dazu beitragen, aus der zunehmenden Polarisierung in unserer Gesellschaft auszubrechen?

ES DEBATIERTEN



Belit Sağ © Belit Sağ Belit Sağ, Videokünstlerin und visuelle Künstlerin, lebt in Amsterdam. In Ankara studierte sie Mathematik, in Amsterdam audiovisuelle Kunst. belit sağ war Mitglied einer türkischen Videoaktivisten-Gruppe und Mit-Initiatorin von bak.ma, ein audiovisuelles Online-Archiv sozialer Bewegungen in der Türkei. Ihre Arbeiten wurden bereits bei der Documenta14 und internationalen Filmfestivals gezeigt.








Joseph Young © Joseph Young
Joseph Young ist Klangkünstler aus Großbritannien. Er ist Gründer der Twitter-Kampagne @artsforeu, die sich dafür einsetzt, dass Großbritannien in der EU bleibt. Joseph Youngs Arbeiten wurden unter anderem im Tate Modern und im Seoul Museum of Art gezeigt. Young arbeitet mit Klanginstallationen und Performances in Gallerien und im öffentlichen Raum.









Via Lewandowsky © Rainer Gollmer

Via Lewandowksy, geboren in Dresden, ist Bildender Künstler. Er arbeitet mit wechselnden Medien und ist vor allem für seine skulptural-installativen Arbeiten und seine Ausstellungsszenografien mit architektonischen Einflüssen bekannt. Seine Arbeiten im öffentlichen Raum und seine Performances haben nicht nur einen politischen Aspekt, sondern überlagern bewusst verschiedene Verständnisebenen.






Geraldine de Bastion © Roger von Heereman / Konnektiv
Geraldine de Bastion berät als Politologin öffentliche Institutionen, NGOs und Unternehmen zum Einsatz digitaler Technologien. Weltweit schätzen Netzaktivisten und Blogger ihre Expertise. Sie ist Mitglied der Digitalen Gesellschaft e.V., die sich für Grundrechte und Verbraucherschutz im digitalen Raum einsetzt. Alljährlich wirkt sie als gefragte Kuratorin und Moderatorin bei der internationalen Netzkonferenz re:publica.