Anne Klatt über die bunte Welt des Figurentheaters Knutschende Bälle und Schlangen aus Tuch

Pieces of Mind - Kussszene
© Anne Klatt

Figurentheaterkünstlerin Anne Klatt ist im November 2017 für drei Wochen nach Myanmar gekommen, um gemeinsam mit jungen Marionettisten aus Yangon und Mandalay ein Stück zu erarbeiten. Hier spricht sie über ihre Erfahrungen aus der Zusammenarbeit mit den Studenten, über das kreative Potenzial kultureller Unterschiede, die kindliche Unbefangenheit der Studenten im Umgang mit den Materialien und die Zukunft des Puppentheaters in Myanmar.
 

Welche Erwartungen hatten Sie an diesen Workshop, bevor Sie nach Myanmar kamen?

Meine Erwartungen sind immer ein bisschen daran gebunden, was ich mir selbst als Aufgabe setze: Warum komme ich, was ist das Ziel des Projekts? Ich kam mit der Erwartung, dass die jungen Puppenspieler Interesse haben, offen sind und Lust haben, zu experimentieren und Grenzen auszuloten, die zunächst vielleicht etwas fremd sind. Meine Aufgabe ist es, einen Pool von Möglichkeiten anzubieten, mit denen die Künstler selbst kreativ werden können. Mit der Methode des „kreativen Prozesses“, dem sogenannten RSVP-Prinzip (von der Ressource zum Produkt), können sie diese Kreativität selbst strukturieren. Kreativ sein ist eine ganz disziplinierte Arbeit, denn jede noch so chaotisch anmutende Idee muss überprüft, weggeworfen oder weiterentwickelt werden. Dazu gehört Struktur. Meistens kennen die Theaterleute an den Orten, zu denen ich komme, keine Improvisation oder praktizieren sie nicht. Was ich als Sinn meiner Arbeit hier in Myanmar sehe, ist für mich die Stärkung des künstlerischen Individuums. Denn individuelle Künstler, die stark genug sind, um sich in die Gesellschaft einzumischen, sind für zeitgenössisches Theater unabdinglich. Kunst ist wie Brot, hier wäre das Bild vielleicht eine Schale Reis.

Aber eigentlich versuche ich immer, erst einmal anzukommen und am besten keine zu großen Erwartungen zu hegen, auch wenn das einem natürlich schwerfällt. Im Erstkontakt mit den Theaterleuten versuche ich, eine erhöhte, d.h. sensible Wahrnehmung zu entwickeln, ohne alles gleich kulturell zu bewerten. Zweitens muss ich Ressourcen sammeln: Was kommt von den Künstlern selber? Was von dem, das ich ihnen anbiete, interessiert sie? Welche Mittel wollen sie verwenden, und in welche Richtung wollen sie überhaupt Theater machen?

Inwiefern sind diese Erwartungen erfüllt worden?

Anne Klatt Figurentheaterkünstlerin Artist Anne Klatt | © Anne Klatt Also für mich selber war das eine sehr beglückende und extrem bereichernde Arbeit, nicht nur als Lehrerin sondern auch für meine eigene künstlerische Arbeit. Im besten Fall ist so ein Projekt eine Win-Win-Situation, keine Einbahnstraße. Was mich besonders berührt hat, war, wie offen die Spieler waren, und wie wenig von vornherein abgewehrt wurde. Diese totale Freude daran, eigene Grenzen auszutesten, dieses wertfrei Ins-Spielen-Kommen, haben ja oft im besten Fall noch Kinder. Wir hatten auch immer wieder Reflexionsphasen, in denen ich erfahren konnte, wie die Spieler alles rezipieren, was sie interessant fanden und warum. Ich war völlig überrascht, dass mein vorgeschlagener Materialansatz, der erst einmal sehr abstrakt ist, so produktiv und positiv aufgenommen wurde. Das lag wahrscheinlich auch am Material selbst: Der Fallschirm hatte sie  begeistert. Aufgefallen ist mir auch, dass die Spieler einen oft sehr sinnlichen Zugriff auf die Materialien haben und ein Objekt für sie auch direkt klingt oder noch eine andere oder mehrere Bedeutungen hat. Ich würde gern mehr darüber erfahren, welche Referenzräume bei den Spielern vorhanden sind, als in diesen 2-3 Wochen möglich war.

Ich habe auch gemerkt, dass es in einer kulturellen Begegnung wichtig ist, das Fremde fremd sein zu lassen, und auch gegenseitig auszuhalten. Dabei ist es ganz wichtig, dass man keine Identitätsdiffusionen anstellt. Das heißt, die Formel „wir sind alle gleich“ ist Unsinn, wenn man  zusammen Kunst machen will: Wir sind anders, und das bringt die künstlerische Reibung, den Mehrwert. Wir tauschen etwas aus, was der andere nicht hat oder kennt. Ich möchte nicht, dass die Spieler mich imitieren oder ich sie, sondern warte immer auf den Zwischenraum der Schnittmenge: Was entsteht da Neues?

Woher, denken Sie, kommt diese Offenheit und Lust zum Experimentieren?

Ich glaube, dass sie es als Studenten gewöhnt sind, dass der Lehrer immer Recht hat und eine starke Autoritätsperson ist. Das hat natürlich zur Folge, dass man als individueller Künstler auch keine Fragen stellen darf und die Arbeit und damit die Kunst schlechthin nicht hinterfragt. Dass man nichts gleich hinterfragt, bringt andererseits aber auch eine Offenheit mit sich. Das hat etwas Positives, denn man lässt sich erst einmal auf alles ein, was der Lehrer vorstellt. Es bedeutet aber auch, dass man nicht gewöhnt ist, selbstreflexiv seine Kunst weiterzuentwickeln. Das ist ein wichtiger Punkt, der hier in der alten Tradition erst mal gar nicht so gewollt wird. Gleichzeitig haben die jungen Künstler meines Erachtens das starke Bedürfnis danach, eben genau das zu tun, um sich künstlerisch weiterzuentwickeln und nicht alte Formen zu repetieren. Jede Form von Entwicklung ist eine Bewegung, und jede Bewegung ist natürlich erst mal beängstigend für diejenigen, die den Stillstand wollen.

Sie haben vorhin über Fremdheit gesprochen. Was von dem, das Sie mitgebracht haben, war für die Spieler fremd?

Pieces of Mind - Puppenspieler Die Grenzen zwischen Mensch und Puppe verschwimmen. | © Anne Klatt Sowohl für die Spieler als auch für mich war eine der ersten Herausforderungen der kodierte Körper. Jeder Körper ist sozial inskribiert, das heißt, er ist auch eine Form von Text, und dieser Text erzählt natürlich auch etwas über die Gesellschaft, in der man lebt. Es gibt bestimmte No-Go‘s. Ich habe zum Beispiel erfahren, dass der Kopf eines Mannes nicht den Unterkörper einer Frau berühren darf. Das macht den Kontakttanz oder die Bewegungsimprovisation innerhalb der ganzen Gruppe kontrollierter. Das ist für mich immer ein Vortasten: Wie weit schaffst du Vertrauen in den Spielern selbst, einen neutralen Raum, in dem sie alles dürfen, ohne dass sie zur Rechenschaft gezogen werden? Ich baue Ängste und soziale Begrenzungen ab, ich versuche Tabus zu entschärfen, um dann auf einer künstlerischen Metaebene anzusetzen. Von meiner Seite aus, muss erst einmal alles möglich sein. Die auftretenden Grenzen sind Ressourcen.

Mir ist auch klar geworden, dass das Figurenspiel, wie wir es in Europa begreifen, ein völlig anderer Vorgang ist als das Animieren der burmesischen Marionette. Es bedarf einer völlig anderen Manipulationstechnik und das fand ich ausgesprochen spannend. Improvisation und Figurenspiel im Sinne von Materialtheater benötigen eine ganz andere Technik und Vorgehensweise als das Animieren der burmesischen Marionette. Virtuosität heißt bei der Marionette die völlige Beherrschung des Spielapparates, die „Handarbeit“ dabei ist genau formiert. Virtuosität im Materialtheater heißt: das Material  genau erkunden, um es individuell zu animieren. Hier ist die sogenannte Technik immer neu und anders. Beide Ansätze sind spannend.

Und was waren die Elemente, die die Studenten mitgebracht haben, die für Sie fremd oder neu waren?

Pieces of Mind - Schlange Ein Fallschirm verwandelt sich in eine Schlange. | © Anne Klatt Ich hatte noch nie erlebt, dass Spieler so stark auf eine Illusion oder Idee einsteigen. Zum Beispiel war die Szene, in der sich der Fallschirm plötzlich in zwei kämpfende Schlangen verwandelt, eine sehr starke Improvisation. An dem Nachmittag herrschte eine besondere Atmosphäre im Raum. Ich hatte den Eindruck, dass in dem Moment, in dem aus dem Material ein Wesen entsteht, die Spieler es sofort als solches wahrnahmen. Die Schlange ist ja hier ein ganz wichtiges ikonographisches Element z.B. als Bild für die Verwandlung. Es gibt sie auch als Tier bei den Marionettenspielern, und in dem Moment habe ich eine ganz starke Verbindung empfunden. Überhaupt waren Tiere und Geister für sie ein ganz  großes Thema, was in den Improvisationen auch immer wieder auftauchte.

„Pieces of Mind“ war ein großer Erfolg und wurde vom Publikum, das sowohl aus Einheimischen und Ausländern, Erwachsenen und Kindern bestand, sehr gut angenommen. Alle haben sich von der Aufführung berühren lassen. Woran liegt das?

Ich glaube, das ist der Reiz des Materialtheaters, in dem wir mit ganz einfachen, alltäglichen Mitteln poetische Situationen und Bilder schaffen können. Ein Material, das aus dem Alltag gerissen ist, und das jeder kennt, erfährt plötzlich eine Form von poetischer Aufwertung und erzählt etwas über uns und das Leben, über Ängste und Sehnsüchte auf eine ganz pure und einfache Weise. Ich glaube, das schafft einen allgemeinen Reiz, sodass genreübergreifend und auch kulturübergreifend Menschen davon berührt werden. Überhaupt kann sich der Zuschauer oft besser mit einer Figur identifizieren, weil sie nicht so stark an ein individuelles Konzept gebunden ist, sondern einen offenen Interpretationsspielraum bereithält.

Deshalb können Figuren ja oft mehr sagen und tun als die Menschen selbst. Das war in der Szene, in der sich die beiden verliebten Schauspieler durch Bälle einander annähern konnten, sehr beeindruckend.

Genau! Es war interessanterweise überhaupt kein Thema, dass die Bälle sich küssen. Aber bis die beiden Spieler sich trauten, einander in die Augen zu schauen und daran auch nichts Schlimmes zu finden, war ein viel längerer Prozess. Da hilft die Formsprache des Figurentheaters immens. Deswegen halte ich es auch für das interkulturelle Genre schlechthin. Man ist nicht sprachgebunden und kann in schwierigen Situationen immer auf Figuren als Stellvertreter zurückgreifen.
 



Sie meinten ganz am Anfang, dass die Spieler über den gesellschaftlichen Platz ihrer Kunst reflektieren müssen.  Was ist Ihres Erachtens die künftige Rolle von Puppenspielern in Myanmar?

Das ist eine schwierige Frage und ich kann nur mutmaßen, was vielleicht entstehen könnte. Ich glaube, was erst mal ein starker und nicht unbedingt einfacher Prozess wird, ist eine Form von Emanzipation von den alten Meistern, von diesem tradierten, festen Marionettentheater, das ja hier einen ganz hohen Stellenwert hat. Das ist natürlich auch zweischneidig. Einerseits ist es ja ganz toll, dass das Puppentheater so hohe Anerkennung genießt. Das soll man auch bitte nicht anrühren. Aber der Transfer ins Verständnis, dass man in den alten Traditionen nicht einfrieren darf, muss geschaffen werden, sonst werden die alten Kunstformen irgendwann obsolet sein. Je mehr sich die Gesellschaft Myanmars mit der globalen Welt auseinandersetzt, desto stärker müssen sich die Marionettenspieler mit den neuen Entwicklungen im Figurentheater auseinandersetzen. Und ich wünsche ihnen, dass sie ein aktiver Teil dessen werden, dass sie mitgestalten und eigene künstlerische Identitäten und Werte aufbauen.

Es hört sich vielleicht etwas hart an, aber ich glaube, dass einige junge Künstler das Land erst mal verlassen müssen, um einen produktiven kulturellen Schock zu erleben. Den eigenen Horizont erweitern, neue Erfahrungen machen, Lebenswirklichkeiten von fremden Künstlern kennenlernen.  Das braucht man als Künstler. Auch um in der Zukunft Auftritte und Unterstützung zu bekommen, glaube ich, dass eine Vernetzung nach außen ganz wichtig ist.

Halten Sie es für möglich, dass eine ähnliche Renaissance des Marionettentheaters in Myanmar geschehen kann, wie sie in Europa in den letzten Jahren stattgefunden hat?

Pieces of Mind - Das Ensemble Die Studenten nach gelungener Vorstellung. | © Anne Klatt Unbedingt, und ich bin mir absolut sicher, dass das Traditionelle auch in Deutschland total ankommt, und dort auch wahnsinnig geschätzt wird, wie hoch virtuos die Spieler sind. Gleichzeitig ist es wichtig, sich darüber im Klaren zu sein, dass man als Künstler erst mal kein Geld verdient, und dass dein Künstlertum davon nicht abhängen darf. Wir alle sind aufgefordert einen guten Kompromiss zwischen Freiheit und Verkauf zu suchen. Das ist in Europa nicht anders. Ich glaube, dass es für Myanmar gut ist, starke Künstler zu haben. Der eigene Fundus, der eigene Schatz, auf den man sich verlassen kann, den muss man selber finden und wertschätzen. Der Künstler ist da, damit er frei bleibt und weiterhin der Spiegel der Gesellschaft und Politik bleibt und nicht deren „Marionette“.

Sie werden 2018 nochmals mit den Studenten zusammenkommen, um „Pieces of Mind“ weiterzuentwickeln, zu reflektieren und die Konzepte und Methoden wieder hervorzuholen. Zusätzlich werden die Studenten mit eigenem Konzept und Mittelwahl zwei kurze Stücke entwickeln.

Genau! Das sind eigentlich zwei verschiedene Projekte: Nochmal „Pieces of Mind“ zu spielen, und zwei eigene Stücke - ich nenne sie mal „theatrale Miniaturen“ - zu entwickeln, die ich künstlerisch als Supervisorin begleiten werde. Das Ziel ist es, Unabhängigkeit zu fördern. Die burmesischen Spieler sind so feinsinnig für Formen, Farben, Poesie, Bilder, für Zwischentöne, für das nicht unbedingt direkt Ausgesprochene und Definierende… Wenn sie das Handwerk und die Disziplin haben, dann sehe ich da eine ganz große Zukunft.