Ein Gespräch mit Kurator Lukas Birk "Burmesische Fotografen"

Burmese Photographers
© Lukas Birk

Während die fotografische Geschichte der Kolonialzeit umfassend dokumentiert worden ist, sind die burmesischen Fotografen und ihre Bilder dahinter unerkannt geblieben. Diesen Bildern hat der Künstler und Fotograf Lukas Birk nachgespürt und das Myanmar Photo Archive gegründet. Eine Auswahl der Bilder und ihre Geschichte hat er nun in dem Buch „Burmese Photographers“ festgehalten, welches zunächst in burmesischer Sprache veröffentlicht wurde. Basierend auf dem Buch hat er auch eine Ausstellung entworfen, die seit dem 18. Februar im geschichtsträchtigen Secretariat in Yangon zu sehen ist und den Besucher auf eine Bilderreise durch die Geschichte Myanmars mitnimmt.
 

Das Myanmar Photo Archive umfasst über 10.000 Fotografien, die du gesammelt hast. Kannst du uns erzählen, wie und wo du diese Fotos gefunden hast?
 
Lukas Birk © Lukas Birk Als ich die Sammlung begonnen habe, war das nicht unbedingt schwierig, da ich der Erste war. Secondhand-Händler saßen auf Stapeln verfallender Fotografien und Alben, die in der Regel aus verlassenen oder zerstörten Häusern gerettet worden waren. Andere  Bilder habe ich direkt von Fotografen und Fotostudios erhalten. Wenn ein Studio noch Negative aus der Vergangenheit besitzt, ist das besonders spannend, da diese Bilder auf eine bestimmte Gegend zurückgeführt werden können, auf die Menschen, die dort lebten und auf die Art und Weise, wie sie fotografiert werden wollten.
 
Die Fotografie kam um die Jahrhundertwende mit den Briten nach Myanmar. Was hat sich in der burmesischen Fotografie nach dem Ende der Kolonialzeit verändert?

 
Schon bei den frühen ausländischen Fotografen, ob nun Briten, Deutsche oder Italiener, gab es ja Assistenten und andere Einheimische, die in die fotografische Produktion involviert waren. Aber die Studios und die Fotowirtschaft drehten sich um die ausländischen Bedürfnisse  - nur wenige Einheimische konnten es sich leisten, fotografiert zu werden, selbst zu fotografieren oder wussten überhaupt etwas damit anzufangen. Auch wenn es in den 20er und 30er Jahren eine Vielzahl von burmesischen Studios gab, waren die Ästhetik und Wirtschaft der Fotografie doch dominiert durch die ausländischen Fotografen. Das hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg dann verändert und vor allem nach der Unabhängigkeit, als die Entwicklung der Bürokratie eine große Fotonachfrage zur Folge hatte. Die Preise für Fotografie waren außerdem erheblich gesunken und so war es immer mehr Menschen möglich, in ein Fotostudio zu gehen oder sogar selbst anzufangen zu fotografieren.
 
 
Wie zeigt sich der Einfluss der Militärdiktatur in diesen Bildern?
 
Die veränderte Regierungsstruktur nach 1962 zeigt sich vor allem in der Art wie sich der Fotojournalismus entwickelt oder eben nicht entwickelt hat. Die Auflagen für den Import von Fotomaterialien und die Nationalisierung der meisten Industriezweige (einschließlich Fotografie) führte zu einem großen Mangel an Materialien. Ab den 70er Jahren existierte in den meisten Ländern eine große Amateurfotografenszene, die jedoch in Myanmar sehr beschränkt war, da es für den normalen Nichtprofessionellen beinahe unmöglich war, an Filme, Chemikalien oder Kameras zu kommen. Illegale Importe blühten ebenfalls auf.
 
 
Heute ist Facebook ein großer Hit in Myanmar. Gibt es eine Verbindung  zwischen der Art, wie die Leute heutzutage Bilder posten und wie Fotos früher konsumiert wurden?
 
Burmese Photographers_Posierendes Mädchen © Lukas Birk Es gibt für jeden gewisse Verbindungen in die Vergangenheit. Wie wir Bilder benutzen, hängt damit zusammen wie wir Bilder wahrnehmen und alte Fotos sind überall um uns herum und beeinflussen uns. Aber die meisten jungen Facebook-User haben noch nie eine Kamera in der Hand gehalten. Das Handy ist alles in einem und dadurch fällt die ursprüngliche Form des Fotografierens weg. Das gilt jedoch für die meisten Länder, heute oder in naher Zukunft.
 
Was macht dieses Buch und die Ausstellung so einzigartig und auch noch heute relevant?
 
In die unmittelbare oder auch entferntere Vergangenheit zu schauen, mag in Myanmar gerade nicht sonderlich beliebt sein. Nach vorne zu sehen ist natürlich sehr wichtig, aber ich glaube, dass es eine Zeit geben wird, in der die Menschen ein Bedürfnis nach der Vergangenheit verspüren werden. Selbst wenn es eine Zeit ist, die einige lieber vergessen wollen. Dieses Projekt (das Myanmar Photo Archive) gibt einen Einblick in die wundervolle fotografische Geschichte dieses Landes. Etwas, das noch nie vorher versucht wurde. Und auch wenn das Projekt nicht so vollständig und umfassend ist, wie es sein sollte, so ist es doch ein Anfang und hoffentlich eine Inspiration für viele Forscher, Historiker oder Künstler zu kommen und es besser zu machen.
 
Beim Sammeln der Fotos sind dir sicher ziemlich viele kuriose und faszinierende Geschichten begegnet. Kannst du uns deine liebste erzählen?
 
Ich kann definitiv sagen, dass die Arbeit mit älteren Fotografen oder Antiquitätenhändlern, die ihr Leben lang in der Vergangenheit gegraben haben, großartige Charaktere und Geschichten mit sich bringt. Als ich 2013 mit dem Projekt begonnen habe, bin ich ein paar Tage durch Downtown gelaufen auf der Suche nach älteren Fotografen, die mir irgendetwas Interessantes aus der Vergangenheit berichten konnten. Dabei bin ich über diesen Herrn gestolpert, der Fotoapparate auf einer Straße in der Nähe der Sule Pagode reparierte – er erzählte mir die faszinierendsten Geschichten darüber, wie er in den 70er und 80er Jahren als heimlicher Fotograf für internationale Botschaften und internationale Presse gearbeitet hat, wie er niemals gefasst wurde und verantwortlich war für einige große Schlagzeilen in den westlichen Medien, aber als ich ihn dann nach seinem Namen fragte und ob er ein richtiges Interview mit mir führen würde, hat er mich beschuldigt, ihn hinter Gitter bringen zu wollen und wohl ein Spion zu sein. Er packte seine Sachen und ging. Seitdem habe ich ihn noch einige Male gesehen, da er jetzt einen kleinen Stand hat, aber entweder erinnert er sich nicht mehr an mich oder aber er ignoriert mich.