Die Goethe Villa: Neubeginn nach hundert Jahren bewegter Geschichte

Die neue Goethe Villa
©Jan Eickholt

Goethe Villa - Churchill Road Die Churchill Road 1910 | © Goethe-Institut Myanmar Die koloniale Residenz inmitten des kleinen Parks am Ende der Kabaraye Pagoda Road, die in Kolonialzeiten noch Churchill Road hieß, ist ein besonders prächtiges Beispiel für jene privaten Villen, die um 1920 in Yangon entstanden. Die Jahre am Ende des Ersten Weltkriegs waren die goldene, wirtschaftlich erfolgreichste Ära der Stadt. Yangon war damals einer der bedeutendsten Häfen des britischen Empires, über den die Reichtümer Burmas, allen voran Reis, Teak und andere begehrte Tropenhölzer in alle Welt verschifft wurden. Die kleine Zahl von durchweg ausländischen Geschäftsleuten - Europäer, Chinesen, Inder - denen dieser Boom zu schnellem Reichtum verhalf, bauten sich in den grünen, oft noch dschungelhaften Vororten von Rangun solche großzügigen Häuser. In unserem Fall war der Bauherr der Villa dem Wappen auf dem Giebel nach wohl ein Europäer. Doch schon früh in den 1920er Jahren erwarb der chinesische Kaufmann Chan Chaw Paing das Haus und versah es im Erdgeschoss mit jenen chinesischen Stilelementen, die jetzt nach der Renovierung wieder in ihrer alten Pracht erstrahlen. 

Aung San in Goethe Villa Aung San und die AFPFL bei der Arbeit in der Villa | © Goethe-Institut Myanmar Die große Wende brachte der Zweite Weltkrieg und der Angriff der Japaner auf Yangon und Britisch Burma. 1942 flohen viele der reichen ausländischen Familien Yangons zusammen mit der sich zurückziehenden britischen Armee Richtung China und Indien. So auch die Besitzer der Villa, die nun bis Ende des Krieges leer stand. Im Frühjahr 1945 erklärte General Aung San das Haus zum Büro seiner Unabhängigkeitspartei, der sog. Antifascist People‘s Freedom League (AFPL), jenem Zusammenschluss von Armee und verschiedenen linken politischen Gruppierungen.

Goethe Villa als AFPFL Zentrale Die Villa als AFPFL Zentrale. | © Goethe-Institut Myanmar Bis zur Ermordung Aung Sans im Juli 1947 wurde die Villa damit zum historischen Ort der entscheidenden Diskussionen und Tagungen, aus denen die an die Kolonialregierung gerichteten Beschlüsse und Forderungen nach vollständiger Unabhängigkeit hervorgingen. Nach der Unabhängigkeit und erst Recht nach der Spaltung der AFPFL verlor das Haus seine politische Bedeutung zugunsten des neuen Regierungssitzes im sog. Secretariat. Einige Monate kurz vor der Unabhängigkeit soll der erste Premier U Nu mit seiner Familie im hinteren Teil des Hauses gewohnt haben.

  • Die alte Villa © Christian Schink
    Die alte Villa 2016 vor dem Beginn der Renovierungen.
  • Der erste Spatenstich für die Bauarbeiten der Villa. © Maro Verli
  • Mönche segnen das Gebäude und den Beginn der Arbeiten © Maro Verli
  • Die Arbeiten beginnen... © Goethe-Institut Myanmar
  • Die Bauarbeiten sind in vollem Gange... © Maro Verli
    Die Bauarbeiten sind in vollem Gange...
  • Bauarbeiten an der Villa © Goethe-Institut Myanmar
    Bauarbeiten an der Villa
  • Das neue Auditorium entsteht © Goethe-Institut Myanmar
    Das neue Auditorium nimmt langsam Form an
  • Die Cafeteria entsteht © Goethe-Institut Myanmar
    Die Cafeteria entsteht
  • Die neue Goethe Villa ©Jan Eickholt
  • Das neue Gebäude bei Nacht © Oliver Gerhartz
    Das neue Gebäude bei Nacht
  • Die Treppe zur neuen Bibliothek © Oliver Gerhartz
    Die Treppe, die zur neuen Bibliothek hinaufführt
  • Der Eingang der Villa © Oliver Gerhartz
    Der Eingang der Villa mit der wunderschönen alten chinesischen Wand

Ein neues Kapitel begann für die Villa mit der Einrichtung der staatlichen Kunstakademie in den ersten Jahren der Diktatur General Ne Wins. Von 1967 bis 2006 fand in den großen Salons des Hauses der staatliche Kunstunterricht statt; der am längsten amtierende Direktor war der in Dresden ausgebildete Bildhauer Soe Thint. Eine ganze Reihe von heute bekannten Künstlern in Yangon begann hier ihre Laufbahn. Viele wohnten für die Zeit des Studiums in dem eigens dafür errichteten Seitentrakt, an dessen Stelle nun der große Neubau für Bibliothek und Auditorium steht. 2003 zog die Kunstakademie in den sog. Chin Chong Palast bzw. in die neuerrichtete University of Arts and Culture in South Dagon. Hin und wieder wurde danach das Gebäude noch vom staatlichen Künstlerverband für Ausstellungen genutzt.

Goethe Villa Eröffnung mit Bundespräsident Die Eröffnung der Goethe Villa 2014 mit Bundespräsident Joachim Gauck. | © Imelda Taurina Mandala Mit der politischen Öffnung unter der Reformregierung Präsident Thein Seins bekam das alte Anliegen, in Myanmar ein Goethe-Institut wieder zu eröffnen, eine Chance auf Verwirklichung. Sein Vorläufer war als erstes deutsches Kulturzentrum in Südostasien – noch vor Manila, Jakarta und Bangkok - bereits 1959 in Yangon gegründet worden, musste aber nur wenige Monate nach Ne Wins Militärputsch im Herbst 1962 bereits wieder schließen. 2012 war der Weg frei für die Verhandlungen über ein Kulturabkommen zwischen Myanmar und Deutschland, in deren Verlauf der damalige Kulturminister U Aye Myint Kyu dem Goethe-Institut die stark renovierungsbedürftige Villa als künftigen Sitz in Yangon anbot. Am 11.Februar 2014 fand auf dem Rasen vor dem Haus die feierliche Eröffnung des Instituts durch den damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck statt. Es folgten die Verhandlungen um einen langfristigen Mietvertrag, die ersten Konzerte und Kunstausstellungen des Instituts, die dem Haus den spontanen Titel „Goethe-Villa“ in der Yangoner Szene einbrachten, der Beschluss des Auswärtigen Amtes in Berlin, in die Renovierung der historischen Villa und die drei  Neubauten ringsum mehrere Millionen Euro zu investieren und die ersten Planungen durch das Berliner Architekturbüro Gerhartz. Die Bauarbeiten begannen am 01.November 2016, ausgeführt von der Yangoner Firma Tokyo Enterprise und wurden im Mai 2018 beschlossen. Entstanden ist damit eines der schönsten Goethe-Institute unter den 160 Zentren rings um die Welt.

Für die alte Villa bedeutet dies einen Neubeginn zum einen als Ort der Bildung für junge Burmesen, die sich in unseren Sprachkursen und in der neuen Bibliothek auf ein Studium in Deutschland vorbereiten möchten, und zum andern als Ort der kulturellen Begegnung und des kreativen Austauschs zwischen Künstlern aus Myanmar, Deutschland und Europa.