Eröffnung der Goethe Villa Ein offenes Haus und ein Zentrum für kulturelles Lernen

Goethe Villa - Team vor Villa
© Goethe-Institut Myanmar

Am 11. Juni eröffnete das Goethe-Institut Myanmar sein neues Gebäude. Es bietet zahlreiche Möglichkeiten für kulturellen Austausch und interaktives Lernen. Institutsleiter Franz Xaver Augustin berichtet über vergangene Schwierigkeiten und künftige Chancen, welche die Goethe-Villa mit sich bringt. 

Wie fühlen Sie sich, Herr Augustin, nach diesen Tagen der Eröffnung?

Franz Xaver Augustin © Thet Htoo Erschöpft und zutiefst dankbar!  Ersteres, weil es halt doch ein bisserl viel auf einmal war in nur wenigen Tagen: Abnahme des neuen Instituts durch den Bauherrn Auswärtiges Amt, Schlüsselübergabe mit unserem Generalsekretär  Johannes Ebert, Einzug und Einräumen (sechs 40-Fuß-Container voller Möbel und Technik), große  Musikperformance am einzigen gewitterfreien Abend der letzten drei Wochen mit circa 800 Gästen und schließlich die offizielle Einweihung mit dem Bildungsminister Myanmars, dem Gouverneur von Yangon, mit Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann, Herrn Lehmann und anderen Honoratioren mehr.

Goethe Villa - Durchschneiden des Bands © Thet Htoo Dankbar hingegen bin ich für vielerlei Dinge: Für die einmalige Chance, in den letzten vier Jahren das neue Institut in Myanmar nicht nur mit einem neuen Haus versehen, sondern ein famoses Team von mittlerweile fast 40 Kolleginnen und Kollegen zusammenbringen zu dürfen – für das wunderbare Gebäude, das uns vom Kulturministerium angeboten wurde, in welches das Auswärtige Amt mehrere Millionen Euro investiert hat – und für die Begeisterung unserer zahlreichen Eröffnungsgäste, für die große Aufmerksamkeit der Medien und für die viele Anerkennung, die wir von allen Seiten erhielten.


Was macht das neue Haus so besonders?
 
Das neue Gebäude bei Nacht © Oliver Gerhartz Die circa 100 Jahre alte Villa, die nun den Kern unseres Instituts bildet, spielte für kurze Zeit eine wichtige Rolle in der Geschichte Myanmars. Die vormals luxuriöse Residenz europäischer und chinesischer Kaufleute stand bei Kriegsende leer und wurde von Aung San im Frühjahr 1945 zum Hauptquartier seiner Unabhängigkeitsbewegung AFPL (Antifaschistische Freiheitsliga des Volkes) erklärt. Es war deshalb hier, in den Salons der alten Villa, wo die Strategie der AFPFL gegenüber der britischen Kolonialmacht diskutiert und die Grundzüge der Verfassung des künftigen freien Staates erarbeitet wurden. Später diente das Gebäude jahrzehntelang als staatliche Kunstakademie, die im Jahr 2005 auf einen Campus am Rand von Yangon zog. Goethe Villa - Obergeschoss © Beatrice Minda Im Verlauf der Verhandlungen um das Kulturabkommen zwischen unseren Ländern bot uns 2013 der Kulturminister das damals sehr heruntergekommene Gebäude als künftigen Sitz an. Vereinbart wurde ein langfristiger, preislich günstiger Mietvertrag gegen die Zusage einer gründlichen Renovierung der historischen Villa. Das Auswärtige Amt beauftragte daraufhin das Berliner Architekturbüro Gerhartz, nicht nur den Altbau herzurichten und zu modernisieren, sondern zusätzlich einen recht großen Neubau für Bibliothek und Auditorium zu errichten. Umgeben von einem kleinen Park mit alten hohen Bäumen entstand ein kleiner Komplex, zu dem auch eine Cafeteria und ein Annex mit einem Wohnstudio für Künstlerresidenzen zählen. Den Architekten gelang eine glückliche Verbindung von Alt und Neu. Die sehr behutsame und gerade deshalb so aufwändige Renovierung des historischen Bestands harmoniert mit den modernen Bauten ringsum auf ideale Weise. Die alte Villa bildet weiterhin den beherrschenden Mittelpunkt. Die neuen Teile passen sich in Form und Material – die Fassaden bestehen weitgehend aus heimischem Holz – dem Hauptbau unter und behaupten dennoch im Gesamteindruck ihren Eigenwert. Es entstand so das sehr einladende Ensemble eines Goethe-Instituts, das man wohl zu den Schönsten zählen darf, die wir weltweit haben.

  • Goethe Villa - Chinesische Wand © Beatrice Minda
  • Goethe Villa - Klassenraum © Beatrice Minda
  • Goethe Villa - Compound © Oliver Gerhartz
  • Goethe Villa - Neues Gebäude © Oliver Gerhartz
  • Goethe Villa - Bibliothek © Oliver Gerhartz
  • Goethe Villa - Foyer © Oliver Gerhartz
  • Goethe Villa - Treppe © Oliver Gerhartz
  • Goethe Villa - Cafeteria © Oliver Gerhartz
  • Goethe Villa - Schlüsselübergabe © Htoo Tay Zar
  • Goethe Villa - Anstoßen bei Schlüsselübergabe © Htoo Tay Zar
  • Goethe Villa - Buddha © Beatrice Minda
  • Goethe Villa - Mönchszeremonie © Thet Htoo
  • Goethe Villa - Mönchszeremonie © Thet Htoo
  • Eröffnung der Goethe Villa - Präsident Lehmann © Thet Htoo
  • Eröffnung der Goethe Villa - Auftritt des Chors © Thet Htoo
  • Eröffnung der Goethe Villa - Thomas Oppermann © Thet Htoo
  • Eröffnung der Goethe Villa - Jazzeinlage © Thet Htoo
  • Eröffnung der Goethe Villa - Bambusorgel © Thet Htoo
  • Eröffnung der Goethe Villa - Botschafterin, Lehmann, U Myo Thein Gyi © Thet Htoo


Welche Chancen bietet dieses neue Haus?  
 
Goethe Villa - Mönchszeremonie © Thet Htoo Nach einem halben Jahrhundert Militärdiktatur und einer geradezu systematischen Vernachlässigung von Kultur und Bildung fehlt in Yangon weitgehend eine brauchbare kulturelle Infrastruktur. Es gibt das riesige, aber sehr heruntergekommene Nationaltheater, Konzerte finden meist in den großen Hotels statt und die besseren Kinos sind im Verhältnis zur Leistung extrem teuer anzumieten. Unser Auditorium mit seinen 180 Sitzplätzen, seiner für Yangon außergewöhnlichen Saaltechnik und dem schönen Foyer wird diese Defizite nicht auf einen Schlag beheben können, doch dürfte es vor allem für Kulturprogramme kleineren und mittleren Formats bald zu einem sehr gefragten Ort werden. Der wichtigste Vorzug aber, den es bietet, ist seine Qualität als zensurfreier Raum. Unter den sich schon wieder verengenden politischen Rahmenbedingungen Myanmars ist dies von unschätzbarem Wert. Die Möglichkeiten, die sich daraus für ungehinderten Austausch und unabhängigen künstlerischen Ausdruck ergeben, liegen auf der Hand. Die Goethe-Villa – so der spontane Titel, den uns die Kulturszene der Stadt in den Monaten der ersten Nutzung vor der Renovierung zuwies – als ein denkbar offenes Haus anzubieten mit einem auch klar europäischen Profil, als Ort ziviler Debatten, als Zentrum des kulturellen Lernens und Begegnens, darin sehe ich das große Potential des neuen Instituts.

Goethe Villa - außen © Beatrice Minda Die Sprachkurse werden wir in den großen Salons der Villa unterbringen. Diese regelmäßig zu füllen, wird eine der Herausforderungen der nächsten Zeit sein. Zum einen gilt es das noch junge und kleine Kollegium von Deutschlehrenden, das sich in den ersten vier Jahren bereits auf sehr beachtliches Niveau entwickelt hat, weiter zu qualifizieren und zu vergrößern. Zum anderen wird es darauf ankommen, die Vorzüge des Studienstandorts Deutschland bei den jungen Burmesen bekannt zu machen. Im Moment dominiert hier noch eindeutig die Blickrichtung auf den angelsächsischen Raum. Doch zeichnet sich bereits jetzt ab, dass auch in Myanmar das Interesse an Deutschland wächst.


Goethe Villa - Tänzer © Thet Htoo Die geräumige und sehr originell gestaltete Bibliothek im Neubau werden wir in erster Linie auf Angebote für die Teilnehmenden an den Sprachkursen ausrichten. Von meinen Erfahrungen in Vietnam und Indonesien weiß ich, dass auch hier in Yangon den meisten jungen Menschen zu Hause kein ruhiger Arbeitsplatz zur Verfügung steht. Ich bin sicher, dies wird auch unseren Medienraum zu einem besonders attraktiven Platz machen.



Sie sprechen von den sich ändernden politischen Rahmenbedingungen in Myanmar. Wie haben sich diese in den letzten Jahren aus Ihrer Sicht verändert?  
 
Goethe Villa - Obergeschoss und Treppe © Beatrice Minda Die große Euphorie, die zunächst an die Öffnung des Landes nach 2011/12 knüpfte, ist einer deutlichen Ernüchterung gewichen.  International besonders spürbar wurde dies im Zusammenhang mit der massenhaften Vertreibung der muslimischen Minderheit der Rohingyias aus dem nördlichen Rakhine-Staat. Die viel zu hohen Erwartungen an die lange als Menschenrechtsikone verehrte Aung San Su Kyi machten nicht nur in den Weltmedien weitgehender Enttäuschung Platz. Die Probleme des Landes sind gewaltig und vielschichtiger, als man dies zu Beginn der Demokratisierung hatte wahrnehmen wollen. Vor allem die ethnischen Konflikte, von denen der an der Grenze zu Bangladesch nur einer von vielen und der international bekannteste ist, sind weit entfernt von Lösungen. Sie lähmen das Land. Vieles ist dem nach wie vor mächtigen Militär anzulasten, doch wird daneben immer deutlicher, dass auch die demokratisch gewählten Teile der Regierung ihre Spielräume, mehr Freiheiten zuzulassen, keineswegs nutzen - im Gegenteil. Auch hier sind eindeutig autoritäre und bevormundende Tendenzen immer spürbarer, vor allem im Hinblick auf die Meinungsfreiheit.

Goethe Team mit Präsident Lehmann © Goethe-Institut Myanmar Vor diesem Hintergrund hat die Eröffnung unseres neuen Hauses eine besondere Signalfunktion. Sie ist ein deutliches Zeichen unserer auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik, das gegenläufig zu den angedeuteten Entwicklungen ist. Es kommt zur rechten Zeit und richtet sich vor allem an die junge Generation, deren Bildungshunger, Neugier und Bereitschaft mit den aus der Diktatur stammenden Gepflogenheiten zu brechen, den einzigen Weg in eine bessere Zukunft des Landes weisen.