Wolfgang Bellwinkel
Myanmars Bilderwelten

Yangon Backstage
Foto: Wolfgang Bellwinkel

Die Welt aus dem Sucher einer einzigen Kamera verstehen und erklären zu wollen, wäre vermessen. Ihr einen Schritt näher zu kommen dagegen immerhin eine Lebensaufgabe. Wolfgang Bellwinkels Interesse an asiatischen Großstädten wagt es, diesen Schritt der vorsichtigen Annäherung zu gehen. In seinen großformatigen Bildern fängt er die Hülle ein, unter der sich das Leben tagtäglich abspielt. Zu sehen sind zunächst nur die Oberflächen einer pulsierenden Metropole wie Yangon. Beim zweiten Blick wird es viel mehr: Die immer gleichen und doch verschiedenen Muster dieses Lebens. Die Wunden, die die Zeit in diesen Oberflächen hinterlassen hat und die Menschen, deren Schicksale untrennbar mit dieser äußersten Hülle der Stadt verknüpft sind.
 
Yangon Backstage
Foto: Wolfgang Bellwinkel


1. Yangons ethnisch fragmentierte Gesellschaft bleibt sich fern

Ingaleik oder Englisch, Kala oder Indisch, Tayok oder Chinesisch: Diese Attribute trägt Yangon in den Augen seiner burmesischen Bewohner. Yangon ist ein Schmelztiegel für die verschiedenen Ethnien des Landes, die sich außerhalb der Stadt untereinander bekämpfen. Das Misstrauen liegt in der Luft, sei es zwischen indischstämmigen und schon immer dagewesenen Burmesen, zwischen Muslimen und Buddhisten oder in der Ablehnung von allem Fremden.
 
Yangon Backstage
Foto: Wolfgang Bellwinkel


2. Die Bewohner Yangons waren zu keiner Zeit Yangons Erbauer
 
Yangon war zu keiner Zeit in seiner hundertjährigen Geschichte bis weit in die Jahre nach der Unabhängigkeit nicht wirklich burmesisch. Es war ein Produkt der britischen und indischen Neuankömmlinge, die hier Hand anlegten – oftmals gegen die ursprünglichen Bewohner. In einer Gesellschaft, die auf dem Land lebte und arbeitete, deren ständig wechselnde Königsstädte niemals den Rang einer Metropole erreichten, muss sich Yangon wie ein Fremdkörper im eigenen Land anfühlen. Yangon hat schlicht keine Tradition, keinen Platz in den Köpfen seiner heutigen Einwohner. Yangon wird genutzt, um nicht zu sagen, verbraucht, ohne erhalten und als Lebensraum wertgeschätzt zu werden.
 
Yangon Backstage
Foto: Wolfgang Bellwinkel


3. Yangon ist ein Paradebeispiel von europäischer Hybris
 
Die britischen Kolonialherren inszenierten tiefe Gebäudeschluchten und repräsentative, weiß getünchte Außenstellen ihres westlichen Einflusses. Myanmar identifiziert sich in nichts mit diesem Mahnmal europäischen Größenwahns. Stattdessen erobern sich die Menschen ihre Stadt zurück. Das Missachten des kolonialen Erbes, und sei es nur in der Architektur, geht mit unaufhaltsamer Geschwindigkeit voran, indem scheinbar willkürlich neue Elemente auf, vor und in die alte Substanz integriert werden. Es entsteht das bunte Durcheinander, das jedes Gebot eines einheitlichen Stils in den Wind schlägt.
 
Yangon Backstage
Foto: Wolfgang Bellwinkel


4. Die burmesische Mentalität im Umgang mit Denkmalschutz: Je neuer desto besser
 
Die Fotografie Bellwinkels inszeniert die Misere des sterbenden Giganten Yangons nicht, versucht nicht, den Dreck und Lärm der Straßen zu ästhetisieren. Sichtbar wird nur, was Yangon in diesem Moment ausmacht und wie es sich verändert. Und er verurteilt nicht, dass die Menschen sich so wenig um den Kosmos scheren, den sie bewohnen.
 
Yangon Backstage
Foto: Wolfgang Bellwinkel

 
In den burmesischen Königshäusern hatte es beinahe Tradition, mit jedem neuen Herrscher eine neue Königsstadt zu gründen. Der Blick schien und scheint immer nach vorne, in die Zukunft gerichtet zu sein. Das Alte wird zurückgelassen und versinkt in Vergessenheit, während bereits das Neue entsteht. Eine neue Hauptstadt entsteht im Nirgendwo, während die alte Metropole unter ihrem eigenen Gewicht zerbröselt. In Bellwinkels Fotos wird diese Obsession mit dem Neuen greifbar.
 
Yangon Backstage
Foto: Wolfgang Bellwinkel


5. Die Vergangenheit der Metropole unter der Diktatur
 
Geduckt huschen die Gestalten durch die Ecken und Ränder von Bellwinkels Stadtporträt. Die Erinnerung an die lange Unterdrückung ist überall spürbar. Die Blicke verharren am Boden, um nicht aufzufallen und verdächtig zu wirken. Keine Motorräder mischen sich in den allgegenwärtigen Lärm, seit die Junta sie nach einem Attentat aus der Stadt verbannte. Wenig sticht heraus aus der blassen Eintönigkeit der Bilder, alles scheint pragmatisch, angepasst und diszipliniert. Bis hin zur Architektur.
 
Yangon Backstage
Foto: Wolfgang Bellwinkel


6. Jähes Erwachen: Mit Leuchtreklame in die Globalisierung
 
Wer im Jahr 2016 durch die Straßen Yangons lief, wurde den Eindruck nicht los, an etwas besonderem Teilzuhaben, etwas, das schnell verloren gehen könnte. Yangon mit seinen melancholisch zerbröckelnden Kolonialbauten verströmt eine pragmatische Ursprünglichkeit, die in jeder anderen Megastadt Südostasiens fehl am Platz wäre. Auch hier ist der Aufbruch spürbar, ohne, dass eine Richtung abzusehen wäre. Schon schieben sich die unvermeidlichen Leuchtreklameschilder internationaler Firmen vor die kolonialen Fassaden. Ganze Straßenzüge verschwinden hinter Glas und Beton oder im Schatten überdimensionaler Bauprojekte. Der Vormarsch der Globalisierung war selten so sichtbar wie hier.
 
Yangon Backstage
Foto: Wolfgang Bellwinkel


Im Jahr 2017 widmete sich der deutsche Historiker Heinz Schütte in seinem Buch „Yangon, ein historischer Versuch“ der Entstehung und dem aktuellen Fall der Metropole. Die sechs Thesen lehnen sich Schüttes Erkenntnisse über die Geschichte und Gegenwart Yangons an.
 
Yangon Backstage
Foto: Wolfgang Bellwinkel


Wolfgang Bellwinkels Bilder aus der Serie „Yangon Backstage“ sind seit der Ausstellung in der Goethe-Villa im Jahr 2016 und nun in Heinz Schüttes neuestem Buch untrennbar miteinander verbunden.
 
Yangon Backstage
Foto: Wolfgang Bellwinkel