Herlinde Koelbl
Myanmars Bilderwelten

Photolectures Herlinde Koelbl
Foto: Herlinde Koelbl

Herlinde Kölbl ist eine der meistdiskutierten Fotografinnen Europas und weltweit bekannt für ihre Bilder zu  brennenden Themen der Zeit, zuletzt den Flüchtlingsdramen im Nahen Osten und im Mittelmeer. TARGETS, eine nachdenkliche Auseinandersetzung mit dem Thema staatlicher Waffengewalt, bringt journalistische Dokumentation und hohen künstlerischen Anspruch zur Deckung:  über Jahre hinweg begleitete Koelbl verschiedenste Armeen und porträtierte nicht – wie naheliegend- die Soldatinnen und Soldaten, sondern deren Schießziele.

 
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Foto: Herlinde Koelbl

Vor über 30 Jahren entstand das „Ur-Target“, die erste Aufnahme von einem Schießziel, während einer Geschichte über die Bundeswehr, die frühmorgens im Gegenlicht einen Acker hinter den feindlichen Linien überquerte. Das von Kugeln durchsiebte Objekt mit seinen leuchtenden Einschusslöchern wurde von Anfang an zu einem Symbol für Gewalt und Tod. Vor sechs Jahren nahm die Fotografin das Thema wieder auf und verarbeitete es zu TARGETS.

 
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Foto: Herlinde Koelbl

Grundsätzlich gilt: Das Militär ist eine geschlossene Gesellschaft. Misstrauen schlägt derjenigen gegenüber, die mit der Kamera Zugang zu den SoldatInnen sucht. Zumal, da das Interesse von Koelbls Arbeit nicht den konventionellen Vorstellungen von Kriegsfotographie entspricht. Denn nicht Waffen und KämpferInnen in Aktion, sondern deren Trainingsgeräte stehen im Vordergrund. Immer alleine und mit 22 Kilo Ausrüstung auf dem Rücken hat die Fotografin „ohne mit der Wimper zu zucken“ einfach ihr Ding gemacht, „dann spielt es keine Rolle, dass Sie eine Frau sind.“

 
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Foto: Herlinde Koelbl

Heute wird auf dunkelhäutige Männer in orientalischen Kleider geschossen. Und wenn die Trainingslager der SoldatInnen immer Spiegel einer feindlichen Welt sind, weshalb baut Frankreich nach Jahrzehnten deutsch-französischer Freundschaft eine Geisterstadt mit Berliner Straße und Goethe Straße?

 
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Foto: Herlinde Koelbl

2014 erweiterte Herlinde Koelbl gemeinsam mit dem Goethe-Institut die Ausstellung um einen Besuch in der Kaserne Pyin Oo Lwin in Myanmar. Inmitten der Gemüsegärten im Hinterland Mandalays klaffen gewaltige, modernst ausgestattete Schießbahnen. Mauern und meterhohe Zäune trennen sie vom Rest des Landes und seiner Menschen. Die Scheiben in 30 Meter Entfernung der Schießstände sind die britische Variante des in den meisten ehemaligen Kolonien bis heute üblichen Bildes eines anstürmenden Gegners mit martialisch aufgerissenem  Mund und aufgepflanztem Bajonett.

 
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Foto: Herlinde Koelbl

Vor dem Schießstand bereitet eine Gruppe junger Soldatinnen das morgendliche Schießtraining vor. Zarte Gestalten in tarngefleckten Kampfanzügen, aus den Gesichtern spricht die ethnische Vielfalt Myanmars, Reste der unvermeidlichen Thanaka-Paste auf den Wangen.

 
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Foto: Herlinde Koelbl

Im Moment des Anlegens verschwindet jede Unsicherheit angesichts der fremden Beobachter. Es sind nun Soldatinnen, deren Minen angespannt, konzentriert und hart. Von den jeweils fünf abgegebenen Schüssen treffen fast alle den papierenen Gegner zwischen Kehlkopf und Stirn.

 
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Foto: Herlinde Koelbl

In persönlichen Gesprächen und Interviews fing Herlinde Koelbl das Innerste der SoldatInnen ein und gab ihren – euphorischen oder niedergeschlagenen – Stimmen einen Raum, gehört zu werden:

Es klingt schrecklich, aber man muss lernen, automatisch zu töten, um funktionieren zu können.

Als ich entschied, Soldat zu sein akzeptierte ich zu töten und getötet zu werden. Das ist Teil des Berufs.

Ich ging wegen Stolz und Ehre zur Armee. Ich wollte Teil der Geschichte meines Landes sein. Du kannst etwas für dein Land tun.


 
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Foto: Herlinde Koelbl

Die porträtierten Armeen könnten nicht unterschiedlicher sein – das gilt auch für ihre Schießziele und Truppenübungsplätze. Im arabischen Raum zielen Soldaten auf freizügig gekleidete, westliche Frauen mit losen Haaren und Revolver im Anschlag, in anderen Armeen werden abstrakte Ziele verwendet. Je höher der Verteidigungsetat, desto ausgefallener die Technik: Bewegliche, fahrende und Pop-Up-Targets gehören ebenso zum Inventar wie Hightech-Simulationssysteme, die Gefechte in Echtzeit nachstellen.

 
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Foto: Herlinde Koelbl

Ich habe mich niemals schuldig gefühlt, Menschen zu töten, die den Tod verdienen. In meinen Augen verdienen sie den Tod, weil sie der Feind sind. Ich wurde trainiert, so zu denken. Diese Worte eines Soldaten sind die zentrale Aussage der Ausstellung: Der Böse ist immer der andere, denn jeder ist der Meinung, auf der richtigen Seite zu stehen und damit die Lizenz zum Töten zu haben. Gräultaten seien immer eine Führungsschwäche, denn wenn Untergebene glauben, „dass sie ungestraft Leute ermorden können, werden sie es tun.“

 
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Foto: Herlinde Koelbl

Am Ende eines Krieges können die Trainingscamps, die wie hier in den USA ganze Städte mit Moscheen nachbilden, nur auf das Zielen, Treffen und Töten vorbereiten und nicht darüber hinaus. Einige SoldatInnen sprechen jedoch auch über das Danach:

Ich fühle mich schuldig, wenn jemand aus meiner Gruppe getötet wird. Man hinterfragt alles, was man je gemacht hat.

Im Irak richtete ein Kind eine Waffe auf uns, und wir haben es erschossen. Später bemerkten wir, dass die Waffe nicht geladen war. Dann fragst du dich: war es richtig, was du getan hast? Du versuchst diese Gedanken zu unterdrücken, aber sie kommen immer wieder zurück.


 
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Foto: Herlinde Koelbl

Während der Arbeiten zu TARGETS besuchte Herlinde Koelbl einen Soldatenfriedhof in Norddeutschland, viele Soldaten waren noch in den letzten Kriegsmonaten 1945 gefallen, viele davon noch nicht 20 Jahre alt. Auch sie waren Täter, im nahe gelegenen KZ Bergen-Belsen, in dem zehntausende Menschen ermordet wurden. Andere wiederum wurden gerettet, wiederum von einer Armee: Am 15. April 1945 wurde das Lager von britischen Soldaten befreit. In einer Welt, in der der Verzicht auf Armeen keine Option zu sein scheint, spürt Koelbl, „was Militär anrichtet, aber auch, dass es Freiheit bringen kann.“

Hat Tucholskys Satz „Soldaten sind Mörder“ uneingeschränkte Gültigkeit? Das hieße, den Krieg als schwarz-weiß zu verklären. TARGETS hingegen fällt kein Urteil, die Schießziele klagen die SoldatInnen nicht an. Denn auch Herlinde Koelbl ist sich im Klaren: Eine Welt ohne Waffen wird wohl eine Illusion bleiben.
 

Bilder und Zitate der Ausstellung TARGETS erschienen 2014 unter dem Titel Herlinde Koelbl: TARGETS als Fotobuch im Prestel Verlag

Interview mit Herlinde Koelbl