Margarethe von Trotta im Interview „Das Denken visuell umsetzen“

Barbara Sukowa als Hannah Arendt
Barbara Sukowa als Hannah Arendt | Foto (Ausschnitt): © Heimatfilm

Margarethe von Trotta spricht im Interview über ihr neues zeithistorisches Kinoprojekt zu Hannah Arendt, bei dem sie zum sechsten Mal mit Barbara Sukowa zusammenarbeitete und in drei Ländern drehte.

Nach Kinofilmen wie Rosenstraße (2003), Ich bin die Andere (2006) und zuletzt Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen (2009) sowie zwei Fernsehfilmen des Hessischen Rundfunks – einem Frankfurter Tatort (2007) und dem Kammerspiel Die Schwester (2010) –, bringt Regisseurin Margarethe von Trotta nun einen vier Jahre umfassenden Ausschnitt aus dem Leben der deutsch-jüdischen Philosophin Hannah Arendt (1906–1975) auf die Leinwand. Von Trotta verfasste das Drehbuch zu Hannah Arendt (Arbeitstitel) gemeinsam mit ihrer amerikanischen Co-Autorin Pam Katz, mit der sie schon bei Rosenstraße zusammenarbeitete.

Besetzt ist der Film in der Titelrolle mit Barbara Sukowa, die somit zum sechsten Mal unter der Regie der renommierten Regisseurin spielt. Des Weiteren standen Axel Milberg, Ulrich Noethen, Michael Degen, Julia Jentsch, Victoria von Trauttmansdorff sowie Janet McTeer und andere vor der Kamera der Französin Caroline Champetier. Das in den frühen 1960er-Jahren spielende Kammerspiel wurde vom 16. Oktober bis zum 17. Dezember 2011 an 37 Drehtagen in Nordrhein-Westfalen, in Jerusalem sowie in Luxemburg gedreht. Der Kinostart von Hannah Arendt ist für Oktober 2012 geplant.

Das Denken und das Schreiben – das machte die große Philosophin Hannah Arendt aus. Es galt also, dieses Denken filmisch umzusetzen, visuell werden zu lassen durch eine Person.

Wie kann man eine Frau im Film beschreiben, die denkt? Wie kann man ihr beim Denken zusehen? Das ist eine der Hauptaufgaben, wenn man Filme über solche geistigen Persönlichkeiten macht. Ich hatte daher darauf bestanden, dass Barbara Sukowa Hannah Arendt spielt, da sie die einzige Schauspielerin ist, bei der ich mir vorstellen konnte, dass sie mir das zeigen kann: wie jemand denkt. Oder: dass jemand denkt. Und das ist auch gelungen. Für mich war von vornherein klar, dass sie das sein muss, und ich habe sie durchsetzen müssen, denn einige der Geldgeber konnten sich das nicht vorstellen. Ich habe gesagt: Ohne sie mache ich den Film nicht. Ich hatte das ja bereits bei Rosa Luxemburg und später auch bei Hildegard von Bingen gemerkt – dass sie wirklich mitdachte, während sie etwa die politischen Reden der Rosa hielt. Und so ist es bei Hannah Arendt auch: Man muss sehen, dass sie wirklich denkt. Sie hält auch in diesem Film zwei Reden. Sie hat ja an verschiedenen Universitäten in den USA unterrichtet und hat dort natürlich Seminare abgehalten und Vorträge gehalten – philosophisch-politischen Inhalts. Dabei geht es nicht, nur abzulesen, sondern sie muss frei sprechen und beim Denken das Reden mit entwickeln. Im Film gibt es eine Sechs-Minuten-Rede, auf Englisch, und mit dem starken deutschen Akzent, den Hannah Arendt hatte. Barbara Sukowa schafft es, dass der Zuschauer mit ihr mitempfinden, mitdenken und ihren Analysen folgen kann.

Wie sahen die Vorbereitungen aus, die Kontakte zu Arendts Umfeld?

Bevor wir am Drehbuch geschrieben haben, haben wir in New York noch viele Menschen kennengelernt, die Hannah Arendt persönlich gut kannten. Etwa Lotte Köhler, ihre langjährige Mitarbeiterin und Freundin, die 2011 mit 92 Jahren gestorben ist. Oder Arendts erste Biografin, Elisabeth Young-Bruehl, die ebenfalls 2011 gestorben ist. Außerdem auch Lore Jonas, die Witwe von Hans Jonas, und Jerome Kohn, ihr letzter Assistent und Herausgeber ihrer posthumen Schriften. Das waren wichtige Begegnungen, das Fleisch, das man für ein Drehbuch über eine solche reale Person benötigt, die man selbst nicht mehr kennengelernt hat.

Wie verlief schließlich die Drehbuch-Arbeit mit Co-Autorin Pam Katz, die selbst Amerikanerin und Jüdin ist?

Das erste Drehbuch hatten wir 2004 geschrieben. Bis es zur endgültigen Finanzierung kam, dauerte es Jahre. Wir haben das Buch seither mehrfach umgeschrieben, verschlankt, das Essenzielle herausgearbeitet und versucht, kein Lehrbuch daraus zu machen, sondern etwas Lebendiges. Etwas, worin die einzelnen Personen, die zu diesem Zeitpunkt in Hannahs Leben eine Rolle gespielt haben, nicht als Staffage, sondern als wirkliche Partner innerhalb ihres Lebens beschrieben werden: ihr Ehemann Heinrich Blücher, ihr philosophischer Lehrer und Geliebter Martin Heidegger und ihre Freundin Mary McCarthy. Anfangs meinten wir, wir müssten Hannah Arendts ganzes Leben erzählen, auch die 1930er-, 1940er-Jahre. Schließlich haben wir es reduziert, auf vier Jahre, die wichtig waren, in denen nicht nur Schreiben und Denken und Diskutieren enthalten sind, sondern auch viel Leben.

Der Film spielt in der Zeit zwischen 1960 und 1964. Es sind die Eichmann-Jahre, jene Jahre der Festnahme und des Jerusalemer Prozesses gegen Adolf Eichmann, der schließlich 1962 gehängt wird. Hannah Arendt hat diesen Prozess für das US-Magazin „The New Yorker“ publizistisch begleitet. Ihre Formulierung der „Banalität des Bösen“ ist zu einem geflügelten Wort geworden, das in den allgemeinen Wortschatz eingegangen ist. Wie zeigt man Adolf Eichmann in einem Spielfilm?

Ich denke, dass ein Schauspieler das nicht leisten kann, was man bei dem echten Eichmann empfindet, wenn man ihn ansieht, ihn beobachtet. Diese Miserabilität, diese Durchschnittlichkeit, diese bürokratische Sprache – er war ja unfähig, einen normalen Satz zu sprechen. Ein Beamter. Das Erstaunen vor diesem Mann und zugleich die Abscheu, die man empfindet – das könnte man bei einem Schauspieler in dieser Form nicht haben. Daher haben wir das so gelöst, dass sie, Hannah Arendt, hauptsächlich im Presseraum sitzt – der auch wirklich existierte –, wo der Prozess damals auf Monitoren eingespielt wurde. Damit kann ich die Verwendung des historischen Schwarzweiß-Dokumentarmaterials erklären.

Ein Teil der Dreharbeiten, eben auch jener des Eichmann-Prozesses, fand in Israel statt …

Ja, es ist eine Co-Produktion mit Israel. Sehr gute Leute. Das einzig Schwierige in Israel war, dort geeignete Statisten zu finden. Die einzigen, die wir dort bekommen haben, waren alles Russen, die leider nicht so aussahen, wie wir es gebraucht hätten. Zudem sprachen sie nur Russisch. Manchmal hatten wir fünf verschiedene Sprachen am Set – ich kam mir schon vor wie beim Turmbau zu Babylon. Gerade der israelische Dreh war in dieser Beziehung sehr schwierig. Setsprache war eigentlich Englisch.

Für die Kamera bei „Hannah Arendt“ zeichnete die Französin Caroline Champetier verantwortlich, die 2011 einen französischen „Césaren“ erhielt.

Dadurch, dass es eine Co-Produktion mit Luxemburg und auch mit Frankreich ist, wusste ich, dass ich einen Kameramann oder eine Kamerafrau aus diesen Ländern nehmen sollte. Ich hatte kurz vorher den preisgekrönten Film Des Hommes et des Dieux (Von Menschen und Göttern) gesehen, der mir sehr gut gefallen hat, und habe daraufhin bei der Kamerafrau Caroline Champetier angefragt. Und sie hat zugesagt, wollte unbedingt einmal mit Barbara Sukowa einen Film drehen und meinte, dass dies ein richtiger Frauenfilm würde. Sie hat ein wunderbares Licht gemacht, wunderbare Bilder. Eine passionierte Künstlerin der Bilder. Wir haben hier auch mit der neuen digitalen Red-Kamera gedreht. So ist es der erste Film von mir, der digital gedreht wurde, und zudem wieder in CinemaScope, wie zuvor schon Vision.

Hat sich das Bild von Hannah Arendt vor, während, nach den Dreharbeiten verändert? Wer ist sie nun für Sie persönlich, nach Abschluss der Dreharbeiten?

Nun ist sie Barbara. Hannah Arendt und Barbara Sukowa sind für mich miteinander verschmolzen. Das ist für mich nicht nur Projektion, sondern plötzlich steht da jemand lebendig vor einem, aus Fleisch und Blut – mit einer eigenen Stimme, die mit der Stimme von Hannah Arendt nicht identisch ist. Es ist bei allen Unterschieden eine Annäherung. Und trotzdem ist sie es – vom Geist her, vom Intellekt her, von der Art wie sie sich bewegt und wie sie redet. Insofern handelt es sich um eine Art Verschmelzung, etwas, das bei Rosa Luxemburg auch schon geschah. Warum macht man so einen Film? Doch nicht nur, um sich in der Vergangenheit zu verlieren, sondern man muss darin auch immer etwas finden, was einen heute beschäftigen kann, was heute aufregend sein kann, von Relevanz ist. Es ist ja kein Dokumentarfilm, also darf ich auswählen. Ich mache eine Auswahl von dem, was für mich heute noch vorbildlich ist, oder widersprüchlich, oder bewegend. Ich möchte die Person natürlich auf gewisse Weise aus der Vergangenheit in die Gegenwart holen. Und ganz ähnlich wie schon bei Rosa Luxemburg suche ich mir das heraus, was mich interessiert. Eine Fremdheit wird sicherlich immer bleiben, aber wenn eine so gute Schauspielerin wie Barbara Sukowa spielt, kann man fast sicher sein, dass es gelingt, sie zu einem lebendigen, vitalen Menschen zu machen.

Hannah Arendt steht bei alledem durchaus in einer Linie mit anderen vorher behandelten Frauenfiguren …

So wie Rosa Luxemburg zu Beginn des 20. Jahrhunderts wichtig war, so wurde Hannah Arendt zu dessen Ende wichtiger. Obwohl sie bereits 1975 starb, wurde ihre wirkliche Bedeutung immer klarer, je weiter das letzte Jahrhundert fortschritt. Rosa war eine Frau, die zu Beginn des vorigen Jahrhunderts für eine gerechtere Gesellschaft gekämpft hat und dafür ihr Leben verlor. Vorher, bedingt durch ’68, hatte ich Gudrun Ensslin und ihre Schwester porträtiert, 1981 in der Bleiernen Zeit, wenn auch nicht unter ihrem Namen. Das waren Frauen, die ausbrechen aus dem, was man von ihnen erwartet. Auch sie wollten die Welt oder die sogenannten „Verhältnisse“ verändern. Auch Gudrun Ensslin hat gekämpft und hat dabei ihr Leben verloren. Innerhalb dieser politischen Beschreibung ist es immer auch das persönliche Interesse an den Menschen, das bei mir mitschwingt. Hannah Arendt ist insofern eine Frau, die in die Reihe meiner historischen Frauen passt, die ich in meinen Filmen behandelt habe. „Ich will verstehen“ lautet einer ihrer Leitsätze. Der Satz trifft für mich und meine Filme ebenso zu.