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Neue Interaktionsformen
„Die analoge in die digitale Welt holen“

Digitale Medien in Bibliotheken
Digitale Medien in Bibliotheken | Foto (Ausschnitt): © santiago silver – Fotolia.com

Wie können in Bibliotheken digitale Medien recherchiert und verfügbar gemacht werden? Ein Gespräch mit Harald Reiterer von der Universität Konstanz.

Herr Reiterer, mit welchen neuen Entwicklungen zur Vermittlung digitaler Inhalte beschäftigen sich Ihre Forschungsprojekte?

Wir sind in einer Transformationsphase, wo wir uns von der analogen stärker in die digitale Welt bewegen. In öffentlichen wie auch in wissenschaftlichen Bibliotheken stellt sich die Frage, wie wir digitale Medien in einer Qualität verfügbar machen, die Nutzer von traditionellen Freihandbibliotheken gewohnt sind. Und: Wie macht man elektronische Bücher überhaupt recherchierbar? Im Rahmen des Projekts Blended Library, das von 2011 bis 2014 durchgeführt wurde, wurde eine große Umfrage gemacht: Über die Hälfte der Befragten gaben an, dass sie auf das Stöbern am Bücherregal nicht verzichten wollen. Als ein Ergebnis unserer Forschung ist beispielsweise ein Blended Bookshelf entstanden. Es zeigt, wie die Qualitäten eines analogen Bücherregals mit den Möglichkeiten der digitalen Welt kombiniert werden können. Dabei werden die digitalen Medien mit einem visuellen, haptischen Erlebnis so zugänglich gemacht, wie das bisher nur am Bücherregal möglich war. Das Blended Bookshelf wurde bereits kommerziell weiterentwickelt.

Die Welt ist reichhaltiger als das, was der OPAC bietet

Ihr Pilotprojekt „Quellentaucher“ verbindet die digitale Recherche mit dem analogen Bestand. Wie muss man sich die Nutzung vorstellen?
 
Quellentaucher: Expedition | © HCI Konstanz via Youtube.com

Bei den Recherchequellen stehen laut unserer Umfrage die Onlinesuche und die Websuche an erster Stelle und nicht der Online-Katalog. Deshalb muss man sich neue Konzepte zur Visualisierung überlegen, die zur Demokratisierung der Zugänglichkeit beitragen. Viele OPACs, die im Bibliotheksbereich stehen, sind meiner Meinung nach eher abschreckend für den Bibliotheksbesucher. Es geht um eine Nutzbarmachung des Datenschatzes, der da im OPAC ruht. Der Quellentaucher bietet in öffentlichen Bibliotheken dazu zwei innovative Zugangsformen an: Die erste haben wir Expedition genannt. Sie bietet anhand eines großen Touchscreens ein integratives Angebot. Integrativ bedeutet, dass man sowohl analoge wie auch verschiedene digitale Quellen benutzt, nicht nur Online-Katalog und OPAC. Die Welt ist reichhaltiger, als das, was der OPAC bietet: Unser digitaler Alltag ist eingebettet in Wikipedia, Twitter, Facebook, Rezensionen und aktuelle Nachrichten. Diese Informationen kann man am elektronischen Bücherregal mit dem lokalen Bibliotheksbestand anreichern.

Prof. Dr. Harald Reiterer Prof. Dr. Harald Reiterer | © Harald Reiterer ​Die zweite Zugangsform haben wir Tiefenrausch genannt. Sie bietet dem Benutzer in spielerischer Weise die Möglichkeit, komplexe Anfragen an den OPAC zu stellen. Dazu verwenden wir physische Suchbausteine, die man als Filtersteine beziehungsweise zur Eingabe von Suchbegriffen auf einen berührungsempfindlichen Tisch stellen kann. Zusätzlich lassen sich damit implizit – und damit in einfacher Weise und ohne Hilfe einer Bibliothekarin oder eines Bibliothekars – komplexe Anfragen, etwa mit UND- beziehungsweise ODER-Verknüpfungen – formulieren. Die Ergebnisse der Anfrage werden auf einem großen berührungsempfindlichen Wanddisplay angezeigt.

Ein weiteres Pilotprojekt ist die „Blended Library“ – an wen wendet sich dieses Rechercheangebot?

Die Blended Library richtet sich im Wesentlichen an ein wissenschaftliches Publikum in einer wissenschaftlichen Bibliothek – für Seminararbeiten, Hausarbeiten und Abschlussarbeiten. Wir versuchen, den Prozess vom Recherchieren über das Exzerpieren bis zum Präsentieren zu unterstützen. Im Prinzip haben wir den Workflow der wissenschaftlichen Arbeit nachgestellt. Mit dem Integrativ Workplace haben wir ein Konzept realisiert, mit dem Sie analoge Bücher auf einen interaktiven Tisch legen und mit einem digitalen Stift Inhalte aus dem Buch auf diesen Tisch ziehen können. Sie können also die analoge Welt direkt in die digitale Welt holen.

Wie kann das konkret aussehen?
 
Blended Library | © HCI Konstanz via Youtube.com

Man kann beispielsweise eine Mindmap erstellen und eine Struktur für die Seminararbeit entwickeln. Mit kollaborativen Recherchesystemen lässt sich gemeinsam etwas erarbeiten. Vier Personen können gleichzeitig recherchieren: Suchbegriffe oder Themen werden aufgeteilt, jeder sucht in seinem Fachgebiet. Dabei ist die Kombination zwischen interaktivem Tisch und Tablet wichtig – das Tablet ist eher für die individuelle Recherche, der Tisch eher für die Kollaboration geeignet. Man spielt seine individuellen Ergebnisse vom Tablet zurück auf den Tisch, und die anderen können sie sehen. Die Ergebnisse werden abgespeichert und können dann weiterverarbeitet werden. Eine Bibliothekarin kann beispielsweise dabei helfen, zielführendere Recherchestrategien zu entwickeln. Die Idee ist, den Bibliotheken mit solchen interaktiven Tischen, mit Tablets und Software eine Infrastruktur anzubieten, die es auf normalen PCs und Laptops nicht gibt. Das verleiht einer Bibliothek eine ganz neue Qualität: Wissenschaftliches Arbeiten wird in einer Art und Weise unterstützt, wie es bisher mit den gängigen Computern nicht möglich war.

Nach dem Buch ist vor dem Buch

Werden auch partizipative Zugänge berücksichtigt?

Im Rahmen einer Masterarbeit des Studiums Computer and Information Science an der Universität Konstanz wurde der Empfehlungsautomat bibox entwickelt. Er wurde im Kontext des Projektes Quellentaucher in der Stadtbibliothek Köln erprobt, in dem neben den Rückgabeautomaten der Empfehlungsautomat aufgestellt wird. Darauf legt man ein Buch, bevor man es zurückgibt, und schreibt dann eine Empfehlung. Sie können Bewertungen vergeben zwischen einem Stern und fünf Sternen, Fragen zur emotionalen Einschätzung des Buches beantworten und einen Freihandkommentar schreiben. Als Belohnung für Ihre Empfehlung werden Ihnen zwei, vier oder sechs Bücher vorgeschlagen, die inhaltlich dem Buch ähnlich sind, das Sie gerade gelesen haben: Nach dem Buch ist vor dem Buch. Schon für ein kurzes Feedback erhält man zwei Vorschläge als Belohnung. Der Quellentaucher und der Empfehlungsautomat sind Maßnahmen, mit denen man gerade in öffentlichen Bibliotheken ‚spielen‘ kann. Die dahinterliegende Idee besteht darin, integrativ neue Zugänge anzubieten, andere Medien einzubinden, beispielsweise tagesaktuelle Nachrichten, aber auch Empfehlungen von Lesern hinzuzuziehen – ganz im Sinne der partizipativen Bibliothek.

Wo sehen Sie Ihre Pilotprojekte in Zukunft?

Hier in Konstanz bekam die Universität einen Bibliotheksneubau, der im Herbst 2015 eröffnet wurde. Mit neuen Möbeln, neuer Aufstellung, neuen Räumlichkeiten, mit Hybrid Bookshelf, der kommerziellen Version der Blended Bookshelf, als alternative Form zum Stöbern und Suchen sowie mit einem Medienlabor für Bibliotheksnutzer und Dozenten. Dort können neue Zugänglichkeitsstrategien entwickelt werden, um die digitale und die analoge Welt zusammenzubringen. Wir versuchen, für andere Bibliotheken wegweisend zu sein. Der Quellentaucher wird nun beispielsweise in der Stadtbibliothek Köln ausprobiert.
 
Harald Reiterer ist seit 1997 Professor für Mensch-Computer Interaktion im Fachbereich Informatik und Informationswissenschaft der Universität Konstanz. Von 2011 bis 2014 leitete er das Projekt Blended Library. In Kooperation mit dem Kulturministerium NRW führte er von 2013 bis 2015 zudem das Forschungsprojekt Quellentaucher durch. Pilotbibliothek ist die Stadtbibliothek Köln.

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