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Interview mit Wolfram Eilenberger
„ Das Zelt des Denkens wurde in den Zwanziger Jahren aufgeschlagen“

Wolfram Eilenberger querformatig

Dass ein Philosophiesachbuch ein Kassenerfolg wird, ist nicht gerade üblich. Dem Philosophen, Publizisten und Schriftsteller Wolfram Eilenberger ist das mit seinem 2018 erschienenen Buch „Zeit der Zauberer“ gelungen. Dieses widmet er einer Dekade, die die geistige Blütezeit vor der barbarischen Katastrophe des Zweiten Weltkriegs darstellt: 1919-1929. Eilenberger erzählt, einem Roman gleich, von der Philosophie der turbulenten Zwanziger Jahre anhand von vier sehr unterschiedlichen und eigenwilligen Helden: Walter Benjamin, Ludwig Wittgenstein, Ernst Cassirer und Martin Heidegger. Zurzeit befindet sich Wolfram Ellenberger auf einer Welttournee, da das Buch in über 20 Sprachen übersetzt wird. Auf Einladung des Goethe-Instituts Mexiko präsentierte er sein Buch auf dem HAY Literaturfestival in Querétaro. Anschließend trafen wir ihn bei einem Publikumsgespräch im Kulturzentrum Casa Tomada in Mexiko-Stadt.
 

Von Anastasia Parinow

GI: Die Zwanziger Jahre zeichnen sich durch eine einmalige geistige Kreativität aus, sei es in Wissenschaft, Architektur, Kunst oder Kultur. Es herrscht schlichtweg ein Überangebot an Ideen und Theorien. Warum also genau diese vier Philosophen?

Wolfram Eilenberger: Weil die vier Zauberer meines Buches die Gründungsgestalten der bis heute wichtigsten Denkschulen innerhalb der populären, wie auch akademischen Philosophie sind. Man kann sagen, dass das Zelt des Denkens in den Zwanziger Jahren von diesen vier neu aufgeschlagen wurde. Das kann man daran sehen, dass Wittgenstein der Gründungsvater der analytischen Philosophie und Benjamin der Urvater der kritischen Theorie und Frankfurter Schule ist. Cassirer prägte maßgeblich die Kulturwissenschaft. Und Heidegger ist der Impulsgeber für gleich drei große philosophische Schulen: Die Hermeneutik, von seinem Schüler Hans-Georg Gadamer begründet, den Existenzialismus französischer Prägung und in gewisser Weise auch die Destabilisierung, die durch die Dekonstruktion Jaques Derridas eingetreten ist.  Das heißt also, in diesem Jahrzehnt sind neue Impulse gegeben worden, die das 20. Jahrhundert als philosophisches Jahrhundert entscheidend geprägt haben. Weil es sich um ein narratives Sachbuch handelt, war bei meiner Auswahl natürlich auch entscheidend, dass die Typen nicht identisch sind, dass sie verschiedene Ideen und Formen von Philosophie verkörpern. Und das kann man bei den vieren ganz gut sehen: Wittgenstein war ein spirituell Suchender, Heidegger eher ein ländlich verankerter Denker des Todes und der Angst (zunächst), Cassirer ein großbürgerlicher, weltoffener Bildungsdenker und Benjamin war das, was man heute in Berlin das Prekariat nennt, ein freischaffender Journalist. Wenn man heute in Berlin durch die Straßen geht, kann man fast an jeder Ecke einen Walter Benjamin beobachten…

GI: …der „irgendwas mit Medien“ macht. In ihren Ansichten und ihrer Methodik sehr unterschiedlich, verbindet alle vier die Sprache – inwiefern?

Wolfram Eilenberger: Das Buch geht von einer These aus, die vielleicht nicht selbstverständlich ist, weil man die vier Philosophen noch nicht gemeinsam betrachtet hat. Ich gehe davon aus, dass diese Gründungsväter von Denkschulen, die sich heutzutage nahezu bekriegen, alle am selben Problem gearbeitet haben. Nämlich was den Menschen als kulturelles Wesen ausmacht. Die Antwort, die sie alle auf unterschiedliche Weise geben, ist identisch: Die Sprache. Die Sprache ist der Grund und das Fundament unserer Lebensform. Menschen reden. Wir sind sprechende Wesen. So wird also die Sprache selbst zum Zentrum dessen, was der Mensch sein soll. Es bildet sich eine Art philosophische Anthropologie, die linguistisch geprägt ist. Das nennt man den linguistic turn. Man kann tatsächlich sagen, dass die Philosophie des 20. Jahrhunderts methodisch von dem linguistic turn geprägt wurde, ganz einfach auch deshalb, weil Philosophie als Tätigkeit nichts anderes als Sprechen ist. Man kann Philosophie nicht gut malen, tanzen oder hüpfen. Wer philosophiert, spricht. So wird das Medium der eigenen Tätigkeit der Philosophie zum Thema und das ist eine recht starke Veränderung in der Theoriekonstellation, die das 20. Jahrhundert geprägt hat und die von diesen vier Zauberern auf eine beeindruckende Weise verkörpert und herausgearbeitet wurde.

GI: In der Kulturwissenschaft werden die Zwanziger meist als die Hinwendung zur Oberfläche und Materiellem diskutiert. Bilder und Sehen geraten durch Film und die neuen visuellen Medien in den Fokus des Diskurses. Warum liegt also der Fokus auf der Sprache? Warum wähltest du nicht Denker wie Kracauer oder Plessner?

Wolfram Eilenberger: Daran sieht man nur, wie reich die Zeit der Zwanziger ist. Man hätte ein Buch über Plessner, Kracauer, Schmitt, Husserl schreiben können, das wären auch vier Zauberer gewesen. Also musste eine konkrete Entscheidung getroffen werden. Die Selektion hat sich nach der Wirkmächtigkeit gerichtet, denn wenn man die einschlägigen Zitationsindexe durchgeht, dann sind die zwei meistzitierten Denker des 20. Jahrhunderts Wittgenstein und Heidegger. Danach kommt Benjamin. Sein Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“, 1935 veröffentlicht, war noch vor zehn Jahren der meistzitierte Aufsatz gewesen. Insofern kann man sagen, dass sie auch im Ausland sehr stark rezipiert wurden. Ein Buch über Plessner und Kracauer hätte kaum jemanden interessiert, weil es relativ betrachtet deutsche Innenphänomene geblieben sind, während diese vier – gut, Cassirer ist noch ein anderer Fall – diese drei mehr als nur deutschsprachige Philosophen sind, sondern globale Ikonen des Denkens, jeder auf seine Art und Weise. Der iconic turn folgte auf den linguistic turn. Unter anderen wäre Aby Warburg ein gutes Beispiel dafür, dass die Zwanziger Jahre im Zeichen von Bildern und Symbolen standen. Man könnte sagen, dass es eine Semiotisierung gab, also dass ursprünglich die Sprache das symbolische Medium war, welches sich dann sehr schnell auf das Bild aufgrund des Kinos und neuer Medien verteilte. Was mir noch wichtiger ist, als die Hinwendung zur Sprache, ist, dass es metaphysische Denker sind. Du sprachst von der Oberfläche, dem Materiellen und Greifbaren. Womit sich aber diese vier Denker herumschlagen, ist das Unsagbare, das, was sich jenseits der Sprache befindet, als das eigentliche Zentrum unseres Daseins. Aus einer kulturwissenschaftlichen Perspektive auf die Zwanziger Jahre heraus setzt das Buch vielleicht einen Akzent, der erstmal überraschend wirkt, aber drei von ihnen waren antimoderne und metaphysische Denker. Das macht sie aus meiner Sicht groß. Ich glaube, dass man die Zwanziger als Zeitraum der Wiederentdeckung des Metaphysischen im Medium der Sprache nennen könnte.

GI:  Wie bereits erwähnt ist Cassirer eine Ausnahmefigur, zum einen weil er der „Normalste“ von allen ist, als Romanheld gibt er narrativ nicht viel her und ist für die Handlung nicht so tragend wie die anderen mit ihren Krisen. Zum anderen auch, weil er weder im In-, noch im Ausland besonders breit rezipiert wird. Wie konnte ein so moderner Philosoph, der aufgrund seines kosmopolitischen Denkens für die heutige globalisierte Gesellschaft ziemlich anschlussfähig ist, dermaßen in Vergessenheit geraten?

Wolfram Eilenberger: Ja, man kann schon sagen, dass Ernst Cassirer der vergessene Riese der Zwanziger Jahre ist. Rezeptionslinien sind nie gradlinig und vollständig vernünftig. Bei Cassirer liegt es daran, dass er als Jude mit seinen Schülern Deutschland 1933 verlassen musste. Viele der besten Schüler haben sich geweigert, nach dem Krieg zurückzukehren, weil sie glaubten, dass die Philosophie institutionell weiterhin von den Nationalsozialisten durchdrungen ist. Das hat zu einem Abbruch des Rezeptions- und somit auch des Traditionsgeschehens geführt. Außerdem starb Cassirer 1941 und konnte keinen Einfluss mehr auf sein Werk nehmen - anders als Wittgenstein, anders als Heidegger, anders als die Frankfurter Schule, die sich sehr um die Rezeption Benjamins bemüht hat. Wenn du sagst, er sei der langweiligste und narrativ unergiebigste, steckt da etwas Wichtiges drin: Ich wollte unbedingt den Eindruck vermeiden, dass man ein extremer Charakter sein muss und ein extremes Leben führen muss, um gut philosophieren zu können. Cassirer ist der Gesunde im Bunde und der einzige, der das Versprechen der Philosophie existenziell einlöst: die Bewältigung des Alltags in Klarheit und Produktivität. Wenn man so eine große Begabung hat wie diese Menschen, dann ist es sehr leicht, dass einem das Leben schwer fällt, dass man sonderbar wird, umgangssprachlich gesprochen ein fuckup. Aber wie schwierig ist es mit diesen Fähigkeiten jeden Tag neu und in guter Regelmäßigkeit kreativ zu leben? Insofern ist Ernst Cassirer für mich der eigentliche Held. Aber es ist eben so, wie Tolstoi das bei „Anna Karenina“ sagt: „Alle glücklichen Familien gleichen einander“ - sie sind langweilig, über sie gibt’s nichts zu erzählen. Bei Cassirer trifft es wohl auch zu.

GI: Die anderen drei sind äußerst unglücklich, gerade dadurch aber sehr produktiv. So wie die Weimarer Republik: Die Zwanziger waren ein Jahrzehnt der Krise, ob Inflation, Ruhrbesetzung oder Kämpfe zwischen Rechts und Links. Warum ist der Modus der Krise so förderlich und fruchtbar für kulturelle Schaffensprozesse?

Wolfram Eilenberger: Die Frage nach dem Sinn stellt sich, wenn er nicht mehr da ist. Es gibt dieses fantastisch eindrückliche Zitat von Wittgenstein: „Ein philosophisches Problem hat die Form: »Ich kenne mich nicht aus«“. Ich habe mich in einer verwinkelten Stadt verlaufen - das ist die Krise. Ein Orientierungsverlust im Gewöhnlichen, im Alltag. Wenn einem alles verständlich und zugänglich ist, dann kommt man nicht ins Fragen. Eine gewisse Form von Störung im Wirklichkeitsbefinden ist immer der Ausgang der Philosophie. 1919 war das ein Gefühl, das die ganze Nation teilte: Wir schauen gemeinsam in den Abgrund. Es gibt verschiedene Formen, diese Krise zu sehen: Es war eine wirtschaftliche und eine politische Krise, eine Krise der Philosophie als Disziplin. Aber mehr als alles andere war es eine lebensweltliche Krise, eine Krise des Sinnempfindens in der Wirklichkeit, der man gestellt war. Schwere Form der Zerstörung ist immer ein Anfang und man wird sehr wenige Philosophen finden – Cassirer ist da eine Ausnahme - die nicht in irgendeiner Form Traumatisierungen in ihrem Werdensprozess erlebt haben, die sie dann dazu bringen, die Energie und die Libido aufzubringen, um diesen Fragen stärker nachzugehen, als andere.

GI: Macht sie das zu Zauberern? Bei Zauberern denke ich eher an Scharlatane, an das Böse und Dunkle. Eigentlich das Gegenteil von Philosophie. Ein bekannter Zauberer der deutschen Literatur ist Cipolla aus Thomas Manns „Mario und der Zauberer“ - von da aus ist der Weg zu Heidegger nicht weit.

Wolfram Eilenberger: Wenn man überlegt, was das Wort „Zauberer“ in der deutschen Geistesgeschichte bedeutet, findet man sehr schöne Dinge: „Die Zauberflöte“ von Mozart, „Den Zauberlehrling“ von Goethe, „Den Zauberberg“ von Thomas Mann – das ist sozusagen die Triade, die das Zaubern verankert hat. „Der Zauberberg“ spielt für die Konstruktion meines Buches eine große Rolle, da die Disputation zwischen Cassirer und Heidegger in einem Davoser Grand Hotel stattfindet, welches ununterscheidbar von dem bei Thomas Mann beschriebenen Hotel ist. Aber natürlich hast du recht, ich würde auch immer sagen: Die Philosophie sollte eigentlich nicht zaubern. Aber was die vier tun, das hat etwas von einer Wirklichkeitserneuerung. Die Art und Weise, wie sie die Welt beschreiben, lässt uns längst Bekanntes völlig neu erscheinen. Wenn man Heidegger gelesen hat, hämmert man halt ganz anders - das lässt einen nicht unbeeindruckt (lacht). Wenn man Benjamin gelesen hat, läuft man anders durch Berlin. Und wenn man Wittgenstein gelesen hat, dann denkt man anders über einen Satz nach und was ihn ausmacht. Unsere Wirklichkeitswahrnehmung wird also auf ganz grundlegende Weise erneuert. Und das ist eine Form von Zauberei, die sowohl für Philosophie, als auch Literatur, ganz typisch ist. Natürlich waren es auch extreme Charismatiker, die in der Lage waren, Menschen wie durch einen Bann an sich zu binden. Manchmal ist es gute Zauberei, aber im Falle Heideggers sieht man die Ambivalenz des Phänomens.

GI: Bleiben wir beim bösen Zauberer Heidegger. Auch wenn das Buch seine schleichende Öffnung zum Nationalsozialismus hin aufzeigen und erklären möchte, fällt es mir dennoch schwer, das zu begreifen: Wie kann man sich als ein genialer Querdenker von etwas dermaßen Platten und Bösen vereinnahmen lassen?

Wolfram Eilenberger: Ich glaube, das, was Heidegger daran interessierte, war die Energie und der Aufbruch, der durch diese Bewegung ermöglicht wurde. Rein instinkthaft glaubte er, dass Motive verfolgt wurden, die den seinen - wenn man sie denn in die richtige Bahn lenken würde - ähnlich sein könnten. Einerseits sah man sich vom Kommunismus bedroht, und andererseits von dem, was man heute Neoliberalismus nennen würde und damals amerikanische Zivilisation hieß. Man machte den Unterschied zwischen deutscher Kultur und amerikanischer Zivilisation. Man glaubte, dass die deutsche Kultur und Sprache eine besondere seinsgeschichtliche Mission haben, welche die Deutschen von den Griechen, einer Fackel gleich, überreicht bekommen haben. Poeten wie Friedrich Hölderlin und Stefan George kultivierten dieses Gefühl: Es geht um mehr, als nur um ein Volk, es geht um die Mission, das Sein selbst zu retten. Das sprach Heidegger sehr an. In dem Moment, als diese Bewegung anfangs mit sehr viel Energie die Probleme der Republik scheinbar zu lösen begann, war er als kleiner, gemeiner, karrieristischer Mensch genug davon angetan, um sich einbilden zu können, als Denker an die Spitze dieser Bewegung treten zu können. Es wurde ihm aber schnell klar - bereits 1934 - dass der Nationalsozialismus eigentlich eine noch viel schlimmere Verheerung des Seins ist, als der Kommunismus, oder die amerikanische Zivilisation. Es gab eine Art Erwachen, der Rückzug passierte dann auch recht schnell. Was aber nie folgte, war die Entschuldigung und das Eingeständnis des Irrtums. Das kann man sehr bedauern, aber man kann sagen, dass das mit Heideggers Selbstverständnis zu tun hat: Denken ist immer etwas Riskantes, das auch ein Risiko des Fehlers birgt, und einem Denker steht es nicht zu, sich für diesen Fehler zu entschuldigen.

GI: Wo bleiben denn die Zauberinnen in dem Buch? Die Frau tritt entweder als Inspirationsquelle und femme fatale auf, oder als die Hausfrau, die den Alltag meistern muss. Die vier Männer sind zwar die großen Zauberer, verdanken jedoch einiges den Frauen in ihrem Leben, die sie inspirieren und die ihnen den Rücken freihalten.

Wolfram Eilenberger: Ja, es waren relativ klassische Geschlechterrollenaufteilungen und die Frauenrollen reichten von der Geliebten bis zur Mutter. Man muss aber auch sagen, dass einige von ihnen recht progressive Ehen geführt haben, nach heutigem Standard fast schon polyamorös. Aber Tatsache ist, dass es ein sehr männlicher Ansatz ist: Vier Männer stehen im Zentrum. Es ist nicht leicht, auch nur eine Frau zu finden, die in der Geschichte der Philosophie der Zwanziger Jahre eine annähernd ähnliche Bedeutung entwickelt hätte. Sodass man sich fragen muss, wem man einen Gefallen tut, wenn man noch eine Frau einbindet, die neben diesen vier Männern - aus verschiedensten Gründen, die nichts mit Intelligenz und Begabung zu tun haben - nicht standhalten könnte. Die Zwanziger sind das letzte männlich geprägte Jahrzehnt der Philosophie, ab den 1930ern ändert sich das dramatisch, auch durch die Absenz der Männer im Krieg. Ich weiß nicht, wie ich eine konzentrierte Geschichte der Philosophie der Zwanziger Jahre mit Frauen hätte schreiben können. Jetzt kann man sagen: Es gibt bereits wahnsinnig viele Bücher, in denen Männer als Genies gefeiert werden - braucht man wirklich noch eins? Diesen Vorwurf muss ich mir gefallen lassen.

GI: Wäre Rosa Luxemburg, vorausgesetzt sie wäre 1919 nicht ermordet worden, eine Zauberin gewesen?

Wolfram Eilenberger: Ja, wobei natürlich Rosa Luxemburg, die ein fantastisches Talent hatte, in erster Linie aus dem Verständnis ihrer Philosophie heraus Aktivistin war. 1919 schwimmt sie im Landwehrkanal. Das wäre sicher so eine Person gewesen. Auch Edith Stein ist eine Frau, die bereits in den Zwanzigern sehr innovativ und nicht ausreichend anerkannt für und mit Edmund Husserl arbeitet. Aber wenn man die Wirkungsgeschichte betrachtet, die natürlich damit zu tun hat, dass sie Frauen waren, dann ist das kein Vergleich zu meinen vier Philosophen. Ein derartiges Buch wäre eigentlich ein Buch über die unterdrückten Anfänge und Impulse von Genies. Das wollte ich nicht schreiben und ich wüsste auch nicht genau, wie so ein Buch aussehen sollte - aber ich würde es wahnsinnig gerne lesen (lacht).

GI: Das Buch endet mit einem großen historischen Ereignis der Philosophiegeschichte. Bei der Disputation von Davos 1929 treten, verkörpert von Heidegger und Cassirer, auch zwei Weltanschauungen gegeneinander an: Kosmopolitismus vs. Nationalismus. Diese Themen sind in Anbetracht des weltweit boomenden Populismus wichtiger und aktueller denn je. Damals hat Heidegger gewonnen, weil er jung und radikal neben dem alten Professor Cassirer wirkte. Wie würde so eine Disputation heute ausgehen?

Wolfram Eilenberger: Mit Prognosen würde ich mich gerne zurückhalten. Aber natürlich sehe ich das Buch als eine Art Impfung für unsere Zeit. Wenn man die Davoser Disputation und das Kräfteverhältnis, das die Disputation bedingt, näher betrachtet - das war kosmopolitische Öffnung vs. Verantwortung, Besiegen der Angst vs. Hineingehen in die Angst, Radikalität des Neunfangs vs. Betonen einer zivilisierenden Kontinuität - dann sind das Denkmotive, die jede Kultur zu jedem Zeitpunkt bedingen. Nur hatten die Zwanziger Jahre eben eine besonders kritische Spannung. Und ja, das sind die gleichen Kraftfelder, in denen wir uns heute weitgehend politisch wiederfinden. Die Stimme der kosmopolitischen Mäßigung ist an sich für viele Menschen weniger sexy und mitreißend, das führt vielleicht auf die Frage zurück, was Cassirer so langweilig macht. Vielleicht steckt eben in dieser vermeintlichen Langeweile eine Größe, die wir immer mit großer Anstrengung neu entdecken müssen. Es ist nicht sonderlich schwer, in Heidegger das Große zu sehen. Aber es ist dann ebenfalls nicht schwer zu sehen, welche dunklen Energien mit dieser Größe frei werden.

GI: Wo bleibt die große Philosophie mit Wirklichkeitserneuerungseffekt? Die deutsche Philosophie endet in den Siebzigern. Auch weltweit passiert nicht viel. Was ist da los?

Wolfram Eilenberger: Es herrscht eine Zeit der Stagnation und Ratlosigkeit. Auch eine Zeit der großen institutionellen Traurigkeit, weil es innerhalb der Philosophie ein starkes Bewusstsein dafür gibt, wie stark man derzeit stagniert und dass diese Stagnation weder mit finanziellen, noch mit betrieblichen Voraussetzungen zu tun hat. Es ist genug Geld da. Es fehlt an nichts – nur an Ideen. Das ist das, was alle bedrückt. Die Kernvermutung, die ich habe, ist, dass es sehr viel mit der industriellen Produktion von wissenschaftlichen Artikeln von 20 Seiten zu tun hat und der Verwissenschaftlichung der Philosophie im Sinne einer Erfüllung von naturwissenschaftlichen Standards. Mit diesen 20-seitigen Artikeln wird eine fanatische Verengung von Genren und Sprachweisen gepflegt, die in jeder Hinsicht für den Impuls und die Libido des Philosophierens, mit der viele junge Menschen an die Uni kommen, eher abtötend ist. Die Studierenden werden auf Pfade geschickt, die es schon gibt, und nicht auf diejenigen, die es zu erschließen gäbe. Insofern glaube ich, dass die Akademisierung der Philosophie und ihre publikationstechnische Industrialisierung die Hauptfeinde dessen sind, was man Denken nennen könnte. Und wenn es Schritte in eine neue Richtung gibt, die es wahrscheinlich sehr bald geben wird, dann glaube ich, werden sie von außerhalb der Akademie im engeren Sinne kommen. Von Menschen, die den Mut, die Möglichkeiten und die Fähigkeiten haben, diese Pfade zu verlassen.

Zeit der Zauberer, Wolfram Eilenberger, 2018, Klett-Cotta, 431 Seiten, 25,00 €.
 

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