Was ist Realität? Wirklicher als die Wirklichkeit

Was ist Realität? Keine leichte Frage in Zeiten von virtuellen Welten und alternativen Wahrheiten.
Was ist Realität? Keine leichte Frage in Zeiten von virtuellen Welten und alternativen Wahrheiten. | © Photo (détail): Colourbox

Wie kann und sollte Wirklichkeit definiert sein in Zeiten von virtuellen und alternativen Realitäten, von VR-Brillen und Fake News?

Was gibt es? Was existiert? Was ist real? Diese Fragen scheinen auf den ersten Blick einfach zu beantworten. Real ist das, was ich anfassen und wahrnehmen kann. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass es sich mit der Frage nach der Realität viel komplizierter verhält. Ist das, was ich wahrnehme, auch gleichzeitig die Realität, oder nur ein gefühltes, subjektives Phänomen? 

Der gesellschaftliche Konsens

Ein weit verbreitetes Konzept von Realität geht davon aus, dass es eine materielle Wirklichkeit gibt, die über die Sinne wahrgenommen und durch Vorstellungen und Sprache abgebildet werden kann. Auf dieses Wirklichkeitskonzept beziehen wir uns meist, wenn wir im Alltag über Realität sprechen: Realität ist das, was beobachtet und gemessen werden kann, was durch faktisch belegbares Wissen zum Ausdruck gebracht wird, was als objektive Außenwelt existiert und nicht beliebig ausfallen kann. Zwar wird in philosophischen Theorien wie etwa dem Skeptizismus die Existenz einer materiellen Außenwelt in Frage gestellt – schließlich könnte man ja permanent träumen, es gäbe so etwas wie Realität. Jenseits derartiger Gedankenspiele ist das gängige Verständnis dennoch dies, dass eine reale Welt existiert, und dass es wahres Wissen oder wahre Sätze gibt, die mit dieser Welt essenziell übereinstimmen.
 
Es gibt also im Alltag durchaus eine grobe Übereinkunft darüber, was Realität sein könnte. Haben wir damit bereits eine Definition von Realität gefunden? Keineswegs. Zwei Phänomene haben in den vergangenen Jahren neue Fragen aufgeworfen, die unser alltägliches Verständnis von Wirklichkeit an seine Grenzen bringen: Zum einen gibt es nun die virtuelle Realität. Technologische Entwicklungen ermöglichen es, digitale Wirklichkeiten so zu simulieren, dass wir sie so real wie die nicht-virtuelle Welt erleben können. Eine ganz andere, gesellschaftlich höchst brisante Entwicklung ist die Verbreitung von sogenannten Fake News, die zwar auf Fiktionen beruhen, medial aber neue Wirklichkeiten kreieren. 

Beide Phänomene zeigen auf der einen Seite, dass es nicht die eine objektive Realität, sondern auch beliebige virtuelle, medial verzerrte oder fiktive Realitäten gibt. Diese werden möglicherweise dennoch für wahr oder faktisch existent gehalten. Was sagen uns beide Phänomene über Realität, und wie sollten wir virtuelle oder fiktive Realitäten einordnen?

Wirklicher als die Wirklichkeit: Virtuelle Realität

Die virtuelle Realität (VR) und ihre Technologie ist seit ihrer Entwicklung verstärkt auch Gegenstand philosophischer Überlegungen geworden. Dabei geht es primär um die Frage, was es eigentlich bedeutet, dass Realität virtuell ist. Mit dem Adjektiv virtuell soll typischerweise eine künstliche, nicht-reale Realität beschrieben werden. Diese virtuelle Realität hat lediglich den Status einer ergänzenden Repräsentation von Realität. Was virtuell ist, ist vermeintlich nicht real, sondern eine Simulation oder ein Modell von Realität. 
Die virtuelle Realität gleicht sich auf sensorischer und visueller Ebene immer weiter der natürlichen Realität an – und ist damit gleichermaßen real erlebbar. Die virtuelle Realität gleicht sich auf sensorischer und visueller Ebene immer weiter der natürlichen Realität an – und ist damit gleichermaßen real erlebbar. | Foto: © Adobe Die sich ständig verbessernde VR-Hardware, darunter insbesondere Datenbrillen, haben jedoch auch die Frage aufgeworfen, ob virtuelle und nicht-virtuelle Realität eines Tages möglicherweise ununterscheidbar werden. Dies würde bedeuten, dass die virtuelle Realität nicht mehr als eine Art oppositionäre, zweite Realität wahrgenommen würde. Es gäbe keine klare Zweiteilung zwischen virtueller und nicht-virtueller Realität mehr, vielmehr würde es Sinn ergeben, zwischen verschiedenen Modi von Realität zu unterscheiden. Dies entspricht in etwa den Überzeugungen der Erkenntnistheorie und der Kognitionswissenschaften. Hier gilt Realität als etwas Konstruiertes, das weder objektiv wahrnehmbar noch durch Tatsachenbehauptungen zum Ausdruck gebracht werden kann. Kurz: Realität ist, was der Einzelne daraus machst. Das bedeutet wiederum, dass es nicht mehr nur eine Vorstellung von Realität gibt, sondern viele.

Faktisch ist die Idee der Ununterscheidbarkeit zwischen nicht-virtueller und virtueller Realität noch ein bloßes Gedankenspiel, dessen technische Realisierung rein spekulativ ist. Jeremy Bailenson, einer der bekanntesten Forscher auf dem Gebiet der virtuellen Realität, geht dennoch davon aus, dass bereits in zehn bis zwanzig Jahren die visuelle Differenzierung zwischen virtueller und nicht-virtueller Realität kaum noch möglich sein wird. Auch der VR-Forscher Michael Heim spricht vom „Paradox der Virtualität“: Demzufolge ergibt der Ausdruck „virtuelle Realität“ auf einer sensorischen Ebene umso weniger Sinn, je mehr sich diese der natürlichen Realität angleicht. 

Eine ernstzunehmende Debatte darüber, ob das, was als real benannt werden soll, beliebig ist, haben VR-Technologien bisher dennoch nicht ausgelöst. In diesem Kontext gerät vielmehr ein anderes Phänomen in den Blick: Fake News.

Gefälschte Realitäten: Fake News

In Anbetracht von Fake News, alternativen Fakten, Verschwörungstheorien und anderen verzerrten Medieninhalten erlangt die Idee einer Pluralität oder gar Relativität verschiedener Wirklichkeitsbezüge eine eher problematische Rolle. Fehlt ein gemeinsam geteiltes, grundlegendes Wirklichkeitsverständnis, werden demokratische Aushandlungsprozesse dysfunktional. 

Über das Internet haben wir Zugang zu mehr Informationen als je zuvor, die sehr unterschiedliche Welten beschreiben. Fake News beruhen zwar auf Fiktion, kreieren aber medial neue Wirklichkeiten. Über das Internet haben wir Zugang zu mehr Informationen als je zuvor, die sehr unterschiedliche Welten beschreiben. Fake News beruhen zwar auf Fiktion, kreieren aber medial neue Wirklichkeiten. | Foto: © Adobe Interessant ist an dieser Stelle der Umstand, dass innerhalb der Geisteswissenschaften, darunter insbesondere der Medienethik, lange die These vertreten wurde, dass es in fortschrittlichen Gesellschaften gerade einer Pluralität an Wirklichkeitskonstruktionen und Wirklichkeitsentwürfen bedürfe. Demnach lebten Demokratien, wie der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen noch 2014 schrieb, von alternativen und konkurrierenden Wirklichkeitsentwürfen, welche nicht verabsolutiert werden dürften. Dogmatische Wirklichkeitsauffassungen sollten ihm zufolge abgelehnt werden. 

Heutzutage ist die Aufforderung, die Pluralität der Realitätsentwürfe zu steigern, medial realisiert worden – und die Folgen des Relativismus zersetzen weltweit die Errungenschaften demokratisch verfasster Staaten. Verzerrte, falsche oder ideologisch verdrehte Nachrichten, die über Messenger, Groups oder automatisiert durch Bots und Personalisierungsalgorithmen verbreitet werden, werden millionenfach abgerufen und gelesen. 

Bei Diskussionen um Fake News erlangt die alte philosophische Idee einer tatsächlichen, eigentlichen Realität, die lediglich angemessen erkannt werden muss, um Fakt von Fiktion trennen zu können, wieder an Relevanz. Allein schon die Bezeichnung Fake News belegt eine Perspektive, aus der vermeintlich objektiv erkannt werden will, wie es um die Tatsachen bestellt ist. 

In Demokratien bedarf es grundlegender, geteilter Wahrheiten

Freilich ist auf der einen Seite eine dogmatische und autoritäre Festsetzung dessen, was als Realität zu gelten hat, als problematisch zu erachten. Auf der anderen Seite jedoch resultieren aus einem Wirklichkeitsrelativismus regellos geführte und unproduktive Konflikte. Um Demokratien weiterhin schützen zu können, bedarf es der Wiedergewinnung einer gewissen Menge grundlegender, geteilter Wahrheiten, an denen Diskussionen ansetzen können. Hier sollte ein angemessener Mittelweg gefunden werden; mit einer neuen Medienkompetenzbildung, mit der Adaption gewisser journalistischer Ideale bei der Produktion von Inhalten im Social Web, mit einer stärkeren Autorität wissenschaftlich gewonnener Erkenntnisse sowie mit modifizierten Algorithmen. 
Demokratien beruhen auf Debatten. Ohne eine grundlegende gesellschaftliche Übereinkunft über Wahrheit und Fiktion werden demokratische Aushandlungsprozesse dysfunktional. Demokratien beruhen auf Debatten. Ohne eine grundlegende gesellschaftliche Übereinkunft über Wahrheit und Fiktion werden demokratische Aushandlungsprozesse dysfunktional. | Foto: © Adobe Wie so häufig ist die Antwort also weder schwarz noch weiß: Menschen leben weder – wie im Film Matrix dargestellt – ahnungslos in verschiedenen virtuellen Realitätssimulationen, noch können sie qua Sprache oder Beobachtung eindeutig auf eine objektive Realität zugreifen. Stattdessen bedarf es eines pragmatischen Ansatzes, in welchem zwei fundamentale Sachverhalte anerkannt werden: Erstens, dass Wirklichkeit gesellschaftlich konstruiert ist. Und zweitens, dass es dennoch nicht völlig beliebig sein darf, was Wahrheit und was Fiktion sind. Anders als relativistischen Positionen postulieren, braucht es einen gewissen Bestand kollektiv geteilter Auffassungen über das, was wirklich und real ist.