Kurzfilm Programm
1968 – Rote Fahnen für alle

Farbtest Rote Fahne Gerd Conradt,1968, 13‘ Deutsche Kinemathek, Berlin
Programmhinweise Christiane Gehner, 1970, 10‘ Kurzfilmagentur, Hamburg
Fundevogel Claudia von Alemann, 1967, 20‘ Deutsche Kinemathek, Berlin
Alaska Dore O, 1967, 20’ Deutsche Kinemathek, Berlin
My Name is Oona Gunvor Nelson, 1968, 10’ Filmform, Sweden
Rohfilm Wilhelm & Birgit Hein, 1968, 22‘ Arsenal- Institut für Film und Videokunst e.V.
Antigone Ula Stöckl, 1965, 9‘ Deutsche Kinemathek, Berlin


1968 – Rote Fahnen für alle

Banderas rojas ©Gerd Conradt 50 Jahre nach der 68er Bewegung zeigt das Programm  1968 – Rote Fahnen für alle verschiedene Kurzfilme, die um diese Zeit herum entstanden sind und deren ästhetische Strategien bis heute nichts an ihrer Aktualität verloren haben. Die Auswahl der Kurzfilme basiert auf dem Programm der diesjährigen Berlinale und wird von Kuratorin und Leiterin der Kurzfilmsektion der Berlinale, Maike Mia Höhne, präsentiert: „Ohne die Frage nach der gesellschaftlichen Unruhe zu stellen, wäre ein Blick auf 1968 nicht möglich – der subjektive Blick in seiner ästhetischen Vielfalt ist das Kaleidoskop, das die Verhältnisse für heute zugänglich macht. Durch die radikale Reduktion auf das Trägermaterial befreien die Künstler*innen den Film von jeglichem Narrativ und lassen eine neue Wirklichkeit durchblicken“.

1968 - Die Welt explodiert- towards a new dimension. Es gibt eine Gruppe von Menschen, die sich entscheiden, statt der Filmkamera, die Waffe, in die Hand zu nehmen, um für eine neue Gesellschaft zu kämpfen. Und es gibt die, die umgekehrt, Film ganz in sich aufnehmen, um so von einer neuen Gesellschaft erzählen zu können, wobei die Erzählung als Solche erst einmal komplett dekonstruiert wird und überhaupt verdächtig ist. Der Spielfilm ist an seine Grenzen gekommen - beruhigt nur mehr die Massen, aber ist kein Werkzeug der Erneuerung. Es braucht eine radikale Veräußerung seiner selbst- eingeschrieben in das filmische Material. Das Private ist politisch und nie wieder wird diese Arbeit am privaten und gesellschaftlichem Körper so konsequent konjugiert, diese Suche nach dem Neuen wie in dieser Zeit, weil es zugleich innerlich wie äußerlich erfahren wird. Die Filmemacherinnen setzen sich diesem Einschreiben in das Material in einer konsequenten Art und Weise aus. Weil es kaum Orte gab, wo man sich gemeinsam mit seinen Arbeiten begegnete, waren Festivals wie Knokke in Belgien, dass alle vier Jahre und 1968 zum 4. Mal stattfand sehr wichtig. Aus diesem Geist heraus wurde 1968 in Hamburg die erste Hamburger Filmschau veranstaltet. Hier trafen sich dann die Wiener Aktionisten mit den Hamburger Subversiven. Aus Köln kamen Wilhelm und Birgit Hein. Aus Grenoble hatten die Hamburger das Olympische Feuer geholt. Allem Anfang wohnt ein Zauber inne. Das Programm ROTE FAHNEN FÜR ALLE folgt dieser Suche nach radikalem Neuanfang.
 

FARBTEST ROTE FAHNEN


An der neugegründeten Schule für Film & Fernsehen, der dffb, in Berlin müssen die Studenten eine Übung mit der Kamera machen: FARBTEST ROTE FAHNEN. Gerd Conradt übersetzt diese Frage nach der Abbildung und Wirkung von Farben auf Celluloid  auf die Straßen der Stadt- zusammen mit seinen Kommilitonen tragen sie die Rote Fahne durch die Straßen der Stadt- ein Marathon. Zum Ende laufen sie die Treppen des Westberliner Rathauses hinauf: dem Sitz der Westberliner Berliner Regierung. Das Laufen, Übergeben, Tragen der Fahne findet auf den öffentlichen Straßen statt.  Stumm.
 
 

PROGRAMMHINWEISE


„Guten Abend meine sehr verehrten Damen und Herren. Bevor wir aus Grenoble die Europameisterschaften im Eiskunstlauf übertragen, gestatten Sie mir einige Hinweise zur Emanzipation der Frau. Mit Emanzipation ist die Gleichstellung von Mann und Frau in der Gesellschaft gemeint. Die gesellschaftliche Gleichstellung der Frau ist aber von den objektiven Bedingungen abhängig. Diese objektiven Bedingungen sind Produktionsprozess und Profit. Die Gleichstellung von Mann und Frau kann erst dann Wirklichkeit werden, wenn beide zu gleichen Teilen, mit gleichem Gewinn am Produktionsprozess beteiligt werden. … " PROGRAMMHINWEISE ist eine zielgerichtete Fernsehansage für alle Mädchen im Alter von 18-25 Jahren aus der Klasse der mittleren Bourgeoisie.

Programmhinweise Trailer
 

Fundenvogel


FUNDEVOGEL ist merkwürdig, wie das Filmemachen als solches merkwürdig ist. Claudia von Aleman, verquickt die Fragmente von Märchen, die ihre Kindheit begleitet haben, mit dem konkreten Umfeld, in dem sie 1968 lebt- Ulm, im Süden der Republik. Sie lässt die Märchen auferstehen- aber nicht in einer Disneyrealität, sondern in ihrer direkten Umgebung. Kein Bruch und kein Gegensatz besteht zwischen der Realität, der Verhaltensweise der Kinder und der Imagination, sie gehen ineinander über. „Sich in Bildern erinnern heißt ein wenig, die Zensur aufheben, die der in Worte gefasste Gedanke ausübt […]Beim Drehen zogen wir durch den Sumpf, durch den Wald. Die Kinder spielten etwas, und wir nahmen es auf. Oder wir schlugen ihnen etwas vor, und sie spielten mit. Eigentlich sollten in der Anfangsszene Angst und Unheimlichkeit vorkommen. Die Kinder hatten aber keine Angst in dem Bunker; sie hatten da schon oft gespielt; die Mauern, die noch standen, rissen sie ein. Dieser unterirdische, weit verzweigte Bunker war ein KZ gewesen und ein Nachschublager im Krieg. Über einer Tür stand noch, kaum lesbar: ‚Und sollt’ es durch die Hölle gehen, wir werden hinter Hitler stehn‘.“ Claudia von Alemann

Fundevogel ist Claudia von Alemans Abschlussfilm vom Institut für Filmgestaltung in Ulm. Im Anschluss dreht sie die wichtige Dokumentation EXPRIMNTL KNOKKE über das Experimentalfilmfestival im belgischen Seebad Knokke und DAS IST NUR DER ANFANG, über die Aufstände in Paris.
 

ALASKA

Ich will in das Grenzenlose Zu mir zurück, Schon blüht die Herbstzeitlose Meiner Seele, Vielleicht –ist's schon zu spät zurück! O, ich sterbe unter Euch!  Else Lasker - Schüler, Weltflucht
 
Traum meiner selbst, sagt Dore O. über ihren FIlm, Konsequenz aus dem Akt mit der Gesellschaft. Sie wird in die Wellen des Ozeans steigen- immer wieder. Meer. Strand. Die Sequenzen werden unterbrochen, von Standbildern, die wie von Außen kommend, Hinweise sind. Symbole. Die nackten Körper liegen im Sand. Dann gefriert das Wasser zu Eis. Dore O ist bildende Künstlerin und das ist deutlich zu sehen und zu spüren- sie komponiert ihren Film versus eines Gefühls.

„Alaska von Dore O. ist ein schöner Film, dies macht ihn uns verdächtig. Doch die Schönheit hat einen Haken. Sie ist nur Oberfläche; dahinter verbergen sich Grauen und Angst. Für Dore O. ist Schönheit ein Teil der Realität. Es gibt für sie eine Schönheit der Angst, wie es für Genet eine Schönheit des Mordes gibt. Alaska ist ein gefilmter Traum, ohne die plumpen, der Psychoanalyse entnommenen Metaphern, die den Traum rationalisieren und interpretierbar machen. Alaska ist ein Film, der sich nicht interpretieren, sondern nur erleben läßt.“ Klaus Bädekerl, Filmkritik 5/1969

1967 ist Dore O mit ihrem Mann, dem Filmemacher Werner Nekes, 1967 nach Hamburg gekommen. Gemeinsam mit anderen gründen sie dort die erste Hamburger FIlmmachercooperative. Ihr Ziel ist es, dem anderen Film eine Leinwand zu geben. 1968 veranstaltet die Filmmachercooperative die erste Hamburger Filmschau.
Alaska wurde von ARRI auf Grundlage der 16 mm-Kopie aus dem Archiv der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen digitalisiert. Wir danken ARRI für die Unterstützung.


MY NAME IS OONA

 
„Ich denke, dass darin ihre und die Welt meiner Kindheit vermischt sind. Als Kind fühlst du dich in deiner eigenen Welt ziemlich sicher, aber der Rest ist mysteriös und angsteinflößend – vielleicht warten da draußen Monster und Trolle, auch wenn du sie noch nie gesehen hast.“ Gunvor Nelson

MY NAME IS OONA von Gunvor Nelson. Lange hat Gunvor Nelson an der Westküste in den USA gelebt. Heute lebt sie in einem kleinen Dorf in Schweden. Ihr Kino hat das experimentelle Kino um den lebendigen Körper erweitert. Motive ihrer Filme ist ihr nächstes Umfeld. In dem sie dieses multipliziert und wieder multipliziert, macht sie es gegenwärtig und wirft den Betrachter auf sich selbst zurück. Er kann sich seiner selbst vergewissern und sicher sein. My name is läßt sich beliebig erweitern. In diesem großen Feld liegt ein heller Blick auf die Menschheit, ohne den, es nicht weiter gehen würde.

„My name is Oona“, das sagt Oona zu Beginn des Films und das wird sie durch den Film im Loop wiederholen.„Oona“ bedeutet: die Einzigartige, die Feenkönigin. Sie ist die Tochter der Filmemacherin Gunvor Nelson, die in My Name is Oonaihre Tochter beim Spielen beobachtet und damit auch ein Stück weit ihre eigene Kindheit reflektiert. Wir erleben Oona in ihrem sozialen Umfeld, mit ihren Freunden beim Kämpfen, beim Reiten. Durch unterschiedlichste Aufnahme-, Entwicklungs- und Montagetechniken reduziert Nelson die Aktionen auf das Wesentliche, gibt ihnen eine expressionistische Anmutung. So geht es nie um eine realistische Abbildung einer süßlichen Kindheit, sondern um die Abstraktion derselben. Oona zählt die Wochentage auf. Eine männliche Stimme unterbricht sie beim Aufzählen. Unterbricht damit Oonas System und ihre Logik. Oona lässt sich nur kurz irritieren, dann läuft sie schon wieder weiter. Steve Reich, der den Soundtrack für My Name is Oona produziert hat, loopt die Signale und erzeugt damit ein akustisches Gegenüber zu den konkreten Situationen. Ein Vogelpiepen ist zu hören, eine Frau die leise singt, vielleicht ein Lullaby, vertraut. Oona geht weiter.

My name is Oona Trailer
 

ROHFILM

Der Titel des Films ist Programm. Bevor nicht alles Material direkt erfasst, neu montiert, attackiert, zerstört ist kann nichts Neues entstehen. Alles andere ist nur plakativ. Das reale Bild muß zerstört werden, damit Film etwas anderes sein kann, als „Träger von außerfilmischen Aussagen."

An ROHFILM, arbeiten Wilhelm und Birgit Hein über ein Jahr. 8mm-Film und 16mm-Film wechseln sich ab, ebenso Negativ und Positiv, um jede Möglichkeit einer narrativen Aneignung des Dargestellten zu verhindern. Film als bildnerisches Medium, dessen Ästhetik auf den Eigenschaften des Filmmaterials und den Gesetzen menschlicher Wahrnehmung beruht. Es geht um die Dekonstruktion von Geschichte als Grundlage für ein Verständnis von Gesellschaft. Die Materialfilme von Wilhelm und Birgit Hein gehören zu den Pionierarbeiten des europäischen Avantgardefilms Ende der Sechzigerjahre. Sie haben mit ihren Arbeiten an der documenta 5 & 6 teilgenommen.

Rohfilm Trailer
 

ANTIGONE

Antigone von Sophokles. Ein Lehrstück über den aufstand des Individuums gegen den Staat. Aus dem weisen König Kreon wird im Kampf um den Thron ein Tyrann. Antigone lehnt sich gegen Kreon auf, weil sie sich weigert seinem Befehl zu folgen. Er verweigert ihrem rebellischen Bruder, ihren Polyneikes ein standesgemäés Begräbnis. Antigone widersetzt sich, weil sie weiß, das es ein höheres Gesetz gibt, als dass des Staates. Filmemacherin Ula Stöckl, die wie Claudia von Aleman am Institut für Filmgestaltung in Ulm Film studiert hat, schließt 1965 die Schule mit Antigone ab. Sie reduziert den Film auf 9 Minuten und die Quintessenz des Dramas. Ula Stöckl sagt über die Protagonistin: „Antigone ist eine Figur, die mich gelehrt hat, dass es immer einen Moment im Leben eines jeden Menschen gibt, wo er für sich ganz alleine entscheiden muss: Bis hierher und nicht weiter und jetzt muss ich ‚Nein‘ sagen, und wenn es das Leben kostet. Und mit unserer deutschen Geschichte war das für mich natürlich immer so eine Frage, woher hat diese Figur die innere Sicherheit genommen, wie wusste sie das, woher hatte sie den Mut, hätte ich, Ula, den Mut auch gehabt?“
Ula Stöckl richtet nicht, sie setzt sich selber der Frage aus. Mit dieser Haltung wird sie ein Leben lang Filme machen und den Deutschen Film tief beeinflussen.



Maike Mia Höhne (*1971) studierte Visuelle Kommunikation an den Kunsthochschulen in Hamburg & Havana, Kuba. Ihre Filme sind im Verleih vom Arsenal- Institut für Film und Videokunst, Berlin und der Kurzfilmagentur Hamburg. Seit 2007 ist sie Kuratorin und Leiterin der Kurzfilmsektion Berlinale Shorts der Berlinale. Sie arbeitet als Kuratorin für Institutionen und Festivals weltweit. Zur Zeit bereitet sie ihren zweiten Spielfilm vor.


Programm

Cineteca nacional

Sala 4
Freitag 10.8.             21:30     función con invitada
Samstag 11.8.          19:00     función con invitada