Mexiko City, Mexiko
Sergio Beltrán-García

Sergio Beltrán-García
Sergio Beltrán-García ist Architekt, Aktivist und Wissenschaftler in Mexiko City und beschäftigt sich mit ästhetischen und politischen Praktiken zur Aufdeckung von Menschenrechtsverletzungen und ihrer rechtlichen Verfolgung. Erinnerung bildet hierbei den Ausgangspunkt seiner Arbeit.
 

Sein Ansatz basiert auf der Konzeption und Konstruktion von Erinnerungsprozessen, wobei die Kraft der Erinnerung zur Linderung von in der Vergangenheit begangener Gewalt betont wird. Sein Projekt, The Dispersed Memorial, ist eine Reaktion auf die seitens der Politik und der Wirtschaft künstlich in die Höhe getriebenen Kosten für die Errichtung von Denkmälern, die an Opfer von Menschenrechtsverletzungen erinnern, sowie die Organisationen, die sie unterstützen und die Regierungen, die die sie befürworten oder bekämpfen. Vorgeschlagen wird ein kostengünstiges, modulares und multimediales Denkmal, das selbst zusammengebaut werden kann und dabei helfen soll, die Kluft zu verringern, die zwischen in der offiziellen Erinnerungskultur repräsentierten und von dieser ausgeschlossenen Opfergruppen besteht.

Darüber hinaus befasst sich Beltrán-García mit forensischer Architektur und unterstützt Menschenrechtsanwält*innen. Kürzlich sagte er als Sachverständiger in einem Frauenmordprozess aus. 2019 erhielt er das renommierte Chevening-Stipendium für ein Postgraduiertenstudium am Centre for Research Architecture des Goldsmiths Colleges der Universität London, um dort sein Wissen auf dem Gebiet der Gegenforensik auszubauen. Er ist Mitglied der Memory Studies Association und war Stipendiat des Aspen Institute und von Bloomberg Philanthropies.

Vorgestellte Arbeit

The Dispersed Memorial ist eine zeitgenössische Antwort auf ein dreifaches Problem: erstens das Begehren von benachteiligten Bevölkerungsgruppen ihre Rechte auf Erinnerung auszuüben, zweitens die Zunahme an staatlich finanzierten Denkmälern, die bestehende politische Ideologien reifizieren und die Thematisierung von struktureller Gewalt vermeiden, und drittens theoretische und ethische Fragen nach der Architektur zeitgenössischer Denkmäler im öffentlichen Raum mit virtuellen Mitteln.
 
Das Projekt hat die Form eines kostengünstigen und modularen Baukastens. Damit lassen sich Denkmäler als kleinformatige Stadtmöbel mit individuell anpassbaren Teilen errichten. Sie bauen allmählich ein Netzwerk von Erinnerungen auf, die durch Offline- und Online-Strategien miteinander kommunizieren. Während seines Stipendiums möchte Beltrán-García das Konzept von The Dispersed Memorial weiterentwickeln, die ersten Versionen fertigstellen und der Öffentlichkeit zugänglich machen. Er plant, die Interaktionen mit den Denkmälern, ihre Auswirkungen und politischen Folgen zu beobachten.
 
Beltrán-García war an der Entwicklung von unterschiedlichen Mahnmalen beteiligt, die verschiedener Gewalttaten und Katastrophen in Mexiko gedenken. Dazu zählen Denkmäler an die Verschleppung von 109 Bäuer*innen während der Niederschlagung des Aufstands in Mexiko in den 1970er-Jahren, an die tödliche Polizeirazzia im Nachtklub New‘s Divine im Jahr 2008 und an den Einsturz von Gebäuden während des Erdbebens von 2017. Obwohl er stets eng mit Opfern von Menschenrechtsverletzungen und deren Familien zusammenarbeitet und sich für deren Verteidigung einsetzt, wird er oft zur Zusammenarbeit mit der mexikanischen Regierung auf kommunaler, bundesstaatlicher und staatlicher Ebene eingeladen.
  • Der Bericht eines Forensic Architecture Experten in einem Gerichtssaal in Mexiko-Stadt, während des Gerichtverfahrens nach dem Femizid an Lesvy Berlin Osorio. Foto: Sergio Beltrán García

    Der Bericht eines Forensic Architecture Experten in einem Gerichtssaal in Mexiko-Stadt, während des Gerichtverfahrens nach dem Femizid an Lesvy Berlin Osorio.

  • Innenraum des 2015 erbauten New's Divine Memorial am Stadtrand von Mexiko-Stadt, das als kulturelles Gemeindezentrum für schutzbedürftige Jugendliche dient. Foto: Sergio Beltrán García

    Innenraum des 2015 erbauten New’s Divine Memorial am Stadtrand von Mexiko-Stadt, das als kulturelles Gemeindezentrum für schutzbedürftige Jugendliche dient.

  • Ein Element des New's Divine Memorial, einer ehemaligen Tanzhalle, in der 9 Jugendliche durch einen gescheiterten Polizeieinsatz ermordet wurden, deren Graffiti-Wandbilder geborgen, restauriert und neu interpretiert wurden, um Teil des neuen Gedenkraums zu werden. Foto: Sergio Beltrán García

    Ein Element des New's Divine Memorial, einer ehemaligen Tanzhalle, in der 9 Jugendliche durch einen gescheiterten Polizeieinsatz ermordet wurden, deren Graffiti-Wandbilder geborgen, restauriert und neu interpretiert wurden, um Teil des neuen Gedenkraums zu werden.

  • Memorial to the City, eine 300 Meter lange Bambusstruktur, die errichtet wurde, um gegen die fortschreitende Privatisierung des öffentlichen Raums und die Gentrifizierungsprozesse in Mexiko-Stadt zu protestieren. Foto: Sergio Beltrán García

    Memorial to the City, eine 300 Meter lange Bambusstruktur, die errichtet wurde, um gegen die fortschreitende Privatisierung des öffentlichen Raums und die Gentrifizierungsprozesse in Mexiko-Stadt zu protestieren.

  • Our Memorial 19s, eine fünf Monate andauernde Kampagne, die die Entstehung eines Denkmals verhindern sollte, welches nach dem Erdbeben in Mexiko 2017 das Vergessen und die Straffreiheit gefördert hätte. Foto: Sergio Beltrán García

    Our Memorial 19s, eine fünf Monate andauernde Kampagne, die die Entstehung eines Denkmals verhindern sollte, welches nach dem Erdbeben in Mexiko 2017 das Vergessen und die Straffreiheit gefördert hätte.

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