Cheyenne Concepcion
Randbedingungen

Randbedingungen
© Cheyenne Conception

Denkmäler entfalten wie Landkarten ihre Wirkung, indem sie die Logistik des Raumes regulieren und gewöhnlich definieren, was einbezogen und was ausgegrenzt ist – sowohl theoretisch, als auch räumlich. Obwohl sie unter dem Vorwand der nationalen Sicherheit errichtet werden, lässt die funktionale und statistische Wirklichkeit erkennen, dass es sich dabei um eine rein symbolische Geste handelt.

Ein Mittel der USA, ihren Militarismus spielen zu lassen und das exorbitante Budget für die nationale Sicherheit auszugeben. Die Grenzbefestigungen zwischen den USA und Mexiko sind ein schwerwiegendes Denkmal der Teilung. Sie erstrecken sich über mehr als 1.000 Kilometer zwischen den Schwesterstädten San Diego/Tijuana und Matamoros/Brownsville. Und obwohl es durch den derzeitigen Diskurs verlockend ist, sich auf die Tragödie, die Grenzbefestigungen an und für sich darstellen, zu konzentrieren, möchte ich mit diesem Projekt darüber hinaus blicken auf die weiter gefassten räumlichen Bedingungen, die dadurch ausgehandelt werden.

Die Mauer ist zu einem Bauwerk einer politischen Agenda geworden, zu einem Werkzeug, um die Denkweise vieler Menschen zu militarisieren, und sich auf dieses Monument zu fokussieren, lenkt nur weiter vom eigentlichen Thema ab. Die Grenze hat sich weit über Grenzmarkierungen, Zäune und Mauern hinausentwickelt, sie zieht sich in Form von Nationalparks, Militärstützpunkten, Parkplätzen, Einkaufszentren und bundesstaatlich geschütztem Land durch die Landschaft. Die Spannung zwischen den Territorialgrenzen und der Landschaft, zwischen dem Wasser und der Kultur, die sich darüber hinwegbewegen, bringt einen bestimmten Typ des Urbanismus hervor, einen Grenzurbanismus.

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Der meist genutzte Grenzübergang der Welt

Der Fußgänger-Grenzübergang „San Ysidro Port of Entry“ (PedWest) ist eine faszinierende Fallstudie für eine Grenze als Form des Urbanismus. Wenn man sich vom Virginia Avenue Transit Center in San Diego in Richtung Süden zum neuesten Fußgänger-Grenzübergang begibt, wird kurz darauf der berüchtigte Dreifachzaun sichtbar. Er ist ein Symbol für hocheffektive Grenzbauten, besteht aus drei Barrieren zu knapp fünf Metern Höhe und ist mit Stacheldrahtrollen und Überwachungskameras bestückt. Zusammen erfüllen diese Hindernisse ihre Aufgabe als monumentale Zurschaustellung nationaler Sicherheit und Macht ganz ausgezeichnet.

Der 800 Meter lange Weg durch den Grenzübergang PedWest führt vorbei an einem Las Americas Outlet Center, einem Coffee Bean & Tea Leaf, einer bundesstaatlich geschützten Flussmündung, einem privaten Parkplatz, einem Palimpsest an Zäunen und einem binationalen Fluss und endet schließlich an einem weiteren Einkaufszentrum, dem Plaza Viva Tijuana. PedWest verzeichnet täglich etwa 63.000 Grenzübergänge, wohingegen sich die tägliche Gesamtzahl von Grenzüberquerungen (per Auto und zu Fuß) auf ungefähr 300.000 beläuft, was den Ort zum meist genutzten Grenzübergang der Welt macht.
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Territoriale und Landesgrenzen sind nicht passiv, sondern produktiv

Das Borderlands Archive zeichnet Verbindungen über die territoriale Teilung hinweg durch eine Sammlung von Fotografien, Artefakten, Kunstwerken, Geschichten, Daten und Publikationen über Grenzgebiete nach. Es ist ein Forschungsprojekt, ein Experiment der Darstellungsform und eine künstlerische Geste, die auf ein kollektives Wissen über den umkämpften Raum zwischen zwei Ländern ausgerichtet ist. Dieses laufende Projekt spürt einer nicht linearen Geschichte durch angestammte Landschaften nach und ergründet Vorstellungen über Ort, Territorium und Grenze als Urbanismus in einem binationalen Kontext.

Die Arbeit bedient sich des Archivs als einem Werkzeug, bewegliche Beziehungen in dieser komplexen, gebauten und natürlichen Umwelt einzufangen, und ermutigt andere, einen Beitrag zu diesem Narrativ zu leisten. Ziel dieser Forschung ist es, bestehende Vorstellungen über feststehende Grenzen zu überwinden, indem Grenzen neu definiert werden als ausgedehnter Raum in konstantem Wandel, als Grenzbereiche. Grenzen auf diese Weise begrifflich zu erfassen, stellt die Räumlichkeit von Grenzen in den Vordergrund, was für eine Designerin wie mich ein äußerst wichtiges Mittel ist, um die komplexe Leistungsfähigkeit von Grenzen zu verstehen und Randbedingungen weiter zu definieren.
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Randbedingungen: Eine Fallstudie über PedWest

Die Fallstudie kreist um die Borderlands-Archive-Akte Nr. 01362, in der ich Artefakte über den „San Ysidro Port of Entry“ (PedWest) aufbewahre. In PedWest kann man auf nur 800 Metern sehr viel über Grenzen als Monumente lernen, die die Logistik des Raumes regulieren. Bei der Untersuchung der umgebenden Landschaft konzentriere ich mich besonders auf Praktiken der Landnutzung, die vom Staat eingerichtet werden, um das gesamte Territorium umfassend kontrollieren zu können.

Während die physische Grenze ein Monument nationaler Sicherheit, der Macht und des Andersseins ist, sind die Bedingungen in der landschaftlichen Umgebung weniger offensichtliche, aber ebenso unverrückbare Manifestationen staatlicher Kontrolle. Beide Kontrollmaßnahmen – Grenze und Ausschlusszonen – haben einen gemeinsamen Beweggrund, nämlich die Migration einzuschränken. Im Fall von PedWest lässt sich die Migration von Menschen nicht verhindern, wohl aber kontrollieren. Unten führe ich die Landnutzungspraktiken an, die am Übergang PedWest zu sehen sind, und wie die Vorstellung eines Grenzurbanismus durch den jeweiligen Ort verkörpert wird.

Akte Nr. 01362
Aktenname: Fußgänger-Grenzübergang PedWest
Koordinaten: 32.54264, -117.03641
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Der Fußgänger-Grenzübergang PedWest beginnt und endet in einem Einkaufszentrum. Damit wird ein Fluss aufgedeckt, den die USA auch über Landesgrenzen hinweg zulässt – der Kapitalfluss. Nördlich der Grenze steht das Las Americas Outlet Center, ein Bauwerk im Stil spanischer Kolonialarchitektur mit roten Dächern und Stuckwänden. Und das Plaza Viva Tijuana unmittelbar nach der Grenze auf mexikanischer Seite beherbergt viele US-amerikanische Fastfood-Ketten. Das transnationale Handelsgefälle zwischen San Diego und Tijuana lässt eine tiefe wirtschaftliche Verbindung zwischen den beiden Metropolen vermuten.

Auf der Nordseite der Grenze und östlich von PedWest ist eine innere Sicherheitszone, die sich in einer Reihe privater Parkplätze manifestiert. Obwohl Zivilisten hier Zugang haben, dient die große Parkfläche als Pufferzone für die Grenzbefestigungen. Diese Pufferzone verstärkt die willkürliche Territorialgrenze, der Parkplatz wird zu einem Mittel, den Grenzbereich zu verbreitern.

Wenn man die Rampe am Übergang PedWest hinaufläuft, erblickt man gleich südlich den Río Tijuana. Hier begegnete man im November 2018 einer Gruppe von Migrant*innen, die die Grenze illegal überqueren wollte, mit Tränengas. Auf Medienfotos erkennt man die Rampe auf der anderen Seite des Grenzzaunes. In Tijuana trifft der kanalisierte Fluss auf die Grenze und fließt in das bundesstaatlich geschützte Mündungsgebiet. Das ist ein faszinierender Ort, an dem sich bundesstaatliche Landnutzungen überlappen. Hier vereinen sich das Tijuana River National Estuarine Research Reserve, das Tijuana Slough National Wildlife Refuge und der Border Field State Park (eine ehemalige Grenzsicherungsanlage). Das ist ein Ort mit einer langen Geschichte von Infrastrukturinvestitionen und Landnutzungskontrolle. Das Mündungsgebiet umfasst etwa 1000 Hektar und reicht bis zum Pazifik. Das Gelände wird von einem Marinestützpunkt flankiert, auf dem unablässig Flugmanöver stattfinden.


Das Borderlands Archive ist ein Versuch, die von Grenzen ausgehandelten räumlichen Bedingungen zu erfassen und zu katalogisieren. Die PedWest-Akte ist eine Sammlung von Fotografien, die diese räumlichen Bedingungen einfangen wollen. Das Projekt soll unsere Vorstellung von Grenzen infrage stellen, indem es die Arten aufzeigt, in denen sich Grenzen in der sie umgebenden Landschaft manifestieren, den Grenzgebieten. Das Projekt ist fortlaufend und freut sich über Beiträge.

Mehr Informationen finden Sie unter www.borderlandsarchive.org

 

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