Berlinale 2021
Keine Trennung nach Geschlechtern

Mariette Rissenbeek, Carlo Chatrian
Foto (Zuschnitt): © Alexander Janetzko / Berlinale 2019

Die für die Berlinale 2021 geplanten Änderungen hinsichtlich der von der internationalen Jury vergebenen Schauspielpreise bedeuten eine kleine Revolution. Die berühmten Silbernen Bären gehen künftig nicht mehr an den besten Darsteller und die beste Darstellerin, sondern werden für die beste schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle und in einer Nebenrolle vergeben.

Von Lucia Conti

Die Entscheidung für die Verleihung genderneutraler Preise entspringe dem Wunsch, das Bewusstsein der Filmbranche für das Thema zu schärfen, erläutern Carlo Chatrian, künstlerischer Leiter des Festivals, und Mariette Rissenbeek, Geschäftsführerin der Berlinale.
 
Dass die Filmindustrie nach wie vor von Männern dominiert wird, ist eine Tatsache. Dennoch sind in der Branche auch zahlreiche Frauen aktiv – was nur normal ist, machen sie doch 50 % der Weltbevölkerung aus. Und auch in der italienischen Community in Berlin gibt es viele Frauen, die versuchen, ihren Weg in der Filmwirtschaft zu machen und sich dabei nicht nur mit den allgemeinen Herausforderungen der Branche, sondern auch mit Vorurteilen aufgrund ihres Geschlechts konfrontiert sehen.

Weniger vertreten, schlechter bezahlt, nur hier, um Probleme zu lösen.

Roberta Chimera

Roberta Chimera, Filmproduzentin und – neben Marco Zaccaria – Mitbegründerin der Filmschule The Visual House Berlin, hat eine klare Meinung zur Entscheidung der Berlinale, genderneutrale Preise zu vergeben. „Ich denke, dass diese Entscheidung Geschichte schreiben wird“, so Chimera. „Und ich bin sicher, dass sie zu einer Darstellung der Geschlechter im Film führen wird, die der Realität näherkommt.“ 
 
In diesem Zusammenhang zitiert Chimera die Studie von Elizabeth Prommer, Direktorin des Instituts für Medienforschung an der Universität Rostock, laut der „die Produzentinnen in der deutschen Film- und Fernsehbranche weniger Fördermittel erhalten und oftmals kleinere Budgets als die Produzenten haben, dabei aber wirtschaftlich erfolgreicher und künstlerisch mindestens genauso anerkannt sind wie ihre männlichen Kollegen.“

Roberta Chimera Roberta Chimera | Foto: © privat Die Diskriminierung erfolgt auf vielen Ebenen. „Sie betrifft nicht nur Frauen in Deutschland, sondern alle Frauen, egal in welchem Land“, erläutert Chimera. „In der Film- und Fernsehbranche sind Frauen leider nach wie vor in fast allen künstlerischen Positionen unterrepräsentiert, hinzu kommt die finanzielle Ungleichbehandlung.“ Und sie führt weiter aus: „Männer dominieren in den Bereichen Regie, Produktion, Szenenbild, Musik, Ton, Schnitt, … Im Grunde ist es einfacher, jene Bereiche aufzuzählen, in denen Frauen vertreten sind: Drehbuch, Kostümbild und Maske. Und in der Organisation natürlich! Dort, wo es irgendwelche ‚Schlamassel‘ zu regeln gilt, findet man die Frauen. Aber es wird ihnen nicht zugestanden, kreativ tätig zu sein.“
 
Dennoch bleibt Chimera optimistisch. Ihres Erachtens ist die Zahl der Initiativen, die aktiv versuchen, diese Schere zu schließen, in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Als Beispiel nennt sie die Konferenz Carla 2020, die vom internationalen Verein Women in Film and Television veranstaltet wurde. Darüber hinaus hält sie es für wichtig, dass die Berlinale bei der Programmgestaltung weiterhin zunehmend auf Diversität setzt.
 
„Filmfestivals spielen bei der aktiven Verbreitung alternativer Narrative allgemein eine wichtige Rolle, und die Berlinale gilt in diesem Bereich traditionell als besonders stark“, so Chimera. Ein Zugang, der populärer sein dürfte, als man meinen könnte: „Streaming-Plattformen wie Netflix, Amazon oder Hulu haben eindrucksvoll bewiesen, dass das Publikum kulturell aufgeschlossener ist, als man denkt.“

Trotz entsprechender Erfolge habe ich es im Vergleich zu männlichen Kollegen schwerer.“

Mara Martinoli

Diese Meinung teilt auch Mara Martinoli, die freiberuflich Kinoveranstaltungen in Berlin organisiert, die trotz kleiner Budgets überaus erfolgreich sind. Martinoli hält es für sehr wichtig, dass die Berlinale den Mut hat, Neues zu wagen und auch unkonventionelle Filme und weniger bekannte Namen zu präsentieren. „Gewöhnlich werden diese Arbeiten in den parallel laufenden Sektionen Panorama, Forum, Forum Expanded gezeigt, aber in letzter Zeit haben wir auch im Wettbewerb mutige Entscheidungen erlebt,“ erläutert Martinoli und nennt in diesem Zusammenhang zwei italienische Filme: Favolacce und Volevo Nascondermi.
 
Mara Martinoli Mara Martinoli | Foto: © privat Darüber hinaus hält Martinoli den genderneutralen Preis für eine wichtige Entscheidung und hofft, dass andere Festivals dem Beispiel folgen werden. Die Situation von Frauen in der Filmbranche beurteilt sie allerdings nach wie vor als problematisch. „Es gibt bereits Fortschritte, aber wir haben noch einen langen Weg vor uns“, so Martinoli. „Auch ich erlebe, dass ich es im Vergleich zu meinen männlichen Kollegen schwerer habe, Räume zu bekommen und Glaubwürdigkeit zu erreichen – trotz der zahlreichen Veranstaltungen, die ich bereits organisiert habe, und der Unterstützung durch wichtige Institutionen“, erzählt sie, ohne zu beschönigen.
 
Wie Chimera spricht auch Martinoli im Namen aller in der Filmbranche tätigen Frauen. „Es geht hier nicht nur um Schauspielerinnen und Regisseurinnen, sondern auch um Frauen, die in der Produktion, Distribution oder für Festivals arbeiten. Um die Leute hinter den Kulissen, die Kino möglich machen, Schritt für Schritt, vom ersten Exposé bis zur Vorführung, oder ohne die am Set nichts geht. Auch bei wichtigen internationalen Preisverleihungen werden sie oft nicht einmal erwähnt.“
 
Wir müssen daran arbeiten, dass sich diese Situation verbessert.
 
Vielleicht gelingt es ja mit Hilfe der Berlinale.

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