Filmreihe Mein Wunderbares West-Berlin

Queer as German Folk

Sa, 15.06.2019

Museo Memoria y Tolerancia

Plaza Juárez, Centro Histórico Frente a Hemiciclo a Juárez en la Alameda

Regie: Jochen Hick, Alemania, 2017, Doku, 97 Min.

My Wonderful West Berlin

Mein Wunderbares West-Berlin Cartel Der berüchtigte Paragraph 175, der ab dem Jahr 1872 sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe gestellt hatte, wurde in der Bundesrepublik erst 1994 offiziell aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Doch schon in den 1960er Jahren gab es in West-Berlin – der einzigen deutschen Stadt, in der Männer mit Männern tanzen durften – Lokale, die zum Zufluchtsort für junge Schwule aus der Bundesrepublik wurden. Unter Verwendung von bisher unveröffentlichtem, mitunter provokantem Archivmaterial, und von vielen Zeitzeugen unterstützt, erforscht Jochen Hick in seinem Dokumentarfilm die historische Entwicklung der Szene von einst bis in die aktuelle Gegenwart.


Am Himmel über Berlin fliegt eine Boeing der PanAm. Die amerikanische Airline, eine Linie der drei westlichen Alliierten, gibt es längst nicht mehr. Auch der Flughafen Tempelhof, im einstigen amerikanischen Sektor der geteilten Stadt, wurde vor Jahren geschlossen. Jochen Hick beginnt seinen Dokumentarfilm MEIN WUNDERBARES WEST-BERLIN mit Verweisen auf die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, auf eine Zeit, in der West-Berlin in vielerlei Hinsicht eine Ausnahmestellung zukam – nicht nur politisch. Schon in den sechziger Jahren herrschte im Westteil Berlins eine Liberalität, die es im Bundesgebiet nicht gab. Die Tradition der „Wilden Zwanziger“ mag dazu ebenso beigetragen haben wie der Umstand, dass die erzkonservative Politik der Bonner Republik in Berlin wenig wirksam war. So gab es in den Sechzigern auch keine andere deutsche Stadt, in der Männer öffentlich mit Männern tanzen durften. West-Berlin wurde zum Zufluchtsort und zum Magnet der deutschen Schwulen. Viele der Zeitzeugen, die der Filmemacher Jochen Hick zu Wort kommen lässt, sind keine gebürtigen Berliner.

René Koch zum Beispiel, ein Visagist, der in den frühen Sechzigern in die Vier-Sektoren-Stadt übersiedelt. Er erzählt von den damals noch reichlich vorhandenen Ruinen, zum Bespiel in der Fasanenstrasse; doch hinter den zerstörten Fassaden standen Hollywoodschaukeln: ein Zeichen des unbeirrbaren Willens, sich zu amüsieren. Der Filmemacher Rosa von Praunheim, geboren in Riga, kam nach langen Umwegen 1962 nach West-Berlin, der Verleger Egmont Fassbinder, ein Cousin von Rainer Werner Fassbinder, übersiedelte anno 1969. Klaus Schumann, Schneider und Modemacher, war 1957 in die liberale Schweiz gezogen; vier Jahre später kam er zurück nach West-Berlin, um festzustellen, dass sich in der Zeit seiner Abwesenheit so gut wie nichts verändert hatte – nicht einmal das überaus schwierige Verhältnis zu seiner Mutter.

Auch durch die Schwulen entwickelte sich in West-Berlin eine Subkultur, die es in keiner anderen deutschen Stadt je gegeben hat. MEIN WUNDERBARES WEST-BERLIN konzentriert sich vor allem auf die alten Treffpunkte der Szene, auf legendäre, meist längst geschlossene Lokale und auf die dort verkehrenden Künstler und Aktivisten. In Schöneberg gab es sogar eine reine Schwulen-Kommune – auch sie hat sich längst aufgelöst; Miethaie haben dazu ebenso beigetragen wie die Verbreitung von AIDS, die den mühsam erkämpften Strukturen, zum Beispiel der HAW („Homosexuelle Aktion West-Berlin“), schwer zusetzte. Am spannendsten wirkt Jochen Hicks Dokumentarfilm, wenn er sich auf historische und politische Querverbindungen einlässt; zum Beispiel auf eine Demonstration zum 1. Mai 1972, bei der ein „Schwuler Block“ eher naiv an der „Seite der Arbeiterklasse“ kämpfen wollte. Dabei waren die meisten der linken Heteros keineswegs Freunde der Schwulen-Bewegung, schon gar nicht in der Arbeiterschaft.

MEIN WUNDERBARES WEST-BERLIN ist eine einzigartige Chronik des Aufbruchs der Schwulenbewegung geworden, auch dank des vielfältigen und mitunter auch optisch provokanten Archivmaterials. Aber irgendwann waren die wilden Jahre vorbei, viele Aktivisten sind an AIDS gestorben, die Angst vor der Infektion mit dem Virus hat ebenso dazu beigetragen wie die gewachsene – aber auch erkämpfte – Akzeptanz, die ihren wohl sichtbarsten Ausdruck 2001 fand, als der bekennende Homosexuelle Politiker Klaus Wowereit zum Regierenden Bürgermeister Berlins gewählt wurde und sein Amt erst 2014 niederlegte. Bald darauf wurden einige Aktivisten der alten Schwulen-Szene West-Berlins mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. MEIN WUNDERBARES WEST-BERLIN ist ein manchmal schmerzhafter, aber in seinen Ausblicken durchaus zuversichtlicher Versuch, ein Stück Historie der Homosexuellen festzuschreiben. „Nur so haben wir eine Geschichte!“

Jochen Hick wurde 1960 in Darmstadt geboren. Zwischen 1981 und 1987 absolvierte er ein Filmstudium an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg und in Bologna. Seither arbeitet er als freier Autor, Regisseur und Produzent für Kino und Fernsehen. Zwischen 2007 und 2010 war er Chefredakteur und stellvertretender Programmdirektor beim TV-Sender TIMM. Jochen Hick ist auch als Dozent an der dffb Berlin tätig.

Mein Wunderbares West-Berlin im Filmdatenbank Berlinale

 

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