Perspektive Deutsches Kino „Meteorstraße“ von Aline Fischer

„Meteorstraße“ von Aline Fischer
„Meteorstraße“ von Aline Fischer | © credo:film

Wenn eine junge französische Autorin und Regisseurin einen deutschsprachigen Film über junge arabische Männer in Berlin dreht, dann ist ihr Aufmerksamkeit sicher. „Meteorstraße“ greift die aktuelle Asyl- und Zuwanderungsdebatte in Deutschland und Europa auf.

Der stets am Abgrund lebende und bemerkenswert nervige Lakdhar (großartig gespielt von Oktay Özdemir) ist das genaue Gegenteil seines introvertierten Bruders Mohammed. Dargestellt wird dieser von einem Newcomer, den man sich merken sollte: Hussein Eliraqui, ein in Deutschland lebender libanesischer Flüchtling, füllt diese Rolle mit Einfühlsamkeit, Sehnsucht, aber auch Entschlossenheit aus. Während Lakdhar das Großmaul mimt und sich immer Gehör verschafft, wird Mohammed durch eine Kameraführung charakterisiert, die sich langsam an ihr Subjekt heranwagt, es umkreist und liebkost. Stück für Stück erfahren wir, was ihn, Sohn palästinensischer Flüchtlinge und seit einigen Jahren in Deutschland lebend, zerreißt: das Nicht-Ankommen, das ständige Scheitern trotz größter Anstrengung, eine Existenz ohne Mutter und Vater (beide durften nicht in Deutschland bleiben und wurden in den Libanon abgeschoben), die Verantwortung für den fast schon psychotischen älteren Bruder, die fremdenfeindliche Grundhaltung einiger seiner Kollegen.

Sinn und Identität

Die Kulisse für die Handlung ist Berlin-Tegel, wo die Brüder gleich neben dem lärmenden Flughafen in einer gemeinsamen Wohnung leben. Der Lärm dort ist ganz ähnlich wie der im vom Krieg gezeichneten Beirut, das wir in der Eröffnungsszene sehen. Verstärkt wird diese Gegenüberstellung von einem semi-dokumentarischen Stil, der in letzter Zeit in vielen deutschen Produktionen zu finden ist, etwa in 24 Wochen oder Toro. In einer Szene wird der Flughafenlärm bewusst mit einem kontemplativen Gebet kontrastiert, das Mohammed in der kleinen Wohnung abhält. Obwohl die Brüder nicht religiös sind, sucht Mohammed doch nach Halt, nach Sinn und Identität. Der Filmtitel bezeichnet die Straße, in der die Brüder wohnen: Sie träumen von den Sternen, greifen sogar danach. In einer beeindruckenden Szene klettert Mohammed auf ein Straßenschild an der Ecke Saturnstraße/Meteorstraße.

Suche nach Zugehörigkeit

Einige Dinge lässt Aline Fischer bewusst unausgesprochen und unkommentiert, was dem Film eine wunderschöne Leichtigkeit verleiht. Trotz der düsteren und langsamen Geschichte möchte sie keinen Zeigefinger erheben. Mohammed findet kurzzeitig Aufnahme in einer Gruppe motorradfahrender Arbeiter, die Gelegenheitsjobs ausführen. Das scheint zunächst sehr echt und unkompliziert, am Ende erkennen wir, dass auch diese Beziehung ihre Tücken hat. Stets sind die Brüder allein, selbst wenn sie zusammen sind. Sie erhalten keine Unterstützung, weder von der Familie, noch von Freunden oder Kollegen. Die freischwebende Kamera kommt nah an die Protagonisten heran und lässt den Zuschauer teilhaben an deren Suche nach Zugehörigkeit und Identität.

Und gerade dann, wenn man es nicht erwartet, trifft Mohammed eine wichtige Entscheidung, die allerdings konstruiert wirkt, was die Wirkung des Films jedoch nicht mindert. Der Film ist facettenreich, voller Herzblut, genau beobachtend und wählt keine einfache Aussage. Am Schluss steht eine wunderschön verschwommene Einstellung, die das Leben der Brüder widerspiegelt.