Ballett in Deutschland „Tanz lebt vom Austausch“

„Aschenputtel” am Hessischen Staatsballett
„Aschenputtel” am Hessischen Staatsballett | Foto (Ausschnitt): © Regina Brocke

Die Tanzszene in Deutschland ist besonders vielfältig. Ein Gespräch mit Tim Plegge, Direktor des Hessischen Staatsballetts, über interaktiven Tanz, internationale Gäste und die universelle Sprache des Balletts. 

Tim Plegge Tim Plegge | Foto: © Regina Brocke Herr Plegge, zur Spielzeit 2014/15 gingen das Bundesland Hessen sowie die Städte Darmstadt und Wiesbaden eine besondere Kooperation ein: Sie gründeten das Hessische Staatsballett mit Aufführungen an beiden Orten. Was ist der Wert dieser Partnerschaft?
 
Tanz ist eine lebendige Kunstform und lebt vom Austausch. Kooperationen zwischen den Ballettsparten des Staatstheaters Darmstadt und des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden gab es seit 1975. Mit einem gemeinsamen Ballett wollten wir ein Ensemble kreieren, das nicht nur eine einzige Handschrift trägt, sondern Einflüsse von außen zulässt und Impulse aus internationalen Szenen und Kontexten aufnimmt. Davon profitieren Tänzer und Zuschauer. Gerade ist beispielsweise der Schweizer Philippe Saire bei uns Residenzgast und erarbeitet im Ballettsaal mit seinen Tänzern ein Stück. Über Workshops erhalten unsere Tänzer Einblick in seine Arbeit, in der Reihe Work in Progress können sich interessierte Besucher einen Eindruck vom Zustand der Produktion verschaffen. Dann zeigen wir die fertige Arbeit auf unserer Bühne.
 
Auch Ihr Staatsballett reist zu Gastspielen ins Ausland.
 
Es ist uns wichtig, nicht nur die Welt zu uns einzuladen, sondern in die Welt hinauszutragen, was wir hier produzieren. Wir waren in unserer ersten Spielzeit beim Belgrade Dance Festival und im Jahr 2016 beim Innsbrucker Theatersommer. Bald fahren wir mit Aschenputtel auf eine Tournee nach Spanien und nach Sankt Petersburg.
 
Wer geht heute eigentlich ins Ballett?
 
Die Besucher sind so vielfältig wie unser Programm. Sie kommen aus der gesamten Region, sind jung oder alt, Männer und Frauen. Keine Personengruppe fehlt. Wir zeigen jetzt sogar ein Stück für Null- bis Dreijährige: Farbenspiele. Die Kinder können dabei selbst mitmachen.

Die Pariser Attentate künstlerisch verarbeiten

Interaktives Theater, offene Trainings, internationale Gäste – hat sich in den vergangenen Jahren viel verändert im Ballettbetrieb?
 
Die Vermittlungsarbeit ist deutlich wichtiger geworden, man ist weggekommen vom Frontaltheater. Mit Odyssee_21 haben wir ein großes Partizipationsprojekt erarbeitet. Damit gewinnen wir Publikum aus unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. Wir zeigen den Menschen, dass wir gar nicht so elitär sind, wie manche denken. Wir räumen mit Vorurteilen auf und schaffen Vertrauen.
 
Tanztheater ist beliebt. Nach Zahlen des Deutschen Bühnenvereins gingen in der Spielzeit 2014/15 mit 1,6 Millionen Besuchern rund 200.000 mehr ins Ballett als 2004/05.
 
Oft denken die Menschen, Ballett hätte nichts mit ihnen zu tun. Aber das ist nicht der Fall. In der Spielzeit 2015/16 haben wir uns beispielsweise mit Grenzen beschäftigt. In Odyssee_21 ging es um Heimat und Fortgehen – Geflüchtete standen mit Einheimischen auf der Bühne. In Grenzgänger verschoben und überschritten Marcos Morau und Damien Jalet künstlerisch Grenzen. Jalet hat im November 2015 die Pariser Attentate unmittelbar miterlebt und diese Erfahrungen in der Arbeit Thr(o)ugh verarbeitet. Auch das von mir choreografierte Handlungsballett Kaspar Hauser ist letztlich ein aktueller Stoff: Der obdachlose Junge, mit dem niemand sprechen konnte – das Stück stellt die Frage, wie wir mit dem Fremden in unserer Gesellschaft umgehen. Das merken die Zuschauer, das lässt sie wiederkommen.

Über den Tellerrand hinausschauen

Welche Länder sind Ihrer Meinung nach wegweisend für zeitgenössischen Tanz? Arbeiten welcher Choreografen sollte man gesehen haben?
 
Die Tanzwelt in Deutschland ist so vielfältig wie fast nirgendwo sonst. In Europa war Belgien immer wegweisend für zeitgenössischen Tanz, auch Frankreich und die Niederlande. In Großbritannien gibt es mit Hofesh Shechter, Akram Khan und Wayne McGregor eine Generation von impulsgebenden Choreografen. John Cranko, der 1973 verstorbene Ballettdirektor des Stuttgarter Balletts, wurde in Kapstadt geboren – auch dort gibt es heute eine tolle Kompanie. Mit dem indonesischen Künstler Rianto haben wir einen Choreografen und Tänzer eingeladen, der den traditionellen indonesischen Tanz Lengger mit zeitgenössischen Formen verbindet. Mit solchen Künstlern lassen wir unser Publikum über den Tellerrand hinausschauen. Was Ballett und Tanz so besonders macht ist, ist die unmittelbare Sinnlichkeit. Mit dieser universalen Sprache können wir Menschen auf der ganzen Welt erreichen. 
 

Tim Plegge

wurde am Hamburg Ballett John Neumeier ausgebildet. Er studierte Choreografie an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin und wurde im Jahrbuch 2013 der Zeitschrift „tanz“ unter den Hoffnungsträgern geführt, „die hoffentlich die Zukunft bewegen“. Seit der Spielzeit 2014/15 leitet er als Ballettdirektor und Chefchoreograf das Hessische Staatsballett in Darmstadt und Wiesbaden.