Partizipation in der Kunst Werkzeug mit Widersprüchen

Platz des Europäischen Friedens in Bochum
Platz des Europäischen Friedens in Bochum | Foto: © Stadt Bochum, Referat für Kommunikation

Die Beteiligung der Bürger ist ein Schlüsselthema zeitgenössischer Kultur. Warum sie dennoch nicht unbedingt eine Demokratisierung der Kunst bedeutet.

„Participation is hot!“, heißt es auf der Website der European Academy of Participation. Partizipation im Sinne der gesellschaftlichen Beteiligung an Kunst hat Konjunktur – und ist ein wichtiges Werkzeug, so die Akademie. Sie ermögliche einen „positiven Prozess“, bei dem ein gemeinsamer europäischer Kulturraum entstehe. Das passiert in unterschiedlicher Form an verschiedenen Orten.
 
So ruft etwa das Projekt „Actopolis“ des Goethe-Instituts und der Initiative Urbane Künste Ruhr zum Handeln und Mitgestalten auf: Künstler und Aktivisten aus sieben Städten entwickeln gemeinsam Ideen und greifen mit ihren Aktionen ins Alltagsgeschehen ein – in Athen, Belgrad, Bukarest, Ankara/Mardin, Oberhausen, Sarajevo und Zagreb. Zugleich organisiert das Goethe-Institut in Frankreich eine Kooperation von zehn europäischen Hochschulen. Sie wollen gemeinsam Maßstäbe für Partizipation in Kunst- und Kulturprojekten entwickeln. In Bochum forderte der Konzeptkünstler Jochen Gerz Menschen aus Europa auf, ein Versprechen abzugeben. Die Versprechen selbst blieben geheim, die Namen der fast 15.000 Teilnehmer wurden in den Steinboden vor der Christuskirche in Bochum eingeschrieben – der Ort heißt jetzt „Platz des europäischen Versprechens“.

Eingriffe des Publikums auch künstlerisches Kalkül

Diese drei Beispiele zeigen die große Bandbreite von Projekten, die Kunst und Partizipation miteinander in Beziehung setzen. Unterschiede bestehen darin, wie das Publikum angesprochen wird, wie die Rollen verteilt sind und wie die Aktion medial vermittelt wird. Auch die Orte, die Formen der Interaktion und der Zeitrahmen unterscheiden sich. Diese Mehrdeutigkeit, Unbestimmtheit und Widersprüchlichkeit des Partizipationsbegriffs ist im Konzept selbst angelegt. Schon die wortgeschichtliche Herleitung zeigt das Spannungsfeld zwischen aktiver und passiver Teilnahme einer Person oder Gruppe: Der Begriff Partizipation setzt sich zusammen aus den lateinischen Wörtern „pars“ (Teil) und „capere“ (nehmen). Diese Ambivalenz zieht sich wie ein roter Faden durch Geschichte und Gegenwart partizipativer Kunst.
 
Spätestens seit die mazedonische Kuratorin, Kunsthistorikerin und -theoretikerin Suzana Milevska 2006 eine „partizipatorische Wende“ ausrief, ist Beteiligung zu einem Schlüsselthema zeitgenössischer Kunst avanciert. Überhaupt lässt sich eine zunehmende Entgrenzung des Kunstbegriffs beobachten: Es geht immer weniger um die Herstellung von Objekten als vielmehr von Ereignissen und Situationen. Partizipative Kunstprojekte betonen dabei das Moment von Aktivierung und Ermächtigung: Menschen wirken konkret mit an der Produktion von Wissen, von Sinn und Bedeutung, von kollektiver Erfahrung oder auch Objekten. Dabei sollte man partizipative Kunstwerke, so die Philosophin Juliane Rebentisch 2013, „nicht vorschnell (...) als eine Art Demokratisierung der Kunstproduktion missverstehen. Denn die Asymmetrie zwischen Künstler und Publikum bleibt erhalten: Die Eingriffe des Publikums ins Werk sind hier Teil des künstlerischen Kalküls; sie erfolgen in einem vom Künstler gesetzten Horizont.“

Oftmals vereinnahmt von Stadtmarketing

Wenn Künstler, Kuratoren und Theoretiker mit Partizipation als kreativer Strategie arbeiten, muss nicht nur hinterfragt werden, welche ästhetischen Prioritäten sie dabei setzen. Es geht auch darum, welche Hierarchien sie erzeugen. Außerdem muss man bedenken, dass partizipatorische Kunstprojekte oftmals als Alternative und Ausgleich zu gekürzten sozialstaatlichen Leistungen oder als Maßnahme des Stadtmarketings vereinnahmt werden. Wer entscheidet darüber, wer mitmachen darf und wer nicht – und wer trägt die Verantwortung? Lassen sich Erfahrungen aus künstlerischen Projekten und Prozessen direkt in konkrete Erkenntnis und Handlung übersetzen und in Richtlinien festschreiben? Sind Erfahrungen aus künstlerischen Projekten auf andere Bereiche wie Erziehungswissenschaften, Sozialarbeit, Kulturpolitik oder Stadtplanung übertragbar? Wie verändern sich tradierte Konzepte von Autorenschaft, künstlerischer Freiheit und ästhetischer Autonomie? Wie positionieren sich Künstler in einem zunehmend neoliberalen Diskurs von Eigeninitiative, Flexibilität, permanenter Selbstaktivierung und Selbstoptimierung?
 
Partizipative Kunst verlangt eine Antwort im Sinne des genaueren Hinguckens, Zuhörens, Anpackens. Sie gestaltet Raumerfahrungen, entwirft Dramaturgien des „Als-ob“ und markiert flüchtige Orte gesellschaftlicher Selbstverständigung. Partizipation ist immer eine Antwort. Oftmals sind es Künstler und Kreative, die eine Frage formulieren, um das Verhältnis von Kunst, Demokratie und Partizipation neu zu bestimmen. Die jeweils Angesprochenen können sich entscheiden, ob sie die Einladung annehmen und wie sie die Frage beantworten. Im Hinblick auf die Aktualität und anhaltende Konjunktur partizipativer Auftragskunst besteht immer öfter auch die Option der Verweigerung. Damit werden der Grundgedanke demokratischer Selbstbestimmung und die Idee politischer Handlungsfähigkeit bewahrt: Sie können sich entscheiden!