Documenta 15 ruangrupa leitet eine neue Ära der documenta ein

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ruangrupa | © Gudskul JinPanji 219

Das indonesische Künstlerkollektiv ruangrupa wird im Jahr 2022 die documenta 15 kuratieren. Das gab die internationale Findungskommission in Kassel bekannt. 

Nachdem die documenta 14, die von Juni bis September 2017 stattfand, in die öffentliche Kritik geraten war, deuteten viele Zeichen auf signifikante Veränderungen für die Weltkunstausstellung hin. Diese Vermutungen wurden am 22. Februar 2019 schließlich bestätigt: die achtköpfige internationale Findungskommission teilte mit, dass man einstimmig beschlossen hätte, dem Künstlerkollektiv ruangrupa aus Indonesien die künstlerische Leitung der documenta 15 anzuvertrauen.
 
Die Nachricht war ein doppelter Paukenschlag: Es ist eine Premiere in der Geschichte der documenta, dass nicht eine Einzelperson, sondern eine ganze Gruppe von Kuratoren die Führung übernimmt, und es ist ebenfalls das erste Mal, dass die künstlerische Leitung aus Asien stammt. Warum also jetzt?
 
Die Findungskommission erklärte, dass ihre Entscheidung vor allem darauf beruhte, dass ruangrupa in der Vergangenheit bereits gezeigt habe, „vielfältige Zielgruppen – auch solche, die über ein reines Kunstpublikum hinausgehen – anzusprechen und lokales Engagement und Beteiligung herauszufordern“.
 
Weiterhin heißt es in der offiziellen Pressemitteilung: „Ihr kuratorischer Ansatz fußt auf ein internationales Netzwerk von lokalen Community-basierten Kunstorganisationen. Wir sind gespannt, wie ruangrupa ein konkretes Projekt für und aus Kassel heraus entwickeln wird. In einer Zeit, in der innovative Kraft insbesondere von unabhängigen, gemeinschaftlich agierenden Organisationen ausgeht, erscheint es folgerichtig, diesem kollektiven Ansatz mit der documenta eine Plattform zu bieten.“
 

Kunst im öffentlichen Raum

In der indonesischen Kunst-und Kulturszene ist ruangrupa ein längst bekannter und etablierter Name. Gegründet im Jahr 2000 in der indonesischen Hauptstadt Jakarta ist ruangrupa – was übersetzt so viel wie „Raum der Kunst“ bedeutet –  ein im Kern zehnköpfiges Kollektiv aus Künstlern und Künstlerinnen und Kreativen mit einem eigenen Kulturzentrum in Süd-Jakarta, das sich vielseitig engagiert. Als gemeinnützige Organisation fördert das Kollektiv die Verbreitung von Kunstideen im urbanen Kontext und das breite Spektrum der Kultur durch Ausstellungen, Festivals, Kunstlabors, Workshops, Forschungen sowie Veröffentlichungen von Büchern, Zeitschriften und Online-Magazinen.
 
ruangrupa ist auch ein langjähriger Partner des Goethe-Instituts in Indonesien und war in verschiedenen Projekten und Kollaborationen involviert. Im Jahr 2015, als das Goethe-Institut Indonesien zusammen mit der Deutschen Botschaft Jakarta sowie der Deutsch-Indonesischen Industrie-und Handelskammer EKONID die Deutsche Saison veranstaltete, leitete Ade Darmawan gemeinsam mit dem einflussreichen deutschen Künstler Tobias Rehberger „Market Share“. Das Projekt beschäftigte sich mit dem Thema des öffentlichen Raums und der urbanen Realitäten in Jakarta. Die Arbeiten der teilnehmenden Künstler und Künstlerinnen aus Indonesien und Deutschland entstanden über mehrere Wochen hinweg auf einem typisch indonesischen Markt im Süden Jakartas, teilweise in Zusammenarbeit mit den Händlern und Verkäufern vor Ort.
Market Share 2015 Market Share 2015 | © ruangrupa - KDIP Viscom Auch international hat ruangrupa Spuren hinterlassen. Das Kollektiv war bereits an vielen Kooperations- und Ausstellungsprojekten beteiligt, u.a. der Gwangju Biennale (2002 und 2018), der Istanbul Biennale (2005), der Asia Pacific Triennial of Contemporary Art (Brisbane, 2012), der Singapore Biennale (2011), der São Paulo Biennale (2014), der Aichi Triennale (Nagoya, 2016) und Cosmopolis im Centre Pompidou (Paris, 2017). 2016 kuratierte ruangrupa TRANSaction: Sonsbeek 2016 in Arnheim, Niederlande. Selbst die documenta ist kein Neuland für ruangrupa: bei der vergangenen Edition war die Gruppe mit ihrem Internetradio Partner des Radioprojekts Every Time a Ear di Soun.

ruangrupa Aichi Triennale 2016_ruru Gakko ruangrupa Aichi Triennale 2016_ruru Gakko | © ruangrupa Mit der Übernahme der künstlerischen Leitung der documenta 15 rücken ruangrupa und Indonesien ins Rampenlicht, doch Ade Darmawan und Farid Rakun, die dem Künstler-Kollektiv angehören, haben bereits große Pläne für 2022.
 
„Wir wollen eine global ausgerichtete, kooperative und interdisziplinäre Kunst- und Kulturplattform schaffen, die über die 100 Tage der documenta 15 hinaus wirksam bleibt“, sagten sie bei der Pressekonferenz in Kassel.
 

Neuer Schwung für die documenta

„Unser kuratorischer Ansatz zielt auf ein anders geartetes, gemeinschaftlich ausgerichtetes Modell der Ressourcennutzung – ökonomisch, aber auch im Hinblick auf Ideen, Wissen, Programme und Innovationen. Wenn die documenta 1955 antrat, um Wunden des Krieges zu heilen, warum sollten wir nicht versuchen, mit der documenta 15 das Augenmerk auf heutige Verletzungen zu richten? Insbesondere solche, die ihren Ausgang im Kolonialismus, im Kapitalismus oder in patriarchalen Strukturen haben. Diesen möchten wir partnerschaftliche Modelle gegenüberstellen, die eine andere Sicht auf die Welt ermöglichen.“
 
Die documenta, initiiert vom Kasseler Kunstprofessor und Designer Arnold Bode und 1955 zum ersten Mal ins Leben gerufen, gilt weltweit als eine der bedeutendsten Ausstellungen für zeitgenössische Kunst. Sie findet alle fünf Jahre statt und kann seit ihrer Gründung auf stetig wachsende Besucherzahlen zurückblicken.
 
2017, unter der künstlerischen Leitung des polnischen Kurators  Adam Szymczyk, fand die documenta erstmalig in zwei Städten statt, in Kassel und Athen. Obwohl die documenta 14 mit über 1 Million Besuchern an beiden Ausstellungsorten einen Rekord verzeichnen konnte, wurde Kritik laut – nicht nur aufgrund des finanziellen Defizits, sondern auch wegen der inhaltlichen Ausrichtung: schwer zu erfassen, kaum verständlich.
 
So gesehen scheint die Wahl von ruangrupa genau das Richtige zu sein, um frischen Wind in die documenta zu bringen: Durch einen bewusst partizipatorischen Ansatz und die jahrelange Erfahrung im Aufbau von Netzwerken soll die Gruppe dafür sorgen, dass man Kunst wieder leben und erleben darf, anstatt sie lediglich anzusehen.