Internationaler Hilfsfonds 2020
Theater ohne Theater

Testaufnahmen für eine Aufführung des Royal District Theatre
Testaufnahmen für eine Aufführung des Royal District Theatre | Foto (Ausschnitt): © Gika Mikabadze

Die Anti-Corona-Maßnahmen trafen den georgischen Kultursektor unvorbereitet – auch das Royal District Theatre in Tbilissi. Der Dramaturg Davit Gabunia berichtet, wie es dank Mitteln aus dem Internationalen Hilfs­fonds 2020 des Goethe-Instituts, des Aus­wärtigen Amts und weiterer Stiftungen und Kulturmittlerorganisationen dennoch weitergehen konnte.

Das Royal District Theatre, ein Gebäude aus dem 19. Jahrhundert und ein wichtiger Ort für jüngere Theatermacher, wurde im März 2020 geschlossen. Georgien hat strenge Maßnahmen ergriffen, um die COVID-19-Pandemie zu bekämpfen und seitdem keine kulturellen Einrichtungen wieder geöffnet. Eine harte, neue Realität, der sich der lokale Kultursektor stellen muss, und er erwies sich als völlig unvorbereitet, wie Data Tavadze, Direktor des Royal District Theatre, zugibt.
 
Die Gruppe junger Theatermacher, die im Studio des Royal District Theatre arbeiten und studieren, reagierte auf die Frühjahrssperrung mit einer neunstündigen Live-Performance. Drei Schauspieler waren im Foyer des Theaters „gefangen“ und teilten mit dem Publikum (draußen auf der Straße und online) Geschichten sechs junger Autoren – Geschichten von Isolation, Verzweiflung, Hoffnung, Freude, Wut und Traurigkeit. Das war im Juli, gleich nach der Lockerung des Lockdown. Die Theater blieben allerdings geschlossen, weshalb die Künstler entschieden, im Eingangsbereich aufzutreten. Alle hatten ein seltsames Gefühl – man ist im Theater, aber man kann nicht hinein. Die perfekte Metapher für das momentane kulturelle Leben in Georgien.

„There’s Drama“ – neunstündige Performance im Foyer „There’s Drama“ – neunstündige Performance im Foyer | Foto (Ausschnitt): © Gika Mikabadze
Die georgische Regierung entschied, dass Kultur nicht „lebenswichtig“ sei und deshalb blieben wir den ganzen Sommer und Frühherbst über geschlossen, während alles andere im Land wieder öffnen konnte. Wir durften proben, aber nicht auftreten und vor allem durfte das Publikum das Haus nicht betreten. Wir mussten also schnell überlegen, wie wir uns an diese seltsame Situation anpassen konnten. Unsere eigenen begrenzten Mittel waren für wesentliche Veränderungen kaum ausreichend, und das war der Moment, in dem wir vom Internationalen Hilfsfonds erfuhren und beschlossen, uns zu bewerben. Wir sind Enthusiasten, bereit, Inhalte zu produzieren, wichtige Themen anzusprechen, das Publikum herauszufordern und zu provozieren, aber dafür brauchten wir dringend Ausrüstung, wir konnten es uns einfach nicht leisten, jedes Mal alles zu mieten.

Nach dem Stillstand

Jetzt bereitet das Theater ein vollständig digitales Programm vor. Die Schauspieler sind nach einer langen Phase des Stillstands intensiv bei der Arbeit. Zahlreiche Anpassungen müssen vorgenommen werden. „Es ist nicht dasselbe, ob man vor einem Theatersaal voller Menschen oder vor einer Kamera spielt. Wir sind gewohnt, mit den Zuschauern zu interagieren“, meint Soso Khvedelidze, Ensemble-Schauspieler. Sie proben gerade ein neues Stück, eine Zusammenarbeit von Dramaturgen, Regisseur und Schauspielern – ein nachdenklich stimmendes und selbstkritisches politisches Stück über die Bedeutung der Kunst im gesellschaftlichen Leben. Der Regisseur, Data Tavadze, ergänzt, dass sie noch keinen Titel für die Aufführung haben, aber das bereite ihnen die geringsten Sorgen. „Titel können warten, die Arbeit nicht. Mit diesem Stück versuchen wir zu erkunden, ob wir die Kunst wirklich brauchen. Ist sie von entscheidender Bedeutung, kann sie zum Leben des Landes im Allgemeinen beitragen? Das ist eine schmerzhafte, aber dringend notwendige Fragestellung“, fügt er hinzu.
Video: Royal District Theatre Tbilisi | Video: © Royal District Theatre, Goethe-institut e. V.
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Noch gravierender als die technischen Probleme sind die Hürden aufgrund der pandemiebedingten Einschränkungen. Einer der wichtigsten Pläne war es, draußen zu spielen, eine Reihe von simultanen Performances in den Straßen zu geben. Dies muss aktuell noch von der Stadtverwaltung genehmigt werden. Aber ein Blick auf die Arbeit der Gruppe gibt eine Antwort auf die Frage, der sie nachgehen: Die Bedeutung der Kultur darf nicht unterschätzt werden. Und die aktuelle Pandemiekrise ist der entscheidende Moment für Theatermacher, ihre Relevanz unter Beweis zu stellen: Kultur kann nicht abgesagt werden.
 

Autor

Davit Gabunia ist Dramaturg am Royal District Theatre.