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Cora Knoblauch
Radioeins-Reporterin in Kuala Lumpur

Cora Knoblauch auf der Heli-Bar in Kuala Lumpur
Cora Knoblauch auf der Heli-Bar in Kuala Lumpur | Foto (Zuschnitt): © Rolf Stehle

Die Journalistin Cora Knoblauch von radioeins verbrachte den gesamten Oktober in Kuala Lumpur in Malaysia. Was tat sie dort? Sie war im Rahmen des Journalistenaustauschs Nahaufnahme des Goethe-Instituts zu Gast bei dem malaysischen Radiosender „BFM 89,9“, der radioeins dann wiederum im November einen Kollegen schickt.

Cora Knoblauch im Gespräch mit Volker Wieprecht
 

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Hallo Cora bzw. wie würde ich Dich jetzt adäquat auf malaysisch begrüßen?

„Hast Du schon etwas gegessen?“ Essen ist hier das Allerwichtigste, ohne warme Mahlzeit im Magen, ist man quasi kein Mensch. In den tausenden Restaurants und Straßenküchen in Kuala Lumpur kannst Du zu jeder Tages- und Nachtzeit warm essen, diese festen Mittags und Abendbrot Zeiten wie bei uns gibt es eigentlich nicht. Du kannst auch morgens um zehn ein Hühnchen Curry bestellen, völlig normal.

Nun bist Du aber nicht nach Kuala Lumpur entsandt, um nur zu Essen, sondern um Radio zu machen bzw. Dir anzuschauen, wie dort Radiojournalisten arbeiten. Was sind denn die größten Unterschiede?

Ehrlich gesagt, war ich ziemlich überrascht, am anderen Ende der Welt einen Sender zu finden, der radioeins wahnsinnig ähnlich ist. BFM - so heißt der Sender - ist quasi das radioeins von Kuala Lumpur. Insofern fühle ich mich ein bisschen wie zuhause.

Es gibt allerdings einen großen Unterschied, den wir in Deutschland nicht kennen: die Zensur. Malaysias Staatsreligion ist der Islam, neben dem zivilen Gesetz gelten hier für die Muslime zumindest Scharia-Gesetze. Insofern gibt es Themen, über die man als Journalist hier nicht so ganz einfach schreiben und sprechen kann: z.B. Homosexualität und Abtreibung - um mal zwei zu nennen.

Radio machen in Malaysia

Wie sieht das im Alltag von BFM, dem Sender, bei dem Du zu Gast bist, denn aus?

BFM bearbeitet diese Themen trotzdem! Der Sender gilt als der einzige freie Sender in Kuala Lumpur. BFM hat regelmäßig Aktivisten im Interview, die sich beispielsweise für die Akzeptanz von Homosexualität und Transgender einsetzen oder gegen Kinderehen oder Frauenärzte, die sich um unverheiratete schwangere junge Mädchen kümmern. Aber die Moderatoren müssen sich vorher genau überlegen, wie sie ihre Fragen formulieren. Manche Worte werden dann nicht ausgesprochen. Bevor man Ärger mit einem Scharia Vertreter bekommt, zensiert sich der Moderator vorher selbst. Anstelle von „Abtreibung“ spricht der Moderator mit der Frauenärztin über „Familienplanung“. Die Hörer wissen aber was gemeint ist. Und diese Sendungen habe eine gute Zuhörerquote.

Ist das BFM denn schon einmal passiert? Also dass da die Scharia-Polizei vor der Tür stand?

Ja, ein paar Mal. Es gab dann zeitraubende Verhöre mit dem Moderator, dem Redakteur und dem Chefredakteur von BFM. Am Ende durfte BFM seine Zulassung aber immer behalten. Schwieriger sieht es oft für Interviewgäste aus, wenn sie sich zu offen aussprechen. Eine islamische Frauenorganisation, die sich unter anderem gegen Vielehe und gegen Kinderehen einsetzt, hat aufgrund von Interviews schon einmal eine Fatwa ausgesprochen bekommen. Beim Radiosender BFM 89,9 Foto (Zuschnitt): © Cora Knoblauch

Verbote führen zu Rumtrickserei

Du sagst, der Islam ist Staatsreligion in Malaysia, es gelten Scharia Gesetze. Wie gut kommst Du denn als westliche Frau damit klar? Oder: welche Auswirkungen hat das denn für Dich?

Erstmal keine. Kuala Lumpur ist ja eine Großstadt. Die Hälfte der Einwohner von Kuala Lumpur sind Chinesen oder chinesischer Abstammung, zudem leben hier viele Inder, die sind beide in der Regel keine Muslime und tragen folglich auch keine muslimische Kleidung. In der malaysischen Verfassung ist neben der muslimischen Staatsreligion übrigens explizit verankert, dass andere Religionen zu tolerieren sind. Es gibt also im öffentlichen Leben keine Kleidervorschriften und chinesische Pagoden und Hindu Tempel stehen mit Moscheen in einer Straße. Also ich werde hier nicht schräg angeschaut, wenn ich in kurzen Hosen rumlaufe - ich meine hier sind jeden Tag 32 Grad Celsius!

Aber es gibt mindestens zwei Dinge, wo dann dieses zuerst so bunte religiöse Multikulti auseinanderfällt. Erstens: es gibt hier keine Hunde draußen auf der Straße. Hunde sind im Islam absolut haram. Wer hier einen Hund hält, muss das mehr oder weniger heimlich machen und sich gut mit seinen Nachbarn verstehen, denn wenn die einen Hundehalter melden, ist er seinen Hund schnell los. Daher auch keine Hundekacke auf den Straßen.

Und der zweite Knackpunkt - damit wären wir wieder beim Thema Essen - sind die Restaurants. In der Regel servieren alle Restaurants, egal ob indisch oder Thai ihr Essen halal. Auch in Hotels wird ausschließlich halal gekocht: also kein Schweinefleisch und noch ein paar andere Regeln. So, aber nun zu den 50 Prozent Chinesen: Die kochen natürlich nicht halal. Was wäre ein chinesisches Restaurant ohne knusprig gebratene Schweinerippchen!?

Streng genommen darf ein Chinese sich sein Schweinerippchen nicht mit ins Büro nehmen, weil es die ganze halal Umgebung zerstört. BFM ist da nicht so streng, hier bringen alle das Essen mit ins Büro, was sie mögen. Ist aber die Ausnahme. Und ein Moslem darf umgekehrt auch kein chinesisches Restaurant betreten.

So, nun gibt es viele Mischehen, also ein Teil ist beispielsweise chinesisch stämmig und nur für die Hochzeit zum Islam konvertiert. Da sie nun chinesische Restaurants offiziell nicht mehr betreten dürfen, schicken sie einen nicht-muslimischen Freund, der ihnen das Essen mitbringt. Und dann essen sie es zuhause oder irgendwo, wo sie niemand sieht. Wie immer: Verbote führen zu Rumtrickserei! 

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