Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Katrin Hartmann
Alles wieder im Fluss?

Alles wieder im Fluss?
Alles wieder im Fluss? | Foto (Zuschnitt): © Jeffrey Hernaez

1990 wurde der Fluss Pasig offiziell für biologisch tot erklärt. Ein Renaturierungsprogramm hat dem Fließgewässer der philippinischen Hauptstadt wieder Leben eingehaucht und dafür jetzt einen internationalen Preis erhalten. Aber, es gibt noch viel zu tun. 

Von Katrin Hartmann

Manila – Über dem schimmernden Wasser kreisen Weißbart-Seeschwalben und Lachmöwen. Unter ihnen paddelt ein Mann mit einer Schirmmütze. Er gleitet langsam über den Pasig, sein Kanu ist aus Styropor. Der Paddler blickt nach links, dann nach rechts und manövriert seinen quaderförmigen Einsitzer zu einem schwimmenden Ding. Er streckt seinen braungebrannten Arm in den Fluss und fischt Reste einer alten Plastikflasche heraus. 

„Die Menschen hier sind erfinderisch“, sagt George Oliver dela Rama, Sprecher der Pasig River Rehabilitation Commission (PRRC), ein Renaturierungsprogramm der philippinischen Regierung, der gerade auf Patrouille ist und das Treiben vom Boot aus beobachtet. „Sie haben nichts und versuchen sich mit dem Verkauf von Plastik über Wasser zu halten.“ Eigentlich sei das Geschäft mit dem Müll illegal, sagt er, aber immerhin würden die Sucher dabei helfen, einen kleinen Teil des Abfalls wegzuschaffen, den die Einwohner nach wie vor in den Fluss kippen.

George dela Rama vom Renaturierungsprogramm PRRC Impressionen – Alles wieder im Fluss? George dela Rama vom Renaturierungsprogramm PRRC | Foto: © Jeffrey Hernaez
Der Pasig, der sich auf 27 Kilometern durch die Metropolregion Manila schlängelt, zählt weltweit immer noch zu den Flüssen, die den meisten Plastikmüll ins Meer hinaustragen. Laut Greenpeace strömen jedes Jahr mehr als 67.000 Tonnen Müll flussabwärts, hauptsächlich zur Monsunzeit. Einer Studie der „Nature Communications“ zufolge hat genau das dem Pasig den Titel als „zweitdreckigster Fluss der Erde“ eingebracht. Weltweit sind es laut Greenpeace jährlich etwa acht Millionen Tonnen Kunststoff, die im Meer landen. Mit anderen Worten: „eine Lkw-Ladung Plastikmüll pro Minute“, schreibt die Umweltschutzorganisation.

Das Problem des Pasigs reicht zurück in die 1980er-Jahre, als sich Industrie und andere Fabriken am Ufer ansiedelten und Chemikalien und Industriemüll im Fluss entsorgten. In den 1990er-Jahren wurde der Pasig für biologisch tot erklärt. Kein Fisch, keine Pflanze, kein anderes Lebewesen waren fähig, in dem Gewässer zu überleben. In manchen der 47 Flussarme konnte das Wasser ohne Brücke, nur auf angehäuften Plastikbergen, überquert werden. Dem Metropolraum mangelt es an geeignetem Land für Deponien. Manila hat zwar ein städtisches Abfallsystem, dieses wird aber in 17 Lokalverwaltungen betrieben. Die Folge: Chaos und Ineffizienz. Mit dem wachsenden Müll sind die Strände verschwunden. Stattdessen ließen sich an den verdreckten Uferstreifen ganze Dörfer aus zusammengezimmerten Blechhütten nieder.

Der Pasig-Fluss bekommt einen Preis

Vor allem dagegen konnte das Renaturierungsprogramm der PRRC in den vergangenen Jahren wirken. Zirka 18.000 Menschen wurden von den schwimmen Müllbergsiedlungen in Wohnblöcke flussabwärts umgesiedelt. Vor allem deshalb wurde das Programm jetzt mit dem Asian River Prize der Internationalen Fluss Stiftung (International River Foundation – IRF) ausgezeichnet. David, der Pasig-Fluss, schlug dabei Goliath, den Yangtze-Fluss in China. Weitere Gründe für die Auszeichnung waren die Stärkung des lokalen Umweltbewusstseins, die Erhaltung von 37.000 Metern Flussufer, die Reinigung von 17 Flussarmen und die Umleitung von fast 22 Millionen Kilogramm Abfall.

Das Patrouillenboot schippert unter einer Brücke hindurch. Auf den Brückenpfeilern stehen dicht gedrängt zehn Jungen, die sich einen Spaß daraus machen, von dem sieben Meter hohen Vorsprung ins Wasser zu springen: mit Salto, ohne Salto, mit zugehaltener Nase, mit zappelnden Beinen. Als das Boot kurz wendet, damit die Gäste an Bord ein paar Schnappschüsse machen können, legen die Kinder nochmal nach, wackeln mit den Hintern, tanzen, lachen.

„Die Natur kommt zurück”

George dela Rama lacht zurück. „Hat jeder ein Foto?”, fragt er. Der 34-Jährige ist seit drei Jahren Sprecher des Renaturierungsprogramms, das 1999 von der Regierung gegründet wurde. „Wir haben viel geschafft“, sagt er und deutet auf die Vögel, die über den unzähligen Inseln aus Wasserhyazinthen kreisen. „Die Natur kommt zurück“, sagt er und klingt begeistert dabei. Unter Wasser gebe es sogar wieder acht verschiedene Fischarten.

Eine der Wasserhyazintheninseln ist zu groß, bemerkt der Kapitän. Langsam lässt er den Kahn an das Inselgewächs herantreiben. Zwei Helfer kurbeln ein Gitter mit Öffnung am Bug herunter. Wie im Maul eines Nilpferds wird das schwimmende Gewächs verschluckt. Die Männer ziehen die Pflanze hoch. Zum Vorschein kommen auch ein alter Latschen und eine Plastikflasche. Sie stopfen die Pflanze in einen Sack. „Wenn die Hyazinthen über eine bestimmte Größe hinauswachsen, sinken sie auf den Boden und verstopfen den Fluss“, erklärt dela Rama. Das Herausfischen von Dingen gehöre deshalb zur alltäglichen Routine.

Die finanzielle Unterstützung durch die Regierung sei mager. „Wir haben nur zwei Boote, die wir einsetzen können“, sagt dela Rama. Mit vier bis zehn Personen prüft die Organisation mehrmals die Woche die Zuflüsse und das Wachstum der Wasserhyazinthen. „Täglich können wir leider nicht herausfahren, dafür fehlt uns das Benzingeld.“ In den vergangenen acht Jahren wurden vier Millionen US-Dollar für das Programm zur Verfügung gestellt. „Peanuts im internationalen Vergleich“, sagt dela Rama.

für Pendler Wären mehr Fähren sinnvoll

Die PRRC arbeitet als Partner mit der Metro Manila Development Authority (MMDA) zusammen, dem philippinischen Infrastrukturministerium, das nicht nur das Müllproblem des Pasigs bearbeitet, sondern auch Lösungen für den ungebrochen starken Verkehr im Metropolraum finden muss. George dela Rama hat dafür eine Idee: „Wenn wir auf dem Fluss vier Fähren pro Stunde fahren lassen könnten, würden wir 78.000 Pendler von den Straßen holen.“

Ist die Renaturierung des Flusses überhaupt zu bewältigen? „Es gibt noch viel zu tun. Das, was wir geschafft haben, ist nur ein Anfang“, sagt dela Rama und blickt auf die winkenden Menschen und Angler am Flussufer. „Das wichtigste ist, dass die Menschen begreifen, dass der Pasig ihr Lebensraum ist.“

Top